Heidenheim / Patrick Vetter  Uhr
Das Harlekin-Theater Tübingen reagierte auf der Bühne spontan auf Zurufe aus dem Publikum. Es parodierte alle Genres der Dramatik und Musik.

Von Anfang an war das Publikum am Donnerstagabend im Lokschuppen in jede Szene involviert und hat sich rege beteiligt. Vielleicht auch deshalb, weil Mirjam Woggon die Zuschauer gleich zu Beginn beruhigte: „Keine Sorge, Sie werden nicht auf die Bühne gezerrt“, versprach sie, und das Publikum gab ihr von den sicheren Zuschauerplätzen aus Antwort auf alle Fragen, machte Vorschläge für Szenen und beteiligte sich mit Einzählen und Buhrufen.

Im Gegenzug wurde es vom Harlekin-Theater aus Tübingen mit dynamischem und urkomischem Improvisationstheater belohnt. Die 100 Zuschauer wurden über zwei Stunden in jeder Situation neu überrascht und das ohne Skript oder lange Planung. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Kulturschiene“ traten neben Woggon die Schauspieler Samuel Zehender und Jakob Nacken zusammen mit Musiker Matthias Weiß auf.

Geschichte zur Hämoglobinphobie

Zum Warmwerden erzählte das Schauspieltrio eine Fortführungsgeschichte. Thema aus dem Publikum: Hämoglobinphobie. Ingeborg, die schnell gefundene Protagonistin der Geschichte, entwickelte dabei die Angst, der rote Blutfarbstoff könne aus dem Himmel auf sie herabregnen. An dieser Stelle vollendete Zehender die Geschichte in gesungener Form. Hierbei zeigte sich, dass auch Musiker Weiß mit improvisierten Einspielern reagieren musste.

Nach dieser „Trainingsübung“ war das Team, aber auch das Publikum, bereit, sich drehbuchlos dem Abend voller überraschender Wendungen hinzugeben. Weiter ging es mit einem erfundenen Theater. Das Publikum durfte sich einen Dramatiker wünschen, in dessen Stil sich das Stück halten sollte. Nachdem einige Vorschläge eingegangen waren, kam das fiktive Werk „Das Wildschwein“ von Friedrich Dürrenmatt zur Erstaufführung. Woggon trat dabei ganz im Stil der alten Dame auf und stürzte Bürgermeister und Pfarrer einer Kleinstadt. Nur einen kleinen Ausrutscher in Richtung Elfriede Jelinek, auch ein Publikumswunsch, erlaubte sie sich.

Expertengespräch auf Koreanisch

Aus einem Satz, den ein Herr aus der ersten Reihe oft bei der Arbeit hört: „Maschine steht“, machten Nacken und Woggon ein Liebesduett. Gefolgt wurde diese Nummer von einem Expertengespräch über das Wunschthema Fotovoltaik mit Seitenhieben über Demenz. Skurril wurde diese Angelegenheit, weil Zehender einen wild gestikulierenden Koreaner spielte und Woggon für das „Fachpublikum“ übersetzte. Zehenders Schwimm-, Reit- oder Hackbewegungen schaffte sie immer flüssig und sinnvoll in ihre Übersetzung einzubauen.

Die Nummern blieben abwechslungsreich und das Trio parodierte alle Genres der Dramatik und Musik. In der zweiten Hälfte ihrer Show verteilten sie Zettelchen mit „Game-of-Thrones“-Zitaten, die willkürlich aufgehoben und vorgetragen irgendwie schlüssig in das Geschehen auf der Bühne integriert werden mussten. Das sorgte für einige Extra-Lacher zum Beispiel in der Operette „Die Rauchschwalbe“ oder im Krimi über die aus dem Ärmel geschüttelte Opernsängerin Lizzy Gonzales, der zusammen mit den Opernfestspielen und einer Leiche in der Brenz in einen passenden Heidenheimer Topf geworfen wurde.

Ein Höhepunkt der zweiten Hälfte des Abends war ein Horrorfilmdialog, bei dem jeder der drei Schauspieler die Synchronstimme eines Kollegen sprach. Nebenher musste jeder aber auch noch seine tonlose eigene Rolle weiterspielen. Dabei kam es vor, dass sich die einzelnen Künstler selbst ins Wort fallen mussten. Die drei gaben sich so überdrehte Stimmen, dass sie teilweise selbst über die Einfälle ihrer Kollegen lachen mussten.

Ausflug in die Gregorianik

Übertroffen wurde diese absurde Darbietung nur noch vom „Musikreplay“. Eine Szene im Altenheim wurde zunächst als fünfminütige Theatereinlage gespielt und entwickelt. Auf Wunsch des Publikums wiederholten die Darsteller die gleiche Szene anschließend im gregorianischen Stil, wobei sie anscheinend spontan dreistimmig die Begegnung am Kaffeetisch im Heim besangen. Um zu beweisen, dass der Stil keine Rolle spielt, vertonten sie dieselbe Handlung nochmal als Musical.

Die vier Künstler konnten immer aus vielen Vorschlägen für ihre einzelnen Nummern auswählen und kannten sicher auf jede Silbe auf Anhieb drei Reime, dennoch erforderte der Abend viel Kreativität. Die Routine, die das Quartett selbst in einer Improvisation ausstrahlte, war enorm. Damit hat das Harlekin-Theater gezeigt, wie viel Vorbereitung auch in einem spontan erdachten Stück stecken muss.