Heidenheim / Manuela Wolf  Uhr
Verena Pommerenke aus Heidenheim setzt auf faire Arbeitsbedingungen in Billiglohnländern und einen intensiven Austausch mit ihren Kunden.

Verena Pommerenke fertigt aus Korkstoff Geldbörsen und Taschen. Themen wie Umweltschutz und faire Arbeitsbedingungen in Billiglohn-Ländern sind ihr wichtig. Nicht nur darüber tauscht sie sich mit ihren Kunden rege aus. Via Instagram gewährt die gebürtige Heidenheimerin Einblicke in ihr Neu-Ulmer Atelier, lässt über neue Muster abstimmen und erzählt von unvergesslichen Momenten in den Bergen. Im Interview spricht sie über ihren Weg in die Selbstständigkeit – und warum dessen unsicherer Ausgang ihr keine Sorgen macht.

Frau Pommerenke, Sie haben sich im November 2017 mit dem Verkauf von Geldbörsen aus Kork selbstständig gemacht. Die Geschäftsidee ist speziell. Hatten sie Bedenken, eine Bruchlandung hinzulegen?

Verena Pommerenke: Ich hatte eine Idee und ich hatte wahnsinniges Glück. Es ist schwer zu sagen, was gekauft wird und was nicht. Deshalb habe ich anfangs ganz bewusst nicht mehr investiert als ein paar Euro fürs Material und natürlich Arbeitszeit. Wenn das mit den Geldbeuteln nicht geklappt hätte, hätte ich trotzdem ein Einkommen gehabt als Stylistin in einem Stuttgarter Fotostudio. Die berufliche Existenz auf mehrere Standbeine zu stellen, ist nie verkehrt.

Es war also ein Versuch mit ungewissem Ausgang?

Nicht ganz. Gemeinsam mit einer Bekannten hatte ich ein paar Wochen vor der Gründung meines Labels „Renalie“ auf einem Kunsthandwerkermarkt ausgestellt, einfach so zum Spaß, sie ihre Blumenampeln und Sitzhocker aus Makramee, ich meine Geldbörsen aus Kork. Es gab viele liebe Kommentare zu meinen Sachen. Ich habe auch etwas verkauft an dem Tag. Meine Bekannte hatte wenig Erfolg. Ich dachte also, cool, das könnte was werden.

Und daraufhin haben Sie sich selbstständig gemacht?

Es gibt unterschiedliche Wege in die Selbstständigkeit. Manche Leute starten erst, wenn das Konzept steht. Ich bin da eher reingestolpert. Eigentlich wollte ich mich in einem Mode-Café anstellen lassen, mit eigener Kollektion und selbstgebackenen Kuchen. Doch das Jobangebot ist überraschend geplatzt und so brauchte ich nach bestandener Abschlussprüfung auf die Schnelle einen Plan B.

Wie viel Handarbeit steckt in „Renalie“?

Zeit ist mein kostbarstes Gut. Den Korkstoff für die ersten Geldbörsen habe ich mit der Schere zugeschnitten und von Hand bestickt. Das hat viele Stunden gedauert. Inzwischen habe ich mir unter anderem eine Industrie-Nähmaschine angeschafft. Die Muster zeichne ich selbst. Dann programmiere ich am PC. Jeder einzelne Stich muss gesetzt werden. Das ist nicht mit ein paar Minuten getan, aber danach geht es natürlich zügiger voran.

Ihren Produkten sieht man eine tiefe Verbundenheit zur Natur an.

Meinem Vater gehört der Blumenhandel Pommerenke in Heidenheim. Ich bin mit Pflanzen aufgewachsen und war viel an der frischen Luft. Gleichzeitig wurde mein unternehmerischer Geist geweckt. In einem Familienunternehmen helfen alle mit. Da lernt man nebenbei, was es bedeutet, einen eigenen Betrieb zu haben: In erster Linie viel Arbeit natürlich, aber auch Freiheit, die Arbeit und das Leben so zu gestalten, wie es einem gefällt.

Warum eigentlich Korkstoff?

Ziel meiner Ausbildung war es, nach drei Jahren eine eigene Kollektion zu haben. Ich habe mich damals für Korkstoff entschieden, weil Kork ein super nachhaltiges Produkt ist. Die Bäume werden 300 Jahre alt und können ab dem 25. Jahr alle neun bis zwölf Jahre geschält werden, ohne Schaden zu nehmen. Der Wald bleibt also bestehen und bietet Lebensraum für Pflanzen und Tiere. Nicht zu vergessen ist, dass der Handel mit Kork ein wichtiger Wirtschaftszweig für Portugal ist. Viele Menschen finden in diesem Bereich Arbeit.

