1954 Tödliche Schüsse im Steinbruch - so war das damals

Die Ruhe vor dem großen Menschenauflauf und buntes Treiben im gesamten Kreisgebiet (von rechts unten im Uhrzeigersinn): das noch leere Waldbad in Heidenheim vor der Eröffnung sowie die Kinderfeste in Dettingen, Bolheim und Mergelstetten.
Die Ruhe vor dem großen Menschenauflauf und buntes Treiben im gesamten Kreisgebiet (von rechts unten im Uhrzeigersinn): das noch leere Waldbad in Heidenheim vor der Eröffnung sowie die Kinderfeste in Dettingen, Bolheim und Mergelstetten. © Foto: Archiv/Bantel
Steinheim / Michael Brendel 17.08.2014
60 Beamte der Stadt- und Landespolizei durchkämmen am 13. Juli 1954 mehrere Gebiete rund um Steinheim. Sie halten Ausschau nach einem zehnjährigen Jungen aus Heidenheim, der sechs Tage zuvor nicht nach Hause gekommen ist. Weil die Suche zunächst ergebnislos bleibt, bietet das US-Militär seine Hilfe an.

60Beamte der Stadt- und Landespolizei durchkämmen am 13. Juli 1954 mehrere Gebiete rund um Steinheim. Sie halten Ausschau nach einem zehnjährigen Jungen aus Heidenheim, der sechs Tage zuvor nicht nach Hause gekommen ist. Weil die Suche zunächst ergebnislos bleibt, bietet das US-Militär seine Hilfe an.

Ein Hubschrauber und ein zweimotoriges Flugzeug der Amerikaner steigen auf, um aus größerer Höhe nach Spuren zu suchen. Das Augenmerk gilt unter anderem dem Bereich um die Untere Ziegelhütte, wo ein Radfahrer den Zehnjährigen am Abend seines Verschwindens gesehen hat. Später ist der Junge dann noch auf der Landstraße zwischen Steinheim und Bartholomä aufgefallen. Allerdings erschwert jetzt starker Regen die Nachforschungen.

Da schau her: So sah das 1954 also aus!

Anderntags kreisen zwei Hubschrauber stundenlang über dem Steinheimer Becken und dem Wental, über Gnannenweiler, Neuselhalden und Söhnstetten. Vergeblich. Dennoch dankt Walter Grigereit, Leiter des Heidenheimer Kreiskommissariats, den in Fürstenfeldbruck stationierten amerikanischen Soldaten ausdrücklich für ihre Unterstützung.

Die Zeit läuft gegen die Ermittler, die deshalb jedem noch so unbedeutend erscheinenden Indiz ihr Augenmerk schenken. Beispielsweise erregt unweit Gerstettens ein Rudel Füchse, das sich nicht vertreiben lässt, ihre Aufmerksamkeit. Deutet die Beobachtung etwa darauf hin, dass dort eine leblose Person liegt? Sie tut es zur Erleichterung der Suchmannschaften nicht.

Der Zehnjährige bleibt verschwunden, und sein ungeklärtes Schicksal erinnert an den Fall einer 65 Jahre alten Rentnerin aus Oberstotzingen, von der seit Anfang Februar jede Spur fehlt.

Die Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang der Geschichte stirbt am 28. Juli. An einem bewaldeten Hang des Gnannentals bei Steinheim findet ein Schäfer die Leiche des Jungen. Die Polizei geht davon aus, dass er bereits in der Nacht seines Verschwindens vor Erschöpfung gestorben ist.

Gleichzeitig erschüttert ein Tötungsdelikt die Menschen im Kreis Heidenheim: Am 26. Juli findet der Hermaringer Feldschütz oberhalb des Steinbruchs Gerschweiler bei Giengen eine Tote. Wie die Ermittlungen der Polizei rasch ergeben, handelt es sich um eine 40 Jahre alte Frau aus Burgberg. Sie wurde von zwei Schüssen in den Bauch und einem in den Arm getroffen.

Bereits kurz nach der Entdeckung der Leiche wird der Gatte der Frau festgenommen und verhört. Da sich der Tatverdacht gegen ihn nicht erhärten lässt und er über ein lückenloses Alibi verfügt, kommt der 44-Jährige aber zwei Tage später wieder frei.

Die Arbeit der mit der Ermittlung betrauten Mordkommission aus Stuttgart wird durch falsche Verdächtigungen nicht eben erleichtert. So sieht sich ein Fahrgast aus dem Abendzug von Ulm nach Heidenheim plötzlich zu Unrecht festgenommen, weil er sich nach Ansicht von Mitreisenden seltsam verhalten hat. Nach einer kurzen Überprüfung lässt ihn die Polizei wieder laufen.

Dann tritt eine sensationelle Wendung ein. Die Polizei verhaftet erneut den Ehemann der Getöteten – und mit ihm auch gleich seine 33 Jahre alte Freundin. Die Vermutung, die beiden hätten sich freie Bahn für ihr Liebesverhältnis verschaffen wollen, bestätigt sich nach stundenlangen Verhören: Die 33-Jährige legt ein Geständnis ab und gibt zu, auf Weisung und Drängen ihres Geliebten eigenhändig geschossen und die Pistole anschließend in die Brenz geworfen zu haben.

Als ob das noch nicht genug des Schreckens wäre, spielt sich am 21. Juli bei Gerstetten ein weiteres Drama ab. Ein elfjähriger Schüler geht auf dem Eglensee mit einem Floß unter. Nach wenigen Minuten sind ein Arzt, Feuerwehr und Polizei am Ort des Geschehens. Dennoch gelingt es erst nach einer halben Stunde, den Jungen aus dem Wasser zu ziehen. Alle Wiederbelebungsversuche bleiben erfolglos.

So sehr diese schlimmen Ereignisse im Sommer 1954 verständlicherweise im Vordergrund des öffentlichen Interesses stehen: Es ändert doch nichts daran, dass das ganz gewöhnliche Leben in Heidenheim weitergeht. Dazu gehören auch die Kinderfeste in zahlreichen Gemeinden.

Ob in Gerstetten, Itzelberg, Zang oder Hürben, in Gussenstadt, Bissingen oder Oggenhausen – wenngleich die Gesichter sich unterscheiden, ähneln sich die Abläufe doch sehr. Fast überall markiert ein gemeinsam geschmettertes „Geh aus mein Herz und suche Freud. . .“ den gesanglichen Auftakt eines von wechselhaftem Wetter begleiteten Tages. Es folgen Musikkapellen, Abordnungen der Gemeinderäte, Sackhüpfen, Kletterbäume, Brezeln und Würste.

Einen besonders ausgeprägten Weitblick beweisen die Achtklässler aus Bolheim. Das nahende Ende ihrer Schulzeit bereits vor Augen, ziehen sie eine Altweibermühle hinter sich her.

Als wahrer Publikumsmagnet erweist sich derweil das Waldbad. Säumen schon bei der offiziellen Eröffnung am 16. Juli trotz Regenschauern zahlreiche Schaulustige den Beckenrand, strömen die Besucher anschließend in hellen Scharen. Besonders groß ist der Andrang am 2. August: 5040 Männer, Frauen und Kinder passieren an diesem Tag das Kassenhäuschen, 1400 Jahreskarten werden verkauft. In den ersten dreieinhalb Wochen seines Bestehens suchen beachtliche 24 929 Menschen Spaß und Erholung in Heidenheims neuem Freibad, bis Saisonende sind es 86 540.

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