Heidenheim Tolle Aussicht und tiefe Einblicke beim Tag der Architektur

An der Charlottenstraße in Gerstetten: Mehrgeschossbauten der Gerstetten Wohnbau bilden im Ortszentrum ein städtisches Quartier. Zum Tag der Architektur hatte die örtlichen Architektenkammer dieses Haus als ein Besuchsziel ausgewählt.
An der Charlottenstraße in Gerstetten: Mehrgeschossbauten der Gerstetten Wohnbau bilden im Ortszentrum ein städtisches Quartier. Zum Tag der Architektur hatte die örtlichen Architektenkammer dieses Haus als ein Besuchsziel ausgewählt. © Foto: Günter Trittner
Heidenheim / Von Günter Trittner 25.06.2018
Rund 50 Interessenten sahen bei einer Rundfahrt was baulich möglich ist, wenn auf den Preis geschaut werden muss oder wenn Geld nicht die ganz große Rolle spielt.

Architektur bleibt. Das war die Überschrift zum bundesweit begangenen Tag der Architektur. Bleibende Eindrücke von Architektur gewannen in jedem Fall die gut 50 Interessierten, welche sich am Samstag mit einem von der örtlichen Architektenkammer gemieteten Bus auf den Weg zu drei ausgewählten Bauwerken gemacht hatten. Fachkundiger Auskunftgeber an Bord war Wolfgang Sanwald, der Sprecher der Architektenkammer. Angefahren wurden von der bunt gemischten Reisegruppe ein Mehrfamilienhaus in Gerstetten, ein Einfamilienhaus in Schnaitheim und die Stadtbücherei in Heidenheim – sie alle Arbeiten freier Architekten.

In Gerstetten Schuhe ausziehen

Mitspielen müssen freilich auch die Eigentümer, wenn 50 Reisende anklopfen. Da hieß es in Gerstetten schon mal „Schuhe ausziehen“ wenn man nicht nur das Haus sehen, sondern in die Wohnungen wollte. In Schnaitheim freute sich das Ehepaar Karl-Günther und Sissi Wolf schon auf die Gäste. Was sie am Moldenberg in zweieinhalb Jahren Umbauarbeit aus einem für die 70er-Jahre typischen Einfamilienhaus mit Einliegerwohnung gemacht haben, sorgte für allgemeines Erstaunen, viele Nachfragen und auch hausfrauliche Besorgnis. Wie putzt man ein 3,9 Meter hohes Fenster in der ersten Etage eigentlich von außen?

Naseweis sein dürfen

„Ein bisschen naseweis sein“, das war nicht nur geheime Triebfeder, sondern auch direkte Anweisung von Wolfgang Sanwald. Denn wie kann man mehr Einsichten gewinnen als durch ein direktes Gespräch mit Bauherren.

In Gerstetten war die Wahl auf ein mehrstöckiges Gebäude der Architekten Andreas Maier und Stefan Linder an der Charlottenstraße aber auch deswegen gefallen, weil Sanwald zeigen wollte, wie verdichtetes urbanes Bauen in kleineren Kommunen möglich ist und wie mit solchen Mehrfamilienhäusern das Ortszentrum aufgewertet werden kann.

Zum Bedauern von Sanwald sei eigenes städtebauliches Planen den meisten kleinen Kommunen fremd. Man setze hier zumeist auf Investoren, deren Lösungen aber nicht immer zum Ort passten. Eine Besonderheit des Baus der Architekten Linder und Maier ist, dass im Erdgeschoss keine Wohnungen sind. Hier sind stattdessen Garagen und Funktionsräume untergebracht. Das hat seinen Grund darin, dass das Haus zum Teil auf Fels steht, ein Keller also nur teuer zu erstellen gewesen wäre. Zum anderen haben die Architekten die Erfahrung gemacht, dass Erdgeschosswohnungen in Gerstetten nicht beliebt sind. Bauherr ist hier die Gerstetter Wohnbau.

Architekt seines eigenen Hauses

In Schnaitheim war das Ehepaar Wolf seines eigenes Glückes Schmied. Abreißen statt umbauen, so Wolf, habe er als Architekt, seinen Interessenten immerzu geraten. „Jetzt habe ich es selbst anders gemacht.“ Sanwald hatte schon bei der Anfahrt zum Moldenberg einen „virtuosen Einsatz sehr hochwertiger Materialien versprochen“. Es war nicht übertrieben. Wobei dem Ehepaar Wolf nicht an Luxus gelegen war, sondern an einer soliden Wertigkeit. Was Holz ist im Haus ist volle Eiche. Alle Möbel kommen von einem Schreiner. Den optischen Gegensatz setzt Schwarzstahl, ein roher Stahl mit Versiegelung. Trotz einer Grundfläche von 350 Quadratmeter bleiben die Raumgrößen familiär. Selbst der fast vier Meter hohe Wohnbereich mit den raumhohen Glasfronten wirkt heimelig. Der Panoramablick auf Schnaitheim und Heidenheim ist spektakulär.

Wolf hat in seinem Haus durchgehend Terrazo als Bodenbelag gewählt. Für diesen Kunststein hat sich auch der Architekt Max Dudler bei der Planung der neuen Stadtbücherei in Heidenheim entschieden. Und „spektakulär“ ist auch ein passender Begriff für den architektonischen Entwurf des schweizerischen Architekten. Die innere Schönheit dieses öffentlichen Gebäudes können freilich alle Besucher zu den Öffnungszeiten genießen. Im Haus Wolf haben sich wieder die Türen geschlossen. Nur die, welche am Tag der Architektur naseweis waren, können davon berichten.

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