Heidenheim / Manfred F. Kubiak Weltstar Ivo Pogorelich spielt in Heidenheim „Gipfelstücke“ der Klavierliteratur von Mozart, Liszt und Schumann.

Selbst unter Stars ist er ein Star. Er ist der Mann, der „Gaspard de la nuit“ überragend wie kein anderer gespielt hat. Jedenfalls wie kein anderer, von dem man wissen könnte. Und jetzt war er sogar unterm Hellenstein. Montag, 18. März 2019, der Festsaaal der Waldorfschule: Ivo Pogorelich spielt nicht Ravels begeisterte Verbeugung vor dem Dämon der Technik. Aber was er spielt, ist selbstverständlich auch nicht von Pappe. Mozart, Liszt, Schumann, „Gipfelstücke“, wie das Programm verspricht. Über 600 Besucher im mehr oder weniger ausverkauften Haus halten den Atem an. Die Spannung ist deutlich zu spüren.

Ivo Pogorelich beginnt mit Mozart. Das Adagio in h-Moll, KV 540. Ein seit jeher rätselhaftes Stück, entstanden nach dem Triumph der Prager Uraufführung des „Don Giovanni“ und dessen Wiener Erstaufführung. In h-Moll stehen bei Mozart sonst gerade mal ein Flötenquartett und die Romanze des Pedrillo aus der „Entführung aus dem Serail“, wobei hier die Tonart nie bis zum Ende eines musikalischen Bogens durchgehalten und also, wenn man so will, verweigert wird.

Und was macht Ivo Pogorelich? Er verweigert, könnte man behaupten, gleich den ganzen Mozart. Zumindest den, den man kennt, denkt zu kennen, zu kennen glaubt. Aber wie dem auch sei, so viel steht von Anfang an fest: So hat man dieses Adagio noch nie gehört.

Musik und Geheimnis

Man hat im Zusammenhang mit ihm bislang vielleicht darüber diskutiert, ob es bloß melancholisch oder doch trauriger bis traurig daherkomme. Möglicherweise ja sogar aber auch von Trauer gar nichts weiß, sondern bloß von einer sehr nachdenklichen Schönheit durchweht wird. Und auf eine Interpretation in die eine oder andere dieser Richtungen ist man dann ja auch immer gefasst.

Allerdings nicht auf das, was Ivo Pogorelich anbietet. Sein Mozart erklingt gleichsam dem Tode nahe, stolpernd, stockend, zerdehnt, sogar das Taktgefüge ignorierend, verweigernd. Hörte es mittendrin auf, es würde nicht überraschen. Denn so, wie Pogorelich hier die Dinge sieht, kann sich der Hörer nicht einmal mehr sicher sein, ob der nächste Ton überhaupt noch kommen wird. Heftig. Grenzwertig, sogar für einen Interpreten wie Ivo Pogorelich, von dem man die Verweigerung des Erwartbaren ja nachgerade erwartet.

Der Geister der Musik

Stellt sich gleich die Frage: Darf man das? Wie weit kann ein Interpret gehen. Und man könnte nun an dieser Stelle auch über Unterschiede und Grenzen zwischen reproduktiver und bildender Kunst philosophieren oder darüber, ob das Werk mehr weiß als sein Schöpfer und es deshalb müßig ist, auf den Urtext hinzuweisen und noch müßiger, sich Gedanken dahingehend zu machen, was oder wer ein reproduzierender und wer oder was ein bildender Künstler sei.

Nach Wilhelm Mohr nimmt der Geist der Musik in einem hochbedeutenden Augenblick Gestalt und Klang an. Und in diesem Augenblick beginnt sein wahres Geheimnis. Vielleicht ist es das. Selbst wenn es auch nach wie vor Geschmackssache bleibt. Und so mag dem Rezensenten Ivo Pogorelichs spröder, endzeitlicher Umgang mit diesem Stück Mozart vielleicht zu weit gehen. Unterm Strich bleibt aber auch die Begeisterung über dieses Angebot, diese Herausforderung, sich mit einer Interpretation dieser Dimension nachhaltig beschäftigen zu dürfen. Am Montagabend im Festsaal der Waldorfschule war insofern eben auch zu spüren, dass das Geheimnis von Musik viel tiefer versteckt ist, als das gemeinhin propagiert und angenommen wird.

