Heidenheim Rommel-Denkmal: Mythenbildung mit dem Meißel

Hat den achten Band seiner Reihe über NS-Belastete herausgegeben: Dr. Wolfgang Proske.
Hat den achten Band seiner Reihe über NS-Belastete herausgegeben: Dr. Wolfgang Proske. © Foto: Archiv
Heidenheim / Hendrik Rupp 23.08.2018
„Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“ von Dr. Wolfgang Proske beleuchtet auch die Initiatoren des Rommel-Denkmals.

Der neue Band „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“: Das ist kein Buch, sondern eine ganze Buchreihe über NS-Belastete aus Baden-Württemberg, die der Gerstetter Geschichtslehrer Dr. Wolfgang Proske im selbst gegründeten Kugelberg-Verlag herausgibt. Auf zehn Bände ist das Projekt angelegt, inzwischen ist der achte Band erschienen, der sich (eine regionale Aufteilung ist bei den Büchern der Reihe üblich) auf den Norden des heutigen Baden-Württemberg konzentriert.

Viele wieder in Amt und Würden

18 Autoren beschreiben 23 NS-Belastete (Letztere bis auf Prinzessin Alexandra zu Hohenlohe-Langenburg ausnahmslos Männer) aus großer und kommunaler Politik, aus der Industrie wie aus der Landwirtschaft. Und nur selten enden diese Lebensbilder in Bestrafung, Haft oder offener Aufarbeitung. Der Löwenanteil der „Belasteten“ kam nach dem Ende der Nazizeit schnell wieder in Amt und Würden und machte einfach weiter.

Manche machten sogar rückwärts, wie der von Herausgeber Proske selbst verfasste Beitrag über den Wehrmachtsgeneral Siegfried Westphal, der trotz Mitwirkung an Kriegsverbrechen in Italien mit rund zwei Jahren US-Gefangenschaft davonkam und später nicht nur ein erfolgreicher Rüstungsindustrieller und -Lobbyist wurde, sondern maßgeblich an einem Bild der „sauberen Wehrmacht“ arbeitete. Für Heidenheim entscheidend ist dabei Westphals Rolle als Vorsitzender des „Verbands der ehemaligen Angehörigen des Deutschen Afrikakorps e.V.“. Während er sich in Bonn für eine großzügigere Straffreiheit möglicher Kriegsverbrechen einsetzte, sorgte Westphal für die Stiftung und Aufstellung des Rommel-Denkmals 1961 in Heidenheim – und auch dafür, dass der bis heute umstrittene Mythos des untadeligen, ja sogar im Widerstand agierenden Generalfeldmarschalls Erwin Rommel buchstäblich in Stein gemeißelt wurde. Die Bundesrepublik dankte dem Ex-Rheinstahl-Direktor zum Ruhestand 1972 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern.

Ebenfalls im Buch vertreten ist der Heidenheimer Historiker Alfred Hoffmann mit seiner Arbeit über den früheren Landtagsabgeordneten und Küfermeister Friedrich Degeler. Dessen Rolle als Schutzpolizist und Transportleiter in NS-Lagern hatte Hoffmann bereits 2014 in einem Beitrag in der HZ beleuchtet. In zwei Epilogen arbeitet Hoffmann nun auch die Reaktionen auf seinen HZ-Beitrag auf – besonders die Erinnerungen eines Degeler-Verwandten an dessen Aussagen kurz vor seinem Tod im März 1989 zeigen, dass Degeler sich einer Verantwortung bei den Judentransporten zeitlebens bewusst gewesen sein mag: „Ich habe unter diesen Dingen gelitten“, soll er gesagt haben: „Ich war ja der Vorgesetzte der jungen Schläger“.

Öffentlich freilich hat auch Degeler nie über diese Erlebnisse gesprochen. Lieber pflegte man eine andere Erinnerungskultur. Als das Heidenheimer Rommel-Denkmal am 12. November 1961 eingeweiht wurde, war dessen Befürworter und Heidenheimer Oberbürgermeister Dr. Elmar Doch verhindert. In seiner Vertretung und im Namen der Stadt sprach Stadtrat Friedrich Degeler.

Band 8 von „Täter, Helfer Trittbrettfahrer“ ist im Gerstetter Kugelberg-Verlag erschienen. Mehr Infos auch unter www.ns-belastete.de.

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