Kunst Türmle: "Der Betrachter soll sich bewegen"

Die Bildermaße entsprechen den Dimensionen von Fenstern russischer Bahnwaggons: Der in Minsk geborene, in Düsseldorf lebende Maxim Wakultschik zeigt beim Heidenheimer Kunstverein jetzt „Gesichts-Züge“.
Die Bildermaße entsprechen den Dimensionen von Fenstern russischer Bahnwaggons: Der in Minsk geborene, in Düsseldorf lebende Maxim Wakultschik zeigt beim Heidenheimer Kunstverein jetzt „Gesichts-Züge“. © Foto: Manfred Allenhöfer
01.10.2014
"Ob ich ein erfolgreicher Künstler bin? Was ist ein erfolgreicher Künstler?" Der 41-jährige Maxim Wakultschik lacht. Und sagt: "Zumindest arbeite ich daran". Der Düsseldorfer ist jedenfalls ein fleißiger Künstler. Jetzt stellt er im Türmle aus.

Über 20 Ausstellungen bestreitet er in diesem Jahr, die letzte war in Übersee, im texanischen Houston. Als er in Heidenheim aufbaut, leidet er noch ein bisschen unter dem Jetlag. Die nächste Ausstellung bestreitet er in Köln, dann ist er auf der Kunstmesse in Zürich zu sehen. Fünf Galerien vertreten ihn – auch je eine in Texas und in Spanien. Für die Ausstellung beim Heidenheimer Kunstverein hat er sich selber gemeldet.

Und Kunstvereins-Vorsitzender Dr. Franz Eibach freut sich, dass man die Ausstellung auch als Beitrag zum Jubiläum der Brenzbahn verstehen kann. Früh schon sei er auf das Thema angesprochen worden, das vom städtischen Kunstmuseum ja mit seinem „Trashtrain“ gewürdigt wird.

Zunächst habe er „sehr zurückhaltend“ reagiert, „wir können ja keine Lokomotiven ausstellen“. Doch dann sei er auf die umfangreiche Serie der „Zugfenster“ bei Wakultschik gestoßen – und habe zugegriffen: „Das passt. Bestens“.

„Gesichts-Züge“ heißt nun doppeldeutig die Ausstellung, die Wakultschik als einen einfallsreichen Künstler ausweist, der sechs Werkgruppen auf vier Stockwerken präsentiert und dabei das Portrait bzw. die Personenmalerei in einer zunächst fast altmeisterlichen Art aufgreift – um mit ihnen, in beeindruckender technischer Experimentierfreudigkeit, ebenso das Transitorische eines Moments wie das Dauerhafte und doch Wandelbare einer Erinnerung zu betonen.

Die Zugewandtheit an unterschiedlichste Figuren kann gelegentlich durchaus voyeuristisch erscheinen. Aber Wakultschik nimmt seine Gestalten ernst, die er malt, auch wenn er sie in die Flüchtigkeit eines zufälligen Augenblicks versetzt.

Da sind beispielsweise die Zugfenster, die den gesamten ersten Stock des Türmle einnehmen: sechs von etwa 60 Arbeiten dieser Serie zeigt er im Türmle. Sie haben das Originalformat eines russischen Eisenbahnwaggons; auch die Rundungen des Bilder- resp. „Fenster“-Rahmens sind authentisch.

Wakultschik, 1973 in weißrussischen Minsk geboren, hat vor dem Start der Serie „lange überlegt“. Als Untergrund verwendet er eine alubeschichtete Kunststoffplatte, auf die er mit speziellen Farben fast schon fotorealistische Menschenbilder aufträgt: „Ich liebe Zugfenster. In russischen Zügen findet dahinter viel Leben statt, mehr als hierzulande“. Und die Zufälligkeit eines beobachteten Augenblicks ist sein malerischer Anreiz: „Ich will die Illusion von Leben, von Wärme – das ist mein Durchbruch in eine andere Dimension“.

Auch das Licht spielt dabei eine besondere Rolle: Wakultschik suggeriert Nachtlicht und hat seine sorgsam geschaffenen Vorlagen mit Kunstlicht in Szene gesetzt.

