Schneeschuh-Tour in den Allgäuer Alpen

Christian Kaas 15.02.2012
Ein wahres Wintermärchen gab es für Christian Kaas - und das Ende März - in den Allgäuer Alpen. Zusammen mit seinem Begleiter erlebte der Fernwanderer aus Leidenschaft ein Abenteuer, von dem er hier berichtet.

Schneeschuhtouren erfreuen sich in Deutschland seit einigen Jahren stetig zunehmender Beliebtheit. Auf den modernen, stabilen Hartplastikuntersätzen, die man sich einfach unter die normalen Wanderschuhe schnallt und die mit den hölzernen Trapperschuhen aus früheren Tagen nicht mehr zu vergleichen sind, kann man als Wanderer nun auch im Winter wunderbar die Natur erkunden. Denn selbst dort, wo tiefer Schnee liegt und wo man mit Wanderschuhen hoffnungslos einsinken würde, kann man sich mit Schneeschuhen dank ihrer größeren Auflagefläche problemlos seinen Weg durch die verschneite Landschaft bahnen.

Matthias und ich waren auf diese Weise schon mehrfach unterwegs und haben unter anderem den Bayerischen Wald der Länge nach auf Schneeschuhen durchquert und eine viertägige Tour vom Schliersee zum Kochelsee unternommen. Doch als wir im kleinen Ort Oy-Mittelberg aus dem Zug steigen, um zu einer dreitägigen Schneeschuh-Tour im Allgäu aufzubrechen, ist es irgendwie doch ungewohnt, ja wir kommen uns fast ein bisschen deplatziert vor – es fehlt schlicht und einfach der Schnee! Gut, es ist bereits Ende März, schon seit ein paar Tagen sehr mild und auch jetzt so warm, dass wir ein luftiges T-Shirt statt dicker Winterjacke tragen. Aber dass die Landschaft selbst hier auf knapp 1000 Metern Höhe so früh schon dermaßen grün ist, überrascht uns dann doch.

Zum Glück treffen wir aber nach einer halben Stunde am Ufer des Grüntensees auf einen verschneiten Weg, und auf dem hier beginnenden Aufstieg zur Reuterwanne (1541 Meter) wird der weiße Untergrund stetig tiefer. Als wir den bewaldeten Bereich verlassen und über einen freien Berghang hinauf steigen, kommt inmitten dieses großflächigen Schneefeldes wieder das Gefühl richtigen Winters auf. Und spätestens dort, wo die Hangneigung derart steil und der Schnee so tief wird, dass wir nun unsere Schneeschuhe unterschnallen müssen, ist endlich wieder alles „normal“.

Bei jeder Atempause, die wir auf dem Anstieg einlegen, blicken wir zurück, hinab ins Tal, wo weit unter uns der Grüntensee mit seiner noch gefrorenen Oberfläche inmitten grüner Wiesen liegt – was für ein Kontrast zur Umgebung hier oben. Und die wird noch spektakulärer, denn als wir einen Bergsattel erreichen, haben wir freie Sicht auf die noch tief verschneite Hauptkette der Allgäuer Alpen, deren steile, weiße Gipfel majestätisch bis fast 2700 Meter in die Höhe ragen und im hellen Licht der strahlenden Sonne regelrecht glitzern – ein wahres Wintermärchen!

Dieses Panorama vor Augen, stapfen wir noch weiter hinauf bis zum windumtosten Gipfel der Reuterwanne, wo wir die Schneeschuhe abschnallen, da wir nun über den Südhang absteigen, der vom Sonnenschein bereits komplett freigeschmolzen wurde. Bequem erreichen wir somit gut eine Stunde später unser Etappenziel, die Gemeinde Jungholz, die – genau wie das nah gelegene Kleinwalsertal – eine deutsch-österreichische Kuriosität darstellt (siehe Extra-Artikel).

Der zweite Tag begrüßt uns erneut mit Traumwetter. Die Sonne scheint, der Himmel ist wolkenlos – optimale Wanderbedingungen. Auf dem breiten Oberallgäuer Rundwanderweg marschieren wir problemlos dahin, und abgesehen vom gleichmäßigen Knirschen des mit jedem Schritt unter den Schuhen zusammengepressten Schnees durchdringt kein Laut diese ansonsten vollkommene und wohltuende Stille. Etwas ins Grübeln bringt uns allerdings der Anblick des fast pyramidenartig vor uns aufragenden Wertacher Hörnle (1695 Meter), das wir heute besteigen wollen. Es sieht von hier unten beängstigend hoch aus: Folgerichtig ist es auch bald vorbei mit dem entspannten Dahinziehen, stattdessen geht es nun stetig bergauf, immer steiler, und zuletzt über einen Hang, den wir aufgrund seiner extrem starken Neigung nur in Schlangenlinien angehen und dabei nicht länger als eine Minute am Stück gehen können, ohne wieder eine kurze Verschnaufpause einzulegen.

Doch als wir diese Schinderei endlich hinter uns haben, erreichen wir – nein, noch nicht den Gipfel, sondern nur ein kleines Plateau, in dessen Anschluss weitere Hundert steile Höhenmeter anstehen, auf denen wir uns noch dazu durch immer tiefer werdenden Schnee kämpfen müssen. Und als wir schließlich das 1695 Meter hohe Gipfelkreuz erreichen, fällt die für dort geplante Rast kurzerhand aus, da buchstäblich von einer Minute auf die andere das Wetter komplett umschlägt. Wo eben noch blauer Himmel mit ein paar weißen Wattebäuschchen war, ziehen nun dunkle Wolken auf, starker Wind pfeift durch unsere vom Anstieg nassgeschwitzten Klamotten, die wir schnell gegen trockene Oberteile sowie dicke Jacken austauschen.

Das Wetter wird immer schlechter, die Umgebung finster, frischer Neuschnee wird herumgewirbelt, sodass wir uns am Spieser (1649 Meter) schließlich in einem regelrechten Schneesturm befinden, wie wir ihn noch nie erlebt haben: Wie tausend Nadeln sticht der Schnee in unseren Gesichtern, er dringt in jede noch so kleine Ritze, selbst die Brillen sind beidseitig komplett voll geweht. Wegmarkierungen sind aber sowieso keine mehr zu erkennen, und da es unter diesen Bedingungen ein frommer Wunsch bleibt, die Wanderkarte zu Rate zu ziehen, folgen wir, das Beste hoffend, unserer groben Zielrichtung. Und siehe da: Nach etwa einer Stunde erreichen wir tatsächlich den regulären Weg. Auch der Schneesturm lässt zum Glück nach, aber wir sind ziemlich geschafft.

Als beim planmäßigen Abstieg nach Bad Hindelang der Neuschnee in Regen übergeht und wir einsehen müssen, dass die ursprünglich erst für morgen Mittag angekündigte Wetterverschlechterung einen Tag früher eintritt und wir somit morgen bei Regen oder Neuschnee auf unserer angedachten Route einen sogar noch um 150 Meter höheren Berg als heute überwinden müssten, durch zudem dann noch tieferen Schnee, fällt es uns, erschöpft, nass und durchgefroren wie wir sind, nicht allzu schwer, die Aussichtslosigkeit unseres ursprünglichen Plans zu akzeptieren, den dritten Wandertag kurzfristig abzublasen und auf ein anderes Mal zu verschieben. Spätestens als wir im warmen Zugabteil sitzen und dort endlich die ausgefallene Gipfel-Brotzeit nachholen, während von draußen nasser Schneematsch ans Fenster klatscht, sind wir froh, dem auf das Wintermärchen folgenden Wettersturz entflohen zu sein.