Neubau Bibliotheks-Fassade: Der letzte Stein in der Mauer

Heidenheim / Erwin Bachmann 03.03.2017
Polnische Facharbeiter haben den Stahlbeton-Neubau komplett mit Klinkern ummantelt. Beim Finale half der Oberbürgermeister mit.

Ein aufstrebender Rathaus-Chef ist er und sportlich dazu. Eine Kombination, die Wirkung zeigt. Als ob's der übliche Dienstweg wäre, spurtet Bernhard Ilg die 72 Sprossen des knarrenden Leitergerüsts hoch, erklimmt ohne erkennbare Atemnot die Südspitze des Bibliothek–Neubaus und holt nur kurz Luft, bevor er sich daran macht, dem auf der Sonnenseite der Stadtgeschichte liegenden Jahrhundertbauwerk seine ganz persönliche Aufwartung zu machen: Es ist wie ein Eintrag ins Gipfelbuch, als er unweit der schattigen Rathaus-Nordwand die letzten drei von 316 000 Klinkern setzt, die die charakteristischen Ziegelflanken dieses neuen Heidenheimer Hausberges bilden.

Neue Stadtbibliothek: 300 Tonnen Mörtel

Die Klettertour trägt durchaus werbliche Züge, ist aber mehr als ein Gag, sondern eine Hommage an jene, die den Aufstieg erst möglich gemacht haben. „Hochachtung vor der perfekten Handwerkskunst, die Sie hier abgeliefert haben,“ sagt er in luftiger Höhe an die Adresse der Männer, die diesen Berg von Verblendmauerziegeln zu einer Fassade verarbeitet haben, in der gut und gern 300 Tonnen Mörtel stecken. Ob ihn die Maurer verstehen, ist nicht so recht erkennbar, denn sie kommen alle aus Polen – was eine besondere Vorgeschichte hat.

Das erste Kapitel hatte der vielfach preisgekrönte Schweizer Architekt Max Dudler geschrieben, der dem imposanten Gebäude eine aus Wasserstrichziegeln bestehende Fassade verordnet hatte. Sie sollte besonders werden, so besonders, dass man vor Baubeginn auf dem Gelände der Schnaitheimer Kläranlage eigens eine kleine Musterfassade errichtet hatte, um vor dem Ernstfall experimentieren zu können. Und um zu sehen, wie sich die Ziegel mit ihrem typischen Schlierendesign und teils aufgerauhten Bereichen, die sie alle zu Unikaten macht, eigentlich verarbeiten lassen.

Stein auf Stein: Fassade der Bibliothek komplett

Das zweite Kapital war schon deutlich komplizierter, galt es doch, die dafür geeigneten Maurer zu finden. Die Interessenten kamen reihenweise, um sich das hochgemauerte Musterstück anzusehen, aber geblieben ist keiner. „Je mehr man ins Detail ging, um so schneller haben sie die Flucht angetreten,“ erinnert sich Züblin-Bauleiter Alfred Hurler. Zu hoch waren die ganz speziellen Anforderungen, galt es doch nicht einfach, nur Stein auf Stein zu setzen, sondern unterschiedliche Formate der Ziegel und die wechselnde Form der Fassade zu berücksichtigen, die mal geschlossen, mal gelocht, mal perforiert ist. Es galt, Übergänge von der doppelten auf die einfache Steinbreite zu schaffen und das mit perfekt stimmenden Fugen, auf 20 Meter Höhe millimetergenau, weil sonst andere Bauteile und -konstruktionen nicht mehr ins Ganze passen.

Auf dem deutschen Facharbeitermarkt ist das mit dem Rohbau beauftragte Ulmer Bauunternehmen Züblin nicht fündig geworden. Zuguterletzt stieß man in Polen auf ein Subunternehmen namens Opex, und selbst dort musste der Auftraggeber unter rund 50 Maurern jene auswählen, die am geeignetsten erschienen, das Heidenheimer Dudler-Wunder zu realisieren. 18 waren es dann, die sich der Aufgabe gestellt haben, mit 316 000 Bausteinen zu arbeiten, die aufgrund der Herstellungsart allesamt Maßunterschiede aufweisen.

Jeder Stein der neuen Bibliotheks-Fassade berechnet

Das Architekurbüro hatte die Position für jeden von der Ziegelei Herbruck in Natrup-Hagen extra für Heidenheim angefertigten Stein einzeln berechnet. In den Fenster- und Türöffnungen wurden die Betonteile vorgefertigt und schon in der Fabrik verklinkert. Die Maurer selbst legten 2016 an verschiedenen Stellen los, was eine weitere Herausforderung war, denn am Ende mussten sich an dem 110 Meter langen Komplex alle Mauerfugen exakt treffen.

Gelungen? – Heidenheims Stadtplaner Ralf Käpplinger zieht seinen Hut vor dieser Perfektion, die sich jetzt in ihrer Gänze offenbart, als der Oberbürgermeister in einem symbolischen Akt in Reihe 283 die Schlusssteine setzt. 19,38 Meter Oberkante und damit exakt dort, wo man sie haben will: Genauigkeit, wie sie im Buche steht – was gerade im Falle einer Bibliothek durchaus angemessen erscheint. Es geht weiter aufwärts mit dem Prachtbau. OB Ilg kann sich beruhigt an den Abstieg machen.