Heidenheim Simone Maiwald: „Ich habe einen ganz anderen Blick“

Heidenheim / Silja Kummer 15.09.2018
Nach 100 Tagen im Amt schildert Bürgermeisterin Simone Maiwald ihre ersten Eindrücke von Heidenheim und gibt Einblicke in ihre Arbeit.

Das Büro des Bürgermeisters ist umgezogen vom siebten Stock in die „Nussbauetage“ neben das Zimmer des Oberbürgermeisters. Hier residiert nun geschlossen die Verwaltungsspitze der Stadt. Anfang Juni hat Simone Maiwald als erste Bürgermeisterin im Landkreis ihre Stelle angetreten.

Sind Sie nach drei Monaten im Amt in Heidenheim angekommen?

Ja, auf jeden Fall. Ich fühle mich sehr wohl und ich freue mich jeden Tag, dass ich das Glück habe, in Heidenheim Bürgermeisterin zu sein.

Wieso empfinden Sie Ihre neue Stelle als Glück?

Weil die Aufgabe mir sehr viel Freude macht, weil die Stadt sehr lebendig ist und weil ich eine phantastische Verwaltung mit hochengagierten und kompetenten Mitarbeitern vorgefunden habe. Und ich kann das sagen, weil ich Vergleichsmöglichkeiten habe.

Ihre wievielte Verwaltung ist Heidenheim?

Das ist meine vierte in drei unterschiedlichen Bundesländern und es ist die beste, die ich bisher kennengelernt habe.

Woran liegt das?

Ich denke, das hängt mit der Verwaltungsspitze zusammen. Ich schätze Oberbürgermeister Bernhard Ilg sehr. Er ist für Heidenheim ein Glücksfall. Er geht die Probleme aktiv an. Er hat sehr klare Prinzipien und Strukturen für die Verwaltung aufgebaut - das ist nicht selbstverständlich.

Wenn man einen so starken Chef hat, der die Dinge gerne angeht, hat man da noch Chancen mit eigenen Ideen?

Ich habe einen ganz anderen Ansatz und einen ganz anderen Blick als er und das ist eine wunderbare Ergänzung.

Einen anderen Blick als Frau?

Ja, ich glaube schon, dass Frauen die Dinge anders angehen. Aber ich habe auch einen anderen Hintergrund und einen anderen Lebensweg und Erfahrungen in mehreren Bundesländer.

Sie sind die erste Bürgermeisterin der Stadt. Spielt das Geschlecht heute noch eine Rolle in einer solchen Position?

Bisher habe ich nicht das Gefühl gehabt, dass es so ist. Natürlich bin ich stolz, ich freue mich darüber, die erste Bürgermeisterin in Heidenheim zu sein. Und ich halte es grundsätzlich auch für wichtig, weil ich ein Verfechter dafür bin, dass in jedem Bereich Frauen und Männer gleichermaßen zusammenarbeiten sollten. Vielleicht hätte ich mich schon früher um ein Bürgermeister-Amt beworben, aber ich war einige Jahre alleinerziehend und damals war es nicht möglich, eine vernünftige Ganztagesbetreuung zu finden. Mittagessen in den Schulen, Tagesmütter, das gab es alles nicht. Deshalb ist es mir so wichtig, diese Strukturen zu etablieren und zu erhalten – weil Alleinerziehende sonst völlig im Nachteil sind. Und machen wir uns nichts vor: Heute reicht ein Gehalt kaum zum Leben, meist müssen beide Partner arbeiten.

Sind Sie eine autoritäre Chefin?

Nein, ich glaube nicht, dass ich das bin. Im Idealfall geht man auf Augenhöhe miteinander um, und im Idealfall muss ich nur dann autoritär bestimmen, wenn etwas in der Umsetzung von Beschlüssen oder Absprachen so richtig schief läuft. Fehler passieren, das ist menschlich. Was mich wirklich ärgerlich macht, ist Desinteresse oder Nachlässigkeit.

Sie kommen von außen, Ihr Amtsvorgänger Rainer Domberg war ein gebürtiger Heidenheimer. Ist das ein Vor- oder ein Nachteil?

Ich kann die Dinge möglichst frei und neutral sehen und einschätzen. Das ist nicht mehr so leicht, wenn man viele Jahre in einer Stadt lebt. Als Neubürgerin bringe ich den Vorteil mit, dass ich Situationen besser mit anderen Städten vergleichen kann. Aber natürlich muss ich noch viel Neues lernen, viele Menschen kennenlernen.

Wie sieht denn Ihr Arbeitsalltag aus? Was macht eine Bürgermeisterin den ganzen Tag?

