Heidenheim Seit 150 Jahren Regenwetter als Geschäftsgrundlage

Jasmin und Christian Hausser haben sich fürs Firmenjubiläum stilecht angezogen. Der auf alt getrimmte, neue Sonnenschirm ist eine Spezialanfertigung aus der Schweiz und hat 200 Euro gekostet.
Jasmin und Christian Hausser haben sich fürs Firmenjubiläum stilecht angezogen. Der auf alt getrimmte, neue Sonnenschirm ist eine Spezialanfertigung aus der Schweiz und hat 200 Euro gekostet. © Foto: Sabrina Balzer
Heidenheim / Manuela Wolf 29.06.2018
Die Haussers verkaufen in der vierten Generation Schirme, seit 1949 auch Strümpfe. Heuer wird das Familienunternehmen 150 Jahre alt. Ein Besuch bei Chef Christian.

Fachgeschäft für Strümpfe und Schirme? Berater für Existenzgründungen würden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, und das völlig zu Recht. Wer in der heutigen Zeit auf die Schnelle solcherlei Dinge braucht, kauft sie für wenig Geld im Ramschladen um die Ecke. Wer hochwertige oder ausgefallene Modelle bevorzugt, bestellt im Internet. Wer sich in Heidenheim oder Aalen auskennt, hat noch eine dritte Option: die Haussers.

„Das funktioniert bei uns nur, weil es uns schon so lange gibt“, sagt Christian Hausser. „Neulinge würden sich schwer tun mit einem Laden wie unserem. Die Leute kennen uns, sie wissen, wo sie uns finden. Außerdem haben wir viele Stammkunden, die mit meinem Vater Wolfgang zusammen alt geworden sind.“ Der Einzelhandelskaufmann und Textilbetriebswirt führt die beiden Fachgeschäfte für Strümpfe und Schirme in vierter Generation. Dass seine beiden Söhne der Familientradition folgen und in ein paar Jahren übernehmen werden, hält er nicht für wahrscheinlich. Aber für möglich. Jeder, der im harten Kampf um Kunden bestehen wolle, müsse künftig einen Teil seines Tagesgeschäfts ins Internet verlegen. Das gelte auch für seinen eigenen Betrieb. „Ich glaube, dass sich viele Händler trotzdem nicht werden retten können. Exoten wie wir werden vermutlich überleben.“

Geschichte beginnt 1868

Die Geschichte des Fachgeschäfts Hausser reicht zurück bis ins Jahr 1868. Damals, vor 150 Jahren, eröffnete ein Schirmmacher namens Johannes Fuhrmann einen Laden an der Bahnhofstraße und bot ausschließlich handgefertigte Regenschirme zum Verkauf an. Nach der Jahrhundertwende übernahm Paul Hausser den Laden. Er ließ das Gebäude abreißen und an dieser Stelle Aalens erstes „Hochhaus“ bauen, das heute noch besteht. 1912 eröffnete er eine Filiale in Heidenheimer. Nach mehreren Umzügen wurde 1925 ein Gebäude direkt am Jaekle-Platz angemietet, seit bald 20 Jahren befindet sich der Laden in einer kleinen Gasse nur ein paar Schritte abseits. „Das sind 20 Meter zu weit weg von der 1-A-Lage, aber das Haus gehört uns, das hat einfach Sinn gemacht“, sagt Christian Hausser. „In Aalen, wo wir in erster Reihe sind, haben wir mehr Kundenverkehr.“

Über die Jahre änderte sich die Mode hunderte Male, das Sortiment blieb oft über Jahrzehnte gleich. Beispiel: Ab 1903 wurden zusätzlich Hüte angeboten und erst 1972, „als die Hutmode ihren Höhepunkt überschritten hatte“, gegen Krawatten getauscht.

Heute verkaufen die Filialen in Heidenheim (seit 1925 am Eugen-Jaekle-Platz) und Aalen (seit 2003 am Spritzenhausplatz) ausschließlich Strümpfe und Schirme. Angegliedert ist nach wie vor eine Schirmwerkstatt. In Wochen, in denen es viel regnet, werden gut und gerne 20 beschädigte Exemplare abgegeben.

Christian Hausser und sein Vater Wolfgang, obwohl nur „angelernte Kräfte“, können Schirme aller Art reparieren. Zugute kommt ihnen dabei das immer noch gut bestückte Ersatzteillager der Vorfahren, „wenn wir das nicht hätten, könnten wir diesen Service nicht anbieten.“

Je nach Wetterlage werden deutlich mehr Schirme oder Strümpfe nachgefragt, das Verhältnis steht oft bei 70 zu 30. Dass nur ältere Leute Kunden bei den Haussers sind, ist übrigens ein Irrtum. Inzwischen kommen auch vermehrt junge Menschen, die nach den ersten oder wiederholten Fehlkäufen auf der Suche nach engagierter persönlicher Beratung und Qualität sind. Christian Hausser: „Interessant ist, dass sich junge Kunden anders verhalten als ältere. Anstatt Vorstellungen und Wünsche zu äußern, zücken sie ihre Smartphones und zeigen Fotos beispielsweise vom Kleid für den Abschlussball oder von Dingen, die sie im Internet gesehen haben und vor Ort anschauen wollen. Ich denke, genau so wird einkaufen in Zukunft funktionieren.“

Glitzer und knallige Farben

Wurden nach Ende des Zweiten Weltkrieges die ersten Nylons aus Amerika noch verstohlen unterm Ladentisch gehandelt, stehen heute hunderte verschiedene Modelle zur Auswahl. Knallige Farben und „mehr oder weniger aufgeregte“ Muster sind gefragt, Mädchen stehen auf Glitzer, Männer lassen sich zur mitgebrachten Krawatte das passende Paar Socken heraussuchen.

Bei den Schirmen zählen vor allem Farbe und Muster - und ein geringes Gewicht. Inzwischen sind Mini-Exemplare für die Handtasche zu haben, die weniger wiegen als eine Tafel Schokolade.

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