Heidenheim / Michael Brendel Wegen des Erwerbs von Betäubungsmitteln verurteilte das Schöffengericht jetzt einen 32-Jährigen zu einer einjährigen Bewährungsstrafe.

Es ist ein Geschäft, bei dem der Wirkung der Ware entsprechend Vieles nebulös bleibt. Weitere Faktoren tragen dazu bei, dass die Handelnden ein taktisches Verhältnis zur Wahrheit entwickeln: Wer mit Drogen hantiert, bewegt sich in einem Geflecht aus Bezugsquellen und Abnehmern, Drohungen und Abhängigkeiten, Redebereitschaft und Schweigen.

Geradezu idealtypisch lief diese Gratwanderung zwischen Gedächtnisverlust und Eingeständnis jetzt vor dem Schöffengericht ab. Zur Last gelegt wurde einem 32-Jährigen das unerlaubte Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge. In zwei Tranchen hatte er nach Überzeugung des Ersten Staatsanwalts Dr. Jürgen Herrmann im Spätsommer 2017 insgesamt 125 Gramm Amphetamingemisch bezogen und dann weiterverkauft.

Cannabis auf Rezept

Der 32-Jährige räumte den Erwerb von Drogen ein. Allerdings habe es sich um Marihuana gehandelt, das er zum überwiegenden Teil selbst konsumiert habe, um damit seit Jahren bestehenden Schlafstörungen zu begegnen. Ein dem Gericht vorgelegter Arztbericht und ein Privatrezept belegen, dass der Angeklagte seit Herbst 2018 – und damit lange nach den jetzt verhandelten Taten – zur Linderung seiner Beschwerden regelmäßig Cannabis verschrieben bekommt. „Amphetamin wäre bei meinem Krankheitsbild ja kontraproduktiv“, äußerte er sein Unverständnis.

Licht ins Dunkel sollte ein aus der Haft vorgeführter 22-Jähriger bringen. Im Zuge verdeckter polizeilicher Ermittlungen war sein Telefon überwacht worden, und die Ergebnisse ließen Rückschlüsse auf bestimmte Personen zu, ohne dass freilich Klarnamen genannt worden wären.

Erinnerungslücken

Abweichend von seiner zunächst gegenüber der Polizei gemachten Aussage, mit der er möglicherweise die U-Haft zu umgehen versuchte, bewegte sich der 22-Jährige jetzt im Konjunktiv: Er könne nicht sagen, ob er mit dem Angeklagten Drogengeschäfte gemacht habe.

Der Staatsanwalt wollte den Erinnerungslücken keinen Glauben schenken: Der Zeuge sei erkennbar bemüht, so Herrmann, einen Kumpel nicht zu belasten. Deshalb überlege er, ein Verfahren wegen Falschaussage einzuleiten. Den 32-Jährigen wollte er zu einer 18-monatigen Bewährungsstrafe verurteilt wissen. Hinzu kommen sollten Drogenscreenings, 120 Arbeitsstunden und die Einziehung des Verkaufsgewinns von 625 Euro.

Verteidiger Kai-Jörg Brintzinger sah hingegen weder den Drogenhandel noch den Kauf von Amphetamingemisch nachgewiesen. Dieser Einschätzung konnte sich auch das Gericht nicht gänzlich entziehen. Amtsgerichtsdirektor Rainer Feil befand zwar, es gebe gute Argumente für die Sichtweise der Staatsanwaltschaft. Allerdings seien diese nicht ohne Zweifel. Und eine Verurteilung wegen des Handeltreibens mit Amphetamin nur aufgrund der Aussage des Zeugen sei „schlichtweg zu unsicher“.

Bewährungsstrafe

So blieb unterm Strich ein Jahr Gefängnis wegen des Erwerbs von Betäubungsmitteln, trotz einer langen Vorstrafenliste für vier Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Der 32-Jährige bekommt einen Bewährungshelfer, trägt die Verfahrenskosten, muss 120 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten und zum Beleg, dass er jenseits ärztlicher Verschreibungen keine Drogen konsumiert, zwei Urintests abliefern.

„Es tut mir leid, dass es zu diesen Umständen hier vor Gericht gekommen ist“, sagte der Angeklagte. Nickend schien er seine Zufriedenheit mit dem Urteil zu signalisieren. Ganz anders zwei Sympathisanten des 32-Jährigen: Feil machte ihren Unmutsäußerungen mit der Drohung ein Ende, sie aus dem Gerichtssaal entfernen zu lassen. Dem Angeklagten redete er ins Gewissen: „Wir geben Ihnen die Bewährung, nutzen müssen Sie die Chance selber.“