Aktion Russischsprachige Jugendliche trainieren mit Flüchtlingen

Heidenheim / hz 13.01.2017
Sambo bringt russischsprachige Jugendliche mit jungen Flüchtlingen zusammen. Und beide Gruppen trainieren ein gehöriges Stück Integration – ohne es eigentlich zu wissen.

Eduard Marker weiß genau, wie das ist. Als er mit 18 aus Kasachstan kam, stand er alleine da, war sich selbst überlassen und hat Jahre gebraucht, Orientierung zu finden. „Vergeudete Lebenszeit,“ wie der jetzt 42-Jährige meint, der heute versucht, genau das richtig zu machen, was bei ihm falsch gelaufen ist: Begleiter von jungen Migranten zu sein, ihnen Perspektiven zu bieten, damit sie Fuß fassen, wenn sie in Heidenheim Neuland betreten.

Diesen Job macht das inzwischen bestens eingebürgerte Multitalent sehr erfolgreich und nicht allein. Als Plattform dient dem in Jugendsozialarbeit erfahrenen Awo-Mitarbeiter der von ihm vor mehr als zehn Jahren mitgegründete Start e. V und damit ein Verein, der eng verzahnt ist mit der gleichfalls von ihm geleiteten HSB-Sambo-Abteilung. Über die dort praktizierte Kampfsportart, deren Wurzeln unter anderem in den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion zu finden sind, ist in den vergangenen Jahren der Zugang zu vielen jungen Spätaussiedlern und Migranten gefunden worden, die sonst nicht erreicht worden wären.

Das Konzept funktioniert, ist längst ein weit über Heidenheim hinaus beachtetes Erfolgsmodell geworden. Mit Unterstützung der Stadt Heidenheim, des AWO-Kreisverbandes, der Caritas Ost-Württemberg, des Landessportbundes Baden-Württemberg und auch der „Aktion Mensch“, der Hanns-Voith-Stiftung sowie der Kreissparkasse Heidenheim hat sich Start e. V. zu einem multifunktionalen Integrationsverein entwickelt, der an verschiedenen Schauplätzen aktiv ist. Unter anderem zeigt man am Zentralen Omnibusbahnhof Flagge, wo der Imbisswagen „Blickfeld“ steht, in dem es mehr als nur um die Wurst geht, weil die im Kiosk ehrenamtlich wirtschaftenden Kampfsportler auch die sich an diesem Brennpunkt gern versammelnde Jugendszene im Auge haben. Diese vorbeugende Form der Konfliktlösung zeigt vor allem an Wochenenden Wirkung, die nicht zuletzt Oberbürgermeister Bernhard Ilg zu schätzen weiß, der in diesem Auftritt ein bewährtes Instrument der Gewaltpräventation und eine tatkräftige Ergänzung der städtischen Jugendsozialarbeit sieht.

Gemeinsam mit Partnerorganisation entwickeln die Start- und Sambo-Akteure Ideen, wie man Kinder und Jugendlichen zu Erfolgserlebnissen und zu Strategien verhilft, schwierige Lebenssituationen zu bewältigen. Neuerdings hat man eine neue Zielgruppe im Visier. „Wir haben bemerkt, dass die Akzeptanz Flüchtlingen gegenüber in einem relativ großen Teil der einheimischen Bevölkerung zunehmend sinkt,“ sagt Eduard Marker und macht keinen Hehl daraus, dass die Ablehnung bei russischsprachigen Jugendlichen mit am ausgeprägtesten ist. Um dem entgegenzuwirken, sind junge Flüchtlinge eingeladen worden, sich unterm Dach von HSB-Sambo zusammen mit Aussiedlern auf die Matte zu begeben, anstatt sich selbst samt möglicherweise dummen Gedanken überlassen zu sein und in ihren Unterkünften herumzuhängen.

Anfangs kamen die Jungs mit jenen ausgelatschten Schuhen ins Training, die sie aus Afghanistan, Syrien oder aus dem Iran bis nach Heidenheim geführt haben, samt ausgeleierten T-Shirts und alten Hosen. Inzwischen treten sie dank öffentlicher Hilfe in passender Trainingskleidung auf, kommen selbstständig oder mit Fahrgemeinschaften in die Sporthalle. Einige sind schon im Wettkampfmodus, und alle gehören sie zu einer Gemeinschaft, die das Kämpfen lernt, das Kräftemessen liebt und eine für die Straße wichtige Grundregel erfährt: Ein gewonnener Kampf, so heißt's, ist ein vermiedener Kampf.

Mit das Faszinierendste aber ist die Erfahrung, dass weder die Flüchtlinge noch die Einheimischen das Gefühl haben, dass sie Teil eines Projekts sind. „Das wissen nur Trainer und einige wenige Sportler,“ berichtet Eduard Marker, für den das Ganze ungeachtet aller Besonderheiten ein Stück aus dem gelebten Alltag ist. „Eigentlich soll es ja normal sein, dass die Sportler in einer Mannschaft einander helfen“ Um so mehr in einer Sportart, die sich mit ihren gemeinsamen harten Trainings und darauf folgenden Wettkämpfen sehr gut für die Teambildung eignet.

Sport muss nicht von Haus aus integrative Wirkung entfalten, kann aber leichter als andere Lebensbereiche kulturelle, nationale und religiöse Grenzen überwinden, ein gemeinsames Zuhause geben. Die Philosophie von Sambo scheint ideal, weil sie die Offenheit gegenüber anderen Kulturen mit sich bringt. Aber auch andere Sportarten eignen sich. Einige Iraner, die mit Sambo begannen, sind inzwischen beim Ringen gelandet, Afrikaner sind eher im Ball- und Laufsport daheim. Funktioniert auch.

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