Heidenheim / Silja Kummer Die DRK-Pflegeheime im Kreis haben an einer wissenschaftlichen Studie teilgenommen. Deren Ergebnisse liegen jetzt vor.

Wissenschaft braucht Zeit: Im November 2017 haben die drei Pflegeheime des DRK in Heidenheim, Herbrechtingen und Steinheim an einer Studie zur Qualität der Langzeitpflege in Baden-Württemberg teilgenommen. Jetzt liegen die Ergebnisse vor. Auf die alltägliche Arbeit der Pflegeheime haben diese keine Auswirkungen, aber politisch bergen sie großen Sprengstoff: „Die Pflegegrade erklären nur zu maximal 23 Prozent den pflegerischen Aufwand“, sagt Prof. Dr. Albert Brühl, der zusammen mit Katharina Planer die Studie geleitet hat.

In Auftrag gegeben wurde sie vom baden-württembergischen Sozialministerium. Das Brisante an diesem Ergebnis: Anhand der Einstufung in die erst Anfang 2017 eingeführten Pflegegrade wird der Personalschlüssel für die Pflegeheime errechnet – und dieser stimmt also laut Studie nur zu einem geringen Teil mit dem tatsächlichen Aufwand für die Pflege überein.

„Das Pflegestärkungsgesetz führt zum Verlust von Arbeitskräften in der Pflege“, fasst Ulrich Herkommer, Geschäftsführer der Pflegedienste gGmbH des DRK, den Kern des Ergebnisses zusammen. Dinge, die man in den Pflegeheimen aus Erfahrungen bereits gewusst habe, seien jetzt wissenschaftlich bestätigt, sagt er.

Für die Studie „Entwicklung struktur- und prozessorientierter Qualitätsindikatoren in der Langzeitpflege in Baden-Württemberg“, kurz Pibawü, wurden in 58 Einrichtungen die Daten von 2420 Bewohnern ausgewertet. In Heidenheim haben Schüler des sozialwissenschaftlichen Gymnasiums der Maria-von-Linden-Schule 48 Stunden lang Pflegekräfte in den drei DRK-Heimen begleitet und anhand eines Beobachtungsbogens dokumentiert, wie viel Zeit diese bei ihrer Arbeit tatsächlich den Bewohnern gewidmet haben.

„Pflegebedürftigkeit ist sehr komplex“, sagt Prof. Brühl. Gemessen werde mit der Einteilung in die Pflegegrade die Unselbstständigkeit der Heimbewohner. Diese sei aber nicht gleichzusetzen mit dem Aufwand, den das Personal habe. Darüber hinaus gebe es auch noch einen Aspekt, der schwer mit statistischen Mitteln abzubilden ist: „Pflege ist Beziehungsgestaltung“, so Brühl.

Das Ergebnis der Arbeit des Statistikprofessors an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar legt nahe, dass das Instrument, das zur Einstufung in die Pflegegrade verwendet wird, nicht besonders gut ist. „Je schlechter aber das Instrument, desto größer die Macht des Gutachters“, in diesem Fall also des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK), meint Brühl. Die Hoffnung, dass das Ergebnis seiner Studie in absehbarer Zeit eine Veränderung herbeiführt, hat er nicht: „Politische Änderungen dauern lange und Pflegegrade sind ein Gesetz, keine Verordnung“, erläutert er.

Auch Ulrich Herkommer glaubt nicht an eine schnelle Änderung der Gesetzeslage. „Wir versuchen, mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen das Beste zu machen“, so der Pflegefachmann. Jonas Herkommer, Qualitätsmanagement-Beauftragter der DRK-Pflegedienste, bekräftigt, dass die Mitarbeiter großes Interesse an der Studie hatten. „Wir beschäftigen uns viel mit Abläufen und Qualität“, ergänzt DRK-Kreisgeschäftsführer Mathias Brodbeck, deshalb wollte man auch gerne an der Studie teilnehmen. „Vielleicht hat uns das dafür sensibilisiert, wie wir mit der uns zur Verfügung stehenden Zeit umgehen.“

„Die Wissenschaft muss Impulse setzen, um Entwicklungen anzustoßen“, ergänzt Prof. Brühl. Deshalb sei die Akademisierung der Pflege gut und notwendig,

Zur Person: Prof. Dr. Albert Brühl

Prof. Dr. Albert Brühl hat in Bonn Psychologie und Betriebswirtschaft studiert. 1990 gründete er mit Prof. Dr. Herbert Feser das Sozialpsychologischen Institut Köln, innerhalb dessen er von 1990 bis 2009 an insgesamt 22 Auftragsforschungs- und Beratungsprojekten arbeitete. Von 1992 bis 2010 hatte er Lehraufträge für Methoden der empirischen Sozialforschung in Aachen und Köln. 2003 promovierte er in Osnabrück und wurde 2008 zum Professor für Statistik und standardisierte Verfahren an der Philosophisch-technischen Hochschule Vallendar (pflegewissenschaftliche Fakultät) berufen. Der Abschlussbericht der Studie „Pibawü“ ist im Lambertus-Verlag als Buch erschienen.