„Nachtlicht“ betont er auch bei seiner zweiten „Fenster“-Reihe, die einen Stock höher zu sehen ist: Dort sind Portraits hinter Flugzeugfenstern zu sehen. Auch das ist eine „Simulation“, die auch als „Meditation“ über zufällig zu Augen gekommenes, ebenfalls ausdrücklich transitorisches menschliches Verhalten dienen kann.

Über 100 Bilder dieser Serie hat Wakultschik bereits geschaffen, sie zeigen alle Menschen seines Bekanntenkreises, die er vorab abfotografiert hat mit dem Auftrag: „Seid Ihr selbst – und entspannt Euch“. Die unterschiedlichen Vorlagen („Ich bin, was solche momenthaften Szenen anbelangt, noch ungesättigt“) hat er dann, mit vielen Details, auf die Untergrundplatte aufgetragen. Ein erster Rahmen aus schwarzem Plexiglas simuliert die Tiefe eines Flugzeugfensters, das Bild ist distanziert vom Betrachter durch entspiegeltes „Museumsglas“, auf dem er dann einen Edelstahlrahmen aufgebracht hat, der den Originalmaßen eines Jetfensters entspricht.

Im selben Stock finden sich auch einige „Bubbles“: Menschendarstellungen, händisch mit großer Kunstfertigkeit auf eine Halbkugel aufgetragen. Es sind Gestaltungen von Gesichtern mit exaltierter Mimik oder eines weiblichen Akts, wie sie verzerrt entstehen können beim Betrachten durch Spiegel oder spezielle Objektive wie etwa einen „Türspion“. Auch hier wird mit scheinbar voyeuristischen Effekten sinnig gespielt. „Das ist schwierig zu malen“, betont Wakultschik, aber der Absolvent der Düsseldorfer Akademie bekennt, solches wie auch Schriften oder Symbole in seinen Bildern „ganz traditionell“ mit dem Pinsel zu tun.

Portrait-„Leporellos“ sind dann die Arbeiten seiner „Janus“-Serie, benannt nach dem doppelköpfigen Gott der Antike: Zwei verschiedene Gesichter, etwa von Mann und Frau, hat er auf fünf wechselweise aneinander gefaltete Streifen aufgemalt, in wunderbar differenzierter, markanter Monochromie. „Und zwei Gesichter bilden dann ein drittes“, sagt er – je nach Standort links, rechts oder frontal. „Der Betrachter soll sich bewegen“, meint der Künstler – „und sich nicht von den Augen der Abgebildeten fixieren lassen“. Jeder Standort sorge für eine „andere Wirkung und Aussage“.

Im gleichen Obergeschoss hängen auch drei „Rolling heads“ – aus Holz ausgesägte charakteristische Gesichtslineaturen, auf die dann Merkmale eines anderen Gesichts mit Farbe aufgetragen wurden. Auch hier stellt sich die Frage nach menschlicher Identität, wie ein Gesicht sie ja suggeriert – hier auf originell abstrahierende und irritierende Weise.

Die sechste aus Wakultschiks üppig bestücktem Düsseldorfer Fundus mitgebrachte Werkgruppe heißt, wiederum doppeldeutig, „Reflections“ und zeigt Portraits „von Künstlern, die mir wichtig sind oder die ich akzeptiere“. Zu sehen sind da, in monochrom hingehauchten, angeschnittenen Portraits, etwa Picasso oder Beuys oder Anselm Kiefer. „Die Serie ist erwachsen aus meiner Abschlussarbeit an der Düsseldorfer Akademie“, erinnert sich Wakultschik.

Die Gesichter sind auf Plexiglas hintermalt und in Boxen eingespannt; und sie bekommen bei entsprechendem Licht eine dreidimensionale Anmutung. Über 100 solcher kunstvoller Hommagen sind entstanden, 15 hängen im Untergeschoss des Türmle.

Portraits, reizvoll im Einzelnen wie im seriellen Zusammenhang, durchgespielt in sechs eigenständigen und -willigen Werkgruppen, bietet diese Ausstellung: Maxim Wakultschik spielt in ihnen, mit großem technischem Können, transitorische Momente charakteristischen Menschseins durch – auf eine abwechslungsreich reizvolle Weise. Manfred Allenhöfer

Info Der Heidenheimer Kunstverein zeigt Wakultschiks „Gesichts-Züge“ bis 25. Oktober – donnerstags und freitags 16 bis 18, mittwochs und samstags 11 bis 13 Uhr.