Seit November 2018 pflegen Sie via Instagram Kontakt zu Ihren Kunden. Trägt dieser fast schon freundschaftliche Umgang zum Erfolg von „Renalie“ bei?

Man muss immer auf sich aufmerksam machen und zeigen, was man macht und auch, wer man ist. Die neuen Medien machen es einem da leicht. Ich habe bei Instagram einige Follower und Geldbörsen schon nach Berlin, Hamburg und Wien verschickt. Ich versuche, ein Bewusstsein zu schaffen für Umweltschutz, faire Arbeitsbedingungen in Biliglohnländern und all diese Themen. Es findet viel Austausch statt. Oft bekomme ich auch Rückmeldungen zu meinen Produkten: Was bewährt sich im Alltag, was nicht? Außerdem hole ich über diese Plattform Meinungen ein. Ich lasse die Leute über ein neues Muster abstimmen oder frage, wie viel Geld sie für eine Tasche bezahlen würden.

Wissen die Leute den Wert von Handarbeit preislich einzuordnen?

Kürzlich hat mal jemand geschrieben, dass er den Preis für eine Tasche auf höchstens 30 Euro festlegen würde. Dabei liegen allein die Materialkosten bei 40 Euro. Zu meinem Kundenkreis gehören überwiegend Frauen zwischen 20 und 45, die bereit sind, für hochwertige, nachhaltig hergestellte Lieblingsstücke eine angemessene Summe auszugeben.

Wie wichtig ist Ihren Kunden das Thema Nachhaltigkeit?

Häufig werde ich gefragt, wo genau die Materialien herkommen und ob ich garantieren kann, dass die Auflagen fürs Bio-Siegel eingehalten werden. Das ist schwierig, man muss sich ein Stück weit auf die Angaben der portugiesischen Firmen verlassen. Deshalb werde ich mir bald persönlich ein Bild vor Ort machen.

Träumen Sie manchmal von einem eigenen Laden, in dem Sie Ihre Sachen verkaufen?

Damit geht man eine feste finanzielle Verpflichtung ein. Jeden Monat muss Miete bezahlt werden, diesen Druck will ich nicht im Nacken haben. Die Geldbörsen bekommt man bei meinen Eltern im Blumenladen, auf Messen und Kunsthandwerkermärkten, auf denen ich vertreten bin, und natürlich über meine Internetseite. Aktuell liegt die Lieferzeit bei etwa zehn Werktagen. Ich bin gut ausgelastet und zufrieden, wie es im Moment ist.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Ich arbeite an meiner Schmucklinie, an weiteren Mode-Accessoires und an Accessoires für den Wohnbereich. Vielleicht werde ich irgendwann einen Praktikanten beschäftigen oder 450-Euro-Kräfte einstellen, die mich bei Bedarf unterstützen. Generell versuche ich, nicht allzu viele Pläne zu machen, sondern flexibel zu bleiben. Es ist der falsche Weg zu sagen, so und so will ich es haben. Da kann man nur enttäuscht werden.

Wird es in Ihrer Kollektion irgendwann auch Kleidung aus Korkstoff geben?

Im Gegensatz zu Accessoires muss sich Kleidung an den Körper anpassen und ist stark saisonabhängig. Ich will keine Wegwerfstücke herstellen, die man nur einmal anzieht und dann in den Schrank immer weiter nach hinten legt, sondern schöne Gebrauchsgegenstände für den Alltag.

Im Rückblick: Welchen Rat können Sie Menschen geben, die überlegen, sich selbstständig zu machen?

Ich erinnere mich gut an meine erste Bestellung. Ein Meter Korkstoff kostet 80 Euro. Das war am Anfang eine große Summe, ich wusste ja nicht, ob ich auch nur einen einzigen Geldbeutel verkaufen würde. Inzwischen bestelle ich immer gleich mehrere Meter. Mein Rat ist also: Einfach mal anfangen und dann auch dranbleiben. Es gibt immer wieder ruhige Phasen, plötzlich passiert aber was, es geht weiter. Was man nicht kann, lernt man mit der Zeit. Niemand ist perfekt.

Zur Person

Verena Pommerenke wurde 1993 in Heidenheim geboren. Nach neun Jahren Waldorfschule wechselte sie ans Schiller-Gymnasium, jobbte nach dem Abitur bei der Firma Hartmann in der Produktion und verbrachte schließlich ein halbes Jahr als Au-Pair-Mädchen in Island. Im Anschluss begann sie an der staatlichen Berufsschule Metzingen eine Ausbildung zur Modedesignerin und Maßschneiderin. Die 26-Jährige lebt mit ihrem Freund inzwischen in Neu-Ulm, wo ihr ein Zimmer der Wohnung als Atelier dient. Mehr Infos zu Verena Pommerenke und ihren Produkten gibt es unter www.renalie.de