Faustisch ringend

Von Mozart zu Liszt ist es dann insofern ein überraschend kleiner Schritt, als ja das Adagio in h-Moll in der Form bereits als jenes freie Klavierstück daherkommt, das von den Romantikern weiterentwickelt werden sollte. Und selbstverständlich hat Ivo Pogorelich auch eine dezidierte Meinung zu Franz Liszts pianistischem opus magnum, der Sonate in h-Moll. Eine dezidierte späte Meinung übrigens, denn einst im Mai, als der heute 60-Jährige noch als posterfähiger Beau und junger Wilder vom Establishment beäugt wurde, klang manches anders als heute.

Ivo Pogorelich jedenfalls nähert sich Liszt in Heidenheim unprätentiös, weniger auf hymnische Grandezza und schon gar nicht auf eine Art religiöse Verzückung zielend, sondern geradezu faustisch ringend. Leidenschaft schäumt hier nicht über, sondern ist mit Demut versetzt, und die wunderbar gesetzten Läufe der rechten Hand sind nicht zuständig fürs Geklingel und klingen nicht nach Wasserspielen, sondern haben tiefgehende suggestive Substanz. Pogorelich bietet, wenn man so will, eine groß angelegte Erzählung sinfonischen Ausmaßes, grandios vorgetragen in einem immer nachvollziehbar eher zur Nachdenklichkeit neigenden Duktus. Ein autobiographischer Ansatz? Liszt zumindest wurde hier immer einer unterstellt.

Schließlich: Schumann, die „Sinonischen Etüden op.13“ samt der von Brahms aus dem Nachlass geholten fünf Variationen, die Ivo Pogorelich vorweg spielt. Auch hier also das eher nicht so Erwartete. Und ebenso nutzt Pogorelich auch den Schumann nicht, um im Überschwang seine technischen Möglichkeiten an weitgriffigen Akkorden oder springbogenartigen Staccato-Figuren zu demonstrieren oder plakativ romantische Gefühle auf großer Flamme zu kochen.

Unprätentiöser Ansatz

Pogorelich – bleiben wir bei dem bitte nicht misszuverstehenden Begriff – verweigert das Bravourstück, um es tiefer auszuloten, ja in gewisser Weise auseinanderzunehmen, indem er etwa bestimmte Melodielinien deutlich, bisweilen sogar hart herausarbeitet, um sie gleichsam schwebend verharren zu lassen und ihnen sodann versonnen nachzulauschen. Auch die Fülle an Mittelstimmen spielt bei ihm eine deutlicher gemachte Rolle in der Interpretation als üblich. Womöglich tut da auch einer mitunter, was ihm der Augenblick gerade eingibt, selbst wenn er die Noten dabei hat. Jedenfalls ist das ziemlich faszinierend.

Und es endet mit Jean Sibelius’ „Valse triste“ als Zugabe – und mit einer weiteren Art der Verweigerung, die nun, da man bereits weiß, wie traurig traurig bei Ivo Pogorelich klingt, allerdings nicht mehr überrascht. Großer Beifall. Großer Abend.

Am Sonntag geht’s schon weiter

Das nächste Heidenheimer Meisterkonzert folgt bereits am kommenden Sonntag, 24. März. Im Congress-Centrum wird sich dann ab 18 Uhr die „Cappella Aquileia“ unter der Leitung ihres Ersten Gastdirigenten Paul Goodwin Kompositionen von Rossini, Mozart, Rameau und Schubert widmen. Eintrittskarten sind im Vorverkauf im Ticketshop des Pressehauses in heidenheim und in allen HZ-Geschäftsstellen erhältlich.