Heidenheim Städtepartnerschaft: ein Jubiläum im Dreierpack

Festakt im Emil-Ortlieb-Saal des Rathauses: am Rednerpult Jihlavas Oberbürgermeister Rudolf Chloupek, der am Wochenende mit einer Delegation aus der tschechischen Partnerstadt nach Heidenheim gereist war.
Festakt im Emil-Ortlieb-Saal des Rathauses: am Rednerpult Jihlavas Oberbürgermeister Rudolf Chloupek, der am Wochenende mit einer Delegation aus der tschechischen Partnerstadt nach Heidenheim gereist war. © Foto: Sabrina Balzer
Heidenheim / Erwin Bachmann 12.03.2018
Der Heidenheimer Gemeinderat und eine Delegation aus dem tschechischen Jihlava hatten einiges zu feiern – und alles hat mit der Überwindung eines Traumas zu tun.

Versöhnung und Verständigung sind in der konfliktgetriebenen Welt große Worte, und häufig bedarf es vieler kleiner Schritte, um den mit diesen Begriffen beschriebenen Zustand zu erreichen. Heidenheim und Jihlava sind diesen Weg gegangen und haben im Laufe der Jahre ein Maß an Gemeinsamkeit erreicht, das beide Seiten Freundschaft nennen: und die hat am Wochenende eine Art Geburtstag gefeiert.

Das von Ralf Ritscher und Ulli Hagel musikalisch begleitete Fest richtete die Stadt Heidenheim aus, und zur Schar der Gäste zählten neben Stadträten und Vertretern des öffentlichen Lebens auch ranghohe Vertreter der tschechischen Partnerstadt Jihlava und andere Besucher, die innerhalb dieser grenzüberschreitenden Beziehung seit langem eine besondere Rolle spielen. Gefeiert wurden drei eng miteinander verknüpfte Teiljubiläen: zum einen das 15-jährige Bestehen der Städtepartnerschaft selbst, zum anderen die vor 60 Jahren begründete Patenschaft der Stadt Heidenheim mit der Gemeinschaft Iglauer Sprachinsel und zum Dritten der vor 25 Jahren von Tschechen und Deutschen gemeinsam gegründete und nach dem berühmten Komponisten benannte Verein Gustav-Mahler-Haus, der sich um die Wiederaufnahme des Dialogs zwischen tschechischen, deutschen und jüdischen Iglauern verdient gemacht hat.

Gefeiert wurde am Samstag im Emil-Ortlieb-Saal des Rathauses, wo Oberbürgermeister Bernhard Ilg auf die Geschichte der Städte Jihlava und Heidenheim verwies, die die Zeit des Nazi-Regimes und des Krieges zunächst auf sehr unterschiedliche Art und Weise erlebt hätten.

Nie eine Formalie

„Die Gemeinsamkeit, sie kam aus dem Schrecken“ – doch mit der Ansiedlung von 120 Iglauern in Heidenheim in den Jahren 1945 bis 1950, mit der Begründung der Iglauer Heimattage in Heidenheim Mitte der 1950er-Jahre und schließlich mit der Übernahme der Patenschaft im Jahre 1957 habe die gemeinsame Geschichte der beiden Städte begonnen, deren Beziehung seit der Besiegelung der Städtepartnerschaft im Jahre 2002 sozusagen offiziell sei.

OB Ilg erinnerte daran, dass diese Patenschaft von beiden Seiten nie als eine Formalie betrachtet worden ist. Vor den Unterschriften habe man viele Vorbehalte ausräumen, Gräben auffüllen und alte Feindschaften begraben müssen, denn das Leid, das der deutsche Angriffskrieg über Tschechien und nach Kriegsende die Vertreibung über die Deutschen gebracht habe, wirke über Generationen. Heute könne man die Überwindung eines vielfältigen Traumas feiern, so der Rathaus-Chef, der diesen Tag mit einem Appell verband: „Lassen Sie uns ausgerechnet jetzt, wo es in Europa wirklich wieder um etwas geht, nämlich um Freiheit und Gerechtigkeit sowie um den Schutz unserer natürlichen wie unserer zivilen Lebensgrundlagen, in guter Tradition zusammenhalten.“

Auch ein Beitrag für Europa

Jihlavas Oberbürgermeister Rudolf Chloupek zeigte sich in seinem Grußwort erfreut darüber, dass die aus der Annäherung entstandene Partnerschaft nicht nur auf dem Papier besteht, sondern auch gelebt wird. Nach seinem Empfinden sind die seinerzeit im Vertrag genannten Ziele, die Schaffung und Vertiefung guter nachbarschaftlicher Beziehungen und die Beitragsleistung zur europäischen Integration, erfüllt worden: „Ich bin froh, dass wir uns für die gegenseitige Zusammenarbeit eigenständig und frei entscheiden konnten – und es war eine sehr gute Entscheidung.“

Zur tschechischen Delegation gehörte auch der amtierende Bürgermeister Vratislav Vyborny, der seinerzeit als Oberbürgermeister Jihlavas zusammen mit seinem Heidenheimer Amtskollegen Bernhard Ilg die Unterschrift unter den Partnerschaftsvertrag gesetzt hatte. Diesem Akt war die vor 60 Jahren begründete Patenschaft mit der Gemeinschaft Iglauer Sprachinsel vorausgegangen, deren Bundesvorsitzender Peter Tenschert jetzt ein positives Resümee zog. Heute könne man sagen, dass die in der Vergangenheit nicht immer einfache Integration der Vertriebenen abgeschlossen sei, befand der Redner, der auch einen Bogen zur aktuellen Situation schlug: Kopfzerbrechen bereiteten die neu ankommenden Flüchtlinge, „weil diese ganz überwiegend aus einem uns gänzlich fremd erscheinenden Kulturkreis stammen“.

Christoph Schmidt sprach als Vorsitzender des Vereins Gustav-Mahler-Haus, dem auch die Stadt Heidenheim angehört, und hob in seinem Grußwort den Wandel vom Gegeneinander zum Miteinander hervor. Vertrauen stehe heute an der Stelle von Misstrauen, so sein Befund, der auf einer einfachen, aber oft doch so schwer umzusetzenden Erkenntnis fußt: „Wer die Finger zur Faust geballt hat, kann die Hand, die ihm gereicht wird, nicht ergreifen. Wir haben uns die Hände gereicht und Freundschaft gewonnen.“

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel