Heidenheim Draufgeblickt (33): Das neue und alte Gesicht des Schlossbergs

Heidenheim / Manfred F. Kubiak 05.09.2018
Volkskunst und Minigolf, „Hennenest“ und Hotel, Musikpavillon und Congress-Centrum: der Heidenheimer Schlossberg im Wandel der vergangenen 100 Jahre.

Perplex nach einer Runde über den Heidenheimer Schlossberg sind nach wie vor Auswärtige insbesondere aus der näheren Nachbarschaft. Allein das bauliche Ensemble aus Schloss, Hotel, Congress-Centrum und Naturtheater beeindruckt. Erzählt man dann noch, was hier einst war und wie es zu dem kam, was nun ist, wiegt der Eindruck sogar meist doppelt schwer. Und wenn schließlich die Rede darauf kommt, dass hier oben vor allem ein Kulturbetrieb herrscht, der in Städten vergleichbarer Größe wohl nicht Seinesgleichen findet, machen sogar Auswärtige aus Metropolen große Augen. Also erzählen wir doch mal, wenigstens aus den vergangenen hundert Jahren.

Wir beginnen also nicht beim staufischen Wehrturm aus dem 11. Jahrhundert und übergehen auch die Wandlung von der Burg zum Schloss, sondern finden uns auf dem Berg des Jahres 1924 ein, in dem das Schloss und die Ruine des Rittersaals tatsächlich einen Nachbarn bekamen, als nämlich die 1919 gegründete Volkskunstvereinigung ihr Naturtheater baute, dessen angestammtes Areal nach einer Reihe von Erweiterungen und Umbauten längst über die ursprünglichen Grenzen gewachsen ist.

Und selbst der Name des Vereins ist nicht der geblieben, der er einmal war: Um das Jahr 1946 wurden aus der Volkskunstvereinigung die Volksschauspiele, seit 2002 firmiert man schlicht, aber sofort nachvollziehbar unter Naturtheater. Denn das steht ja nach wie vor und zog seit 1924, als „Wilhelm Tell“ auf dem ersten Spielplan stand, bis heute rund zwei Millionen Besucher an.

Städtebauliche Kettenreaktion

Dreizehn Jahre nach dem Naturtheater dann der nächste Nachbar: das „Hennenest“. So wurde die von der Familie Henne 1937 eröffnete Schlossgaststätte genannt, die im Verlauf der Geschichte zweier Generationen von Wirten sogar noch öfter umgebaut und erweitert wurde als das Naturtheater.

Zu diesem Ensemble hinzu gesellten sich – mal abgesehen von Wildpark und Streichelzoo und davon, dass im Jahr 1964 im Rittersaal noch schnell die Opernfestspiele erfunden wurden – über weitere Jahre hinweg noch die Minigolfanlage, aus dessen Kassenhäuschen im Laufe der Zeit und durch die auf dem Schlossberg beliebten Um- und Anbauten die Heimstatt des Betreibers Karl Hitzler erwuchs, ein Musikpavillon und – da war auch noch ein Klohäuschen.

So sah's aus. Bis 2003. Dann schloss, nach 66 Jahren, das „Hennenest“, was eine städtebauliche Kettenreaktion ermöglichte. Denn im Rathaus, wo man schon länger eine Stadthalle plante, und aus den Reihen der Industrie, die beinahe ebenso lange ein Hotel forderte, richteten sich nun alle Augen auf den Schlossberg.

Und bereits 2004 machte man tabula rasa. Zunächst verschwand die Minigolfanlage samt dem Wohnhaus von Karl Hitzler. Ein Umstand, den der frühere Stadtrat, der vier Jahre zuvor über 90-jährig verstorben war, vermutlich als Triumph gefeiert hätte, war Hitzler doch 1993 vielbelächelt öffentlich mit der Forderung nach einer Stadthalle auf dem Schlossberg und einem dieser Vision Form gebenden, von ihm in Handarbeit gefertigten Modell bei der Stadtverwaltung vorstellig geworden.

Elf Jahre später, nachdem auch der Musikpavillon, die Schlossgaststätte, das dazugehörige Wohnhaus – und das Klohäuschen – dem Erdboden gleich gemacht worden waren, war man in Heidenheim endgültig auf dem Weg, einen vermeintlichen Witz in die Realität umzusetzen und trug nach einem von der Stadtverwaltung ausgeschriebenen Wettbewerb das Modell des Stuttgarter Büros Dasch, Zürn und von Scholley den Sieg davon.

Selbstverständlich sahen nicht wenige Heidenheimer damit die Verschandelung für all dessen zukünftige Tage wenn nicht das Ende des Schlossbergs gekommen. Doch die Architekten aus der Landeshauptstadt „vergruben“ das Congress-Centrum regelrecht dort, wo einst der Kinderfestplatz zu finden gewesen war, und blieben mit dem sich eher duckenden Hotel sogar weiter vom Schloss entfernt, als es die Gaststätte gewesen war.

Der geschärfte Blick

Im Endeffekt wurde seit der Eröffnung der beiden neuen Nachbarn im September 2009 der Blick aufs Schloss eher geschärft, als verstellt. Und es finden Großveranstaltungen jeglicher, vor allem aber kultureller Art nicht mehr länger in Sporthallen oder überhaupt nicht statt, sondern im Congress-Centrum, dem CC, das darüber hinaus, als Festspielhaus, zum Ausweichquartier der Opernfestspiele wurde, die nun auch bei schlechtem Wetter dem Publikum eine Inszenierung in dem Bühnenbild bieten können, das bei Freilichtaufführungen im Rittersaal die Szene bestimmt. Bis 1976 war man, falls nötig, bei Regen oder Kälte in die Schlosskirche ausgewichen, ab 1977 ins Konzerthaus und von 1994 bis 2008 in die Waldorfschule.

Wie gesagt, Auswärtige staunen. Und die Heidenheimer haben sich gut und gerne an die neuen Verhältnisse gewöhnt. Es dürfte schwierig sein, noch jemand zu finden, der sich den Schlossberg im Zustand des Jahres 2003 zurückwünscht.

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