Ich weiß nicht, ob mein Alltag jetzt schon so typisch ist. Er besteht darin, sehr viel zu lesen, viele Gespräche zu führen, viele Informationen zu bekommen, möglichst alles zu wissen, zu strukturieren, Personen zusammenzubringen, damit sie gemeinsam die gesetzten Ziele und Probleme lösen können. Ich muss möglichst die Zusammenhänge erkennen und das Ganze sehen. Und ich muss natürlich Reden und Grußworte Dabei möchte ich Impulse setzen.

Für welche Bereiche der Stadtverwaltung sind Sie zuständig?

Der Bildungsbereich spielt eine große Rolle, Kultur und Sport sehe ich eng damit verknüpft. Darüber hinaus gehören der Fachbereich Recht, Ordnung und Sicherheit und die Städtischen Betriebe zu meinem Dezernat.

In diesem Bereich geht es ja auch um einen neuen Kulturentwicklungsplan. In welchem Stadium ist dieser?

Derzeit steht im Fokus der Bereich Kunst beziehungsweise das Kunstmuseum, und es ist ein Gespräch mit dem Fachbereichsleiter Matthias Jochner und dem Leiter des Kunstmuseums, Dr. René Hirner geplant. Im Kunstbereich könnte man meiner Meinung nach noch einen stärkeren Schwerpunkt legen, ich denke da zum Beispiel an Kunst im öffentlichen Raum. Da sehe ich noch mehr Potenzial.

Mit dem Bildhauersymposion gab es ja schon einmal eine großartige Initiative in diesem Bereich. Sollte man das wiederbeleben?

ich glaube, es ist gar nicht schlecht, wenn man auch mal einen Schnitt macht und die Objekte, die bereits im öffentlichen Raum stehen, etwas stärker in den Blick rückt. Man kann überlegen, ob sie tatsächlich richtig platziert sind, ob sie den Impuls geben, den man von Kunst im öffentlichen Raum erwartet. Demnächst schaue ich mir bei einem Rundgang alles gemeinsam mit Dr.Hirner ausführlich an. Ich werde nie vergessen, wie ich zum ersten Mal mit dem Auto durchs „Ohr“ in die Stadt fuhr und sehr angetan war von der Lichtinstallation von Harald Körner, an diesem Ort, der eine Verknüpfung zwischen Stadt und Bundesstraße darstellt.

Sehen Sie im Bereich der Kultur Dinge, die der Stadt fehlen oder die einen neuen Anstoß brauchen?

Wir haben ja einen deutlichen Schwerpunkt in der Stadt, das sind die Opernfestspiele und die Musik allgemein. Mit der neuen Bibliothek sollte man auch die Literaturveranstaltungen in den Blick nehmen. Dazu gibt es bereits ein paar Ideen. Aber das wird sich aus der Bibliothek heraus entwickeln und ein bisschen Zeit muss man den Mitarbeiterinnen noch geben, damit der Betrieb in den neuen Räumen sich eingespielt hat. Bildende Kunst ist mir ebenfalls sehr wichtig, denn durch sie kann man den Blick der Stadtgesellschaft für Ästhetik schärfen. Die Arbeit im Kunstmuseum schätze ich sehr, denn es gibt einen gelungenen Ausgleich zwischen internationaler Kunst und regionalen Akteuren. Außerdem haben wir eine sehr gute Sammlung, mit der man gut arbeiten kann.

Andere Städte wie Geislingen oder Langenau haben Kulturvereine, die sich um die populäre Musik kümmern. Fehlt das nicht in Heidenheim?

Ich möchte zunächst einmal das unterstützen, was es in der Stadt schon gibt. Alle sollen wissen, dass wir das Engagement der vielen Ehrenamtlichen sehen und für wichtig halten, beispielsweise der Kunstverein, der Jazzverein oder die Aktivitäten im Brenzpark. Nach drei Monaten kann ich noch nicht abschließend einschätzen, ob jetzt in einem bestimmten Bereich tatsächlich noch etwas fehlt. Aber natürlich habe ich im Blick, dass wir gerade für die jungen Leute, auch im Umfeld der Dualen Hochschule, etwas machen müssen. Vielleicht wäre es wirklich interessant, im Bereich der populären Musik noch ein paar Impulse zu setzen, damit da vielleicht etwas Weiteres entstehen kann.

Heidenheim ist ja keine typische Studentenstadt, auch wenn 2400 junge Menschen an der DHBW studieren.

Ja, das stimmt, es gibt kein wirkliches studentisches Leben, das fängt schon bei der Kneipenlandschaft an. Aber ich glaube, das kann sich noch entwickeln, die Hochschule ist ja noch relativ jung. Ich finde es grandios, dass es dem Oberbürgermeister gelungen ist, den Erweiterungsbau für die DH anzustoßen. Einer Stadt wie Heidenheim muss es gelingen, den jungen Leuten nach dem Schulabschluss qualitativ hochwertige Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten vor Ort anzubieten, damit sie hier bleiben können.

