Heidenheim / Marita Kasischke  Uhr
Schüler des Werkgymnasiums zeigte „Makellos“: Das Stück über NS-Euthanasie ging unter die Haut.

Ein Stück aufzuführen, ist schon anspruchsvoll. Ein Stück aber selbst zu schreiben, ist noch um Vielfaches anspruchsvoller, zumal dann, wenn es sich um das Thema NS-Euthanasie handelt. In dieses Thema ist die Theater-AG des Werkgymnasiums ganz tief eingestiegen, hat recherchiert und konzipiert und schließlich das Stück „Makellos“ auf die Bühne gebracht, das am Wochenende in drei Aufführungen gezeigt wurde.

Viel steckt drin an Inhalt, aus dem Auseinandersetzung mit dem Thema in vielen Aspekten hervorgeht: Was geht uns das heute noch an? Was ist ein Makel? Wer bestimmt darüber? Die 15 Spielerinnen und Spieler in ihren schwarzen Outfits lassen dabei ganz dem Thema den Vordergrund, überlassen die Bühne den Opfern, und am Ende sprechen die Kleidungsstücke, die da an der Decke aufgehängt wurden und die menschlichen Gejagten und Getöteten symbolisieren, eine deutliche Sprache, die unter die Haut geht.

Ihre Biographien – beispielsweise auch die eines jungen Mannes aus Schnaitheim, der der NS-Euthanasie zum Opfer fiel – sind die Fixpunkte im Spielverlauf und eingebettet in Monologe, Sprechchöre, Szenen, die das Geschehen im dritten Reich skizzieren. Dabei gelingt dem Ensemble der Coup, dass das Ganze eben nicht wie Schnee von gestern wirkt, sondern immer wieder, ohne dies selbst zur Sprache zu bringen, auch aktuelle Bezüge herstellt. Die brennende Frage der Ausgrenzung steht dabei immer im Raum und das Stück gibt immer wieder Impulse, dies zu hinterfragen.

Dass dies auch die Spieler tun und getan haben, zeigt sich deutlich in der anschließenden Diskussion: Die im Stück immer wieder auftauchende Aufforderung „Zeigt Eure Makel! Los!“ gilt ja eben insbesondere nicht für soziale Medien, in der Selbstdarstellung und Selbstoptimierung zu Hause sind, aber auch die Hetze gegen scheinbare Makel. Im Stück werden Zettel mit möglichen Makeln in die Luft geworfen und jeder Spieler heftet sich einen an – auch das eine eindringliche Szene, die zeigt, wie wahllos und willkürlich das Brandmarken geschehen kann, aber auch, dass Makellosigkeit nur in der Anschauung existiert.

Das Stück macht betroffen, weil die tiefe Auseinandersetzung der Spieler damit jeden Moment spürbar ist. „Die Spieler haben alles selbst gemacht“, sagt Spielleiter Marco Graša, dessen leitende Hand jedoch sicher in Auseinandersetzung und Umsetzung eingegriffen haben mag. Der Einsatz der Stilmittel erfolgt ohne jede Effekthascherei, allein dem Stück und seinen Gedanken dienend. Dass das Publikum geradezu aufgerüttelt ist durch dieses Stück, das ist ein Erfolg desselben. Ein weiterer ist es, dass die jugendlichen Spieler damit eine Auseinandersetzung erfahren haben, die wesentlich tiefer geht als das bloße Lesen von Geschichtsbüchern. Jetzt bleibt zu hoffen, dass sich als dritter Erfolg auch noch die Überzeugung der Jury von „andersartig gedenken on stage“ einstellt: An diesem Wettbewerb des Förderkreises Gedenkort T4 wird die Theater-AG mit „Makellos“ teilnehmen. Die Zuschauer der drei Aufführungen werden ganz sicher die Daumen drücken.