Schule Rote Halle wird zur neuen Heimat für 300 Kinder

Heidenheim / Von Erwin Bachmann 07.10.2016
Für mehr als 300 Schüler der Friedrich-Voith-Schule ist die Rote Halle zur neuen Heimat geworden. Die Unterrichtsräume setzen einen Akzent in der Bildungslandschaft.

Neulich erst war Bernhard Ilg da. Als Gastschüler hat der Oberbürgermeister kurz auf einem etwas zu kleinen Stuhl Platz genommen und sich in einem der Klassenzimmer umgesehen, die jetzt Lerngruppen heißen – und wo überhaupt fast alles anders ist als zu Zeiten, in denen das heutige Stadtoberhaupt noch selbst zur Schule gegangen ist. Von wegen mal verkehrt herum auf dem Stuhl sitzen oder aufstehen und an einem Pult lehnen.

In der Roten Halle ist das Undenkbare und manches mehr Wirklichkeit geworden. Mit Beginn des Schuljahres sind in dieses markante Backsteingebäude auf dem WCM-Areal rund 320 Schüler eingezogen und erfüllen diesen neuesten Schulstandort Heidenheims mit quirligem Leben. Und ob es ihnen bewusst ist oder nicht: Sie sind die Pioniere einer ganz neuen Entwicklung in Heidenheims Bildungslandschaft, bevölkern sie doch ein historisches Bauwerk, das lange nach seiner industriellen Nutzung nunmehr ein Teil der Gemeinschaftsschule der Friedrich-Voith-Schule ist.

Mit der Wandlung zur schulischen Außenstelle hat sich auch das Innenleben dieses Gebäudes gehörig gewandelt. Die noch vor Jahren von der Dualen Hochschule und zuletzt von der Forscherwerkstatt der Zukunftsakademie genutzten Räumlichkeiten haben ein völlig verändertes, ganz auf die neuen Bedürfnisse ausgerichtetes Gesicht erhalten. Zuschnitt und Ausstattung orientieren sich an den pädagogischen Anforderungen dieses speziellen Schultyps – insbesondere des Sekundarbereichs, also der weiterführenden Klassen der Gemeinschaftsschule, die hier fernab des in der Voith-Siedlung beheimateten „Mutterhauses“ ihre Heimat gefunden haben.

Ein Gang durch die schöne neue Schülerwelt zeigt, dass sich die jungen Leute samt der bis zu 30 hier unterrichtenden Lehrkräfte zumindest schon gut eingerichtet, vielleicht sogar gut eingelebt haben. Hier zu lernen, aber auch zu unterrichten, muss eigentlich Spaß machen, so der Eindruck eines Besuchers, der seine Jahrzehnte zurückliegende schulische Laufbahn bis heute nicht hat vergessen können. Schulleiter Werner Weber bestätigt dieses Empfinden, hebt die Vorzüge eines Raumkonzepts hervor, das ganz auf Durchgängigkeit angelegt ist und die Selbstständigkeit der Schüler stärken will. Auf zwei Stockwerken sind jeweils drei benachbarte Klassenstufen – etwa 5, 6 und 7 – zu finden, wobei jeder Jahrgangsstufe drei miteinander verbundene Räume zur Verfügung stehen. Lernen findet in der Gemeinschaftsschule weniger in traditionell angelegten Klassenzimmern, sondern mehr in Lerngruppen und Differenzierungsräumen statt, der allen Kindern für Fördermaßnahmen zur Verfügung steht und auch Rückzugsmöglichkeiten bietet.

Bei der Besichtigung des neuen Schulstandorts schlüpfte OB Bernhard Ilg nebst seinem für Bildung und Sport zuständigen Fachbereichsleiter Matthias Heisler und Schulleiter Werner Weber kurz in die Rolle von Schülern. Von denen verfügt jeder über seinen eigenen fahrbaren Schul-Container, den er beim Wechsel vom einen in den anderen Raum mitnimmt, der auch mal als Pult dient, an dem man stehend arbeiten kann, wenn an einem Acht-Stunden-Tag das Sitzfleisch schwach wird und die Müdigkeit erstarkt. Weber spricht von Möbeln, die mit der Pädagogik mitwandern, und er sieht die Pädagogik auch von der Architektur gestützt. Kurz, „ein Traum-Lehrraum“, in dem auch von der Aufstellung her alles möglich ist, vom Stuhlkreis bis zur Gruppenarbeit, offenes Lernen, wenn's passt auch Sequenzen mit Frontalunterricht, gestützt durch moderne Medien wie interaktive Beamter und ein mobiles Tafelsystem – ohne Kreide, versteht sich.

Bestnoten verdienen in der Roten Halle auch die naturwissenschaftlichen Räume. Sie zeichnen sich durch einen hohen Standard aus, mit dem nicht zuletzt das gymnasiale Profil der Gemeinschaftsschule unterstrichen wird. Dabei ist dieser auch für Biologie und Chemie konzipierte Fachraum-Bereich mit seinen exzellenten Experimentier-Möglichkeiten nur der Anfang. Die nächste Baustelle befindet sich im direkt benachbarten sogenannten Werkstattbau, in dem in einem weiteren Schritt die übrigen Fachräume – Musik, Kunst, Technik und Hauswirtschaft – eingerichtet werden. Zum Schluss des Rundgangs zurück ins Obergeschoss der Roten Halle. Hier ist der aus Zeiten der früheren Berufsakademie stammende große Vorlesungssaal durch herausnehmbare Faltwände in vier Räume aufgeteilt worden. Das flexible Raumkonzept ist auch das Ergebnis einer als einzigartig empfundenen Kooperation mit dem Schulträger. Bevor die Handwerker in der Roten Halle angerückt waren, hatte man eine aus Lehrkräften der Schule und Hochbau-Experten der Stadtverwaltung bestehende Arbeitsgruppe gebildet, um am Ende zu einem Ergebnis kommen, das wirklich Schule macht. Beileibe nicht selbstverständlich, dieser Ansatz, aber mehr als sinnvoll, wie Matthias Heisler mit ganz pragmatischen Worten erklärt: „Damit man nicht irgendetwas hin baut, was nachher nicht passt.“ Und nach Lage der Dinge passt alles.