Dazu gehört sicher auch die Schullandschaft, die in Heidenheim gut aufgestellt ist, oder?

Heidenheim nimmt im Vergleich zu anderen Mittelstädten sehr viel Geld für Bildung in die Hand. Es ist uns sehr wichtig, die Schulen bestmöglichst aufzustellen. Ich sehe eine gute Bildung für alle als Voraussetzung dafür, dass wir eine annähernd sozial gerechte Gesellschaft haben. Heute ist es selbstverständlich, dass beide Partner arbeiten. Daran müssen wir uns anpassen. Ich bin ein Verfechter der Schule, die Ganztagesangebote hat, egal, ob verpflichtend oder nicht. Dabei müssen wir aber auch die vorhandenen Vereinsstrukturen schützen und erhalten, die in unserer Gesellschaft eine enorm wichtige Rolle spielen. Da müssen wir ein Zusammenspiel mit den Schulen erreichen. Meiner Beobachtung nach ist Heidenheim schon recht gut aufgestellt und es gibt jede Menge gute Kooperationen.

Baulich tut sich sehr viel an den Schulen, aber trotzdem gibt es auch noch Einrichtungen mit Sanierungsbedarf wie die Mittelrainschule oder das Werkgymnasium. Tut sich da etwas?

An diesem Thema bleiben wir permanent dran. Im nächsten Haushalt stehen für bauliche Maßnahmen schon wieder einige Millionen für Schulen und Kindergärten an.

Im Sportbereich wurde vor den Sommerferien mit dem Stadionverkauf an den FCH ein großes Thema abgehakt. Sind Sie froh, dass Sie sich damit nicht mehr beschäftigen müssen?

Jedes Problem, das gelöst wird, ist ein gutes Problem (lacht). Aber ich glaube, der Oberbürgermeister ist auch hier einen guten Weg gegangen. Der Verein hat sich ja erst in den letzten Jahren so entwickelt und es war wichtig, dass die Stadt diese Entwicklung begleitet hat. Denn wir profitieren von einem derartigen Erfolg eines Fußballvereins. Der Verein zeichnet sich auch dadurch aus, dass er eine ganz phantastische Jugendarbeit leistet und sehr stark integrativ wirkt - denn beim Fußball sind sie alle gleich...

...wenn sie Jungs sind.

Ja, aber es gibt natürlich auch Frauenfußball.

Gehen Sie denn selbst zu Fußballspielen?

Ja, das mache ich tatsächlich sehr gerne, und nicht nur, weil ich es seit dem vierten Lebensjahr meines Sohnes gewohnt war, ihn zu seinen Fußballspielen zu begleiten.

Und welchen Verein bevorzugt Ihr Sohn?

Na, raten Sie mal - den FC Bayern. Schließlich lebt er seit einiger Zeit in München. Er hat mich bereits auch zu einem FCH-Spiel begleitet.

Was schauen Sie sich in Ihrer Freizeit noch an, weil es Ihnen Spaß macht?

Ich bin ein sehr neugieriger Mensch, mir machen sehr viele Dinge Freude. Ich gehe gerne in Ausstellungen und Konzerte, ich mag Jazz, aber auch viele andere Musikrichtungen.

Das Gespräch mit Simone Maiwald führte Silja Kummer.

Eine Expertin in Sachen Kultur

Die in Münster geborene Simone Maiwald hat Musik, Romanistik und Erziehungswissenschaften studiert. Ihre erste Stelle fand sie beim Kulturamt der Stadt Wuppertal (1986 bis 1991).

Über Stationen als Bildungs- und Pressereferentin für Kinder- und Jugendbildung an der Akademie Remscheid (1991 bis 1993) und Geschäftsführerin des Trägervereins der Immanuelskirche in Wuppertal (1993 bis 2001) kam sie 2001 zurück zur öffentlichen Verwaltung: Bis 2013 arbeitete sie als Fachbereichsleiterin Kultur, Jugend und Tourismus in Rottweil. Ihre Stelle vor Heidenheim war die der Kulturamtsleiterin für Stadtbibliothek, Kunsthalle und Oberhessisches Museum in Gießen.

Eigentlich hat Simone Maiwald ihr Studium mit dem Ziel begonnen, Lehrerin zu werden. „Ich habe dann aber gemerkt, dass Schule nicht mein Ding ist, weil ich durchaus auch ein ungeduldiger Mensch bin“, sagt sie heute. An der Verwaltung fasziniert sie vor allem die Aufgabe, eine Stadt mitzugestalten.

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