Heidenheim / Patrick Vetter  Uhr
Schüler des Schiller-Gymnasiums beschäftigen sich auf der Bühne mit dem Nationalsozialismus. Sie führen das Drama „Furcht und Schrecken des Dritten Reichs“ auf.

„Das muss schneller gehen. Und alle bitte leiser beim Umbau“, ruft Helen Döbelin bei den Proben der Theater-AG des Schiller-Gymnasiums. Im großen Saal des Paulusgemeindehauses, in dem die AG ihr Stück dieses Jahr aufführen wird, ist sie weniger Lehrerin als viel mehr Regisseurin und wird auch von ihren Schülern so gesehen. In der Probe scherzen sie gemeinsam und sprechen über Szenen. Döbelin muss keine Konzentration einfordern, motiviert sind alle ganz von selbst.

Der letzte Schliff fehlt noch, doch eigentlich ist die Leiterin ganz zufrieden mit ihrer Schauspieltruppe: Einen Monat vor der Premiere stehen alle Szenen, und die Texte sitzen auch. „Bei dem Stück war das Verständnis manchmal schwierig“, sagt die Schülerin Katharina Milosavljevic. Bevor die Truppe mit den Proben begann, arbeiteten sie deshalb erst mal viel mit dem Buch und versuchten, die Geschehnisse in dem Werk von Brecht zu verarbeiten.

Die Geschichte spielt in der Zeit des Nationalsozialismus. Das Stück entstand zwischen 1935 und 1943 und erschien in einer ersten Fassung schon vor dem zweiten Weltkrieg. Es beschreibt, wie sich die Gesellschaft langsam verändert und wie einzelne Menschen allmählich bemerken, dass etwas in die falsche Richtung läuft. Brecht erzählt aber nicht nur von den Entwicklungen dieser Epoche, sondern von Probleme in allen Bereichen des Zusammenlebens. So handelt die Erzählung auch von Mobbing, Gruppenhierarchien und Meinungsfreiheit. „Es ist einfach sehr wichtig, auf die Geschichte aufmerksam zu machen. Außerdem ist vieles auch heute noch aktuell“, findet die Zehntklässlerin Lara Krafft, die schon seit vier Jahren in der AG mitspielt.

Die Gruppe aus 21 Jugendlichen von der achten bis zur zwölften Klasse hat sich ganz bewusst für das Stück entschieden. Döbelin schlug zu Beginn des Schuljahres fünf Theaterstücke vor. „Das müssen Stücke mit genügend Rollen für jeden sein. Außerdem sollten die Schüler damit etwas anfangen können“, erklärt die Regisseurin, wie sie die Dramen auswählt. Mit jedem der Werke befassten sich die sieben Jungen und 14 Mädchen eine Woche intensiv, spielten einzelne Szenen und beleuchteten den Text. Am Ende waren sich die Schüler einig: Die Thematik von „Furcht und Elend des Dritten Reichs“ sei wichtig zu transportieren, und heute gebe es wieder viele aktuelle Aspekte.

Brecht stellte die Gruppe aber vor einige Hürden. Der Text war dabei die kleinste: „Die Sprache haben wir manchmal einfach angepasst. Es werden Worte benutzt, die heute niemand mehr sagt“, erzählt Abiturient Hannes Langhans von der Arbeit an den einzelnen Szenen. Schwieriger war es, die Doppeldeutigkeit einiger Dialoge auf der Bühne darzustellen. Die Schüler mussten sich überlegen, wie sie dramatisch zeigen, dass sie zwar das eine sagen, aber etwas ganz anderes gemeint ist. „Es ist sehr wichtig, dass rüberkommt, wie die Figuren zueinander stehen, ohne dass wir das sagen müssen“, sagt Josephine Marlok. „Schwierig ist es vor allem, alles ernsthaft rüberzubringen“, fasst Vanessa Hochstatter zusammen.

Für die 18 Szenen, die auf der Bühne zirka zwei Stunden dauern werden, proben die Schüler jeden Donnerstag und Samstag zusammen. In den Ferien wird unter der Woche jeden Tag geprobt. „Man muss sich daran gewöhnen, dass es keinen Urlaub gibt“, sagt Luca Puccia lachend. „Dafür endet das Schuljahr immer mit einem Höhepunkt. Auf der Bühne bei der Aufführung bekommt man einfach ganz viel Bestätigung“, schiebt der 14-Jährige nach.

Das sei auch der Grund, wieso vor den Sommerferien in den vergangenen Jahren alle motiviert für die nächste Produktion waren. Die meisten Schüler bleiben bei der Theater-AG, wenn sie einmal teilgenommen haben. „Das ist wie eine zweite Familie. Und eine Familie verlässt man ja auch nicht“, beschreibt Krafft die Gruppe. Sie und einige andere sind sogar schon länger dabei als Lehrerin Döbelin, die die AG nun zum dritten Mal betreut. Die jungen Schauspieler haben sogar ihren eigenen Techniker: Der Schüler Oliver Engling ist bei jeder Probe dabei und kümmert sich um das Rampenlicht, in dem seine AG-Kollegen stehen dürfen.