Erinnerung Roland Riegger über seine Zeit als Erster Bürgermeister

Heidenheim / Kurt Wehrmeister 26.03.2015
Als Erster Bürgermeister der Stadt Heidenheim war Roland Riegger bei vielen stadtprägenden Ereignissen von Anfang an dabei. 21 Jahre lang. Jetzt hat ihn sein früherer Wegbegleiter und SPD-Genosse Kurt Wehrmeister in seinem Zuhause bei Leinfelden-Echterdingen besucht. Anlässlich seines 80. Geburtstags am 27. März blickte Riegger auf seine Zeit in Heidenheim zurück.
21 Jahre Erster Bürgermeister der Stadt Heidenheim, das ist eine Menge Holz, und als gebürtiger Heidenheimer darf Dich das schon ein wenig stolz machen. Wie hat es eigentlich mit Dir angefangen?

Ich bin am 27. März 1935 in Heidenheim geboren und habe meine ersten vier Lebensjahre in der Ottilienstraße 27 verbracht. 1940 ist unsere Familie nach Aalen umgezogen. Dort bin ich 1941 eingeschult worden. Nach dem Abitur 1955 habe ich – übrigens mit dem Wahlfach Bildende Kunst und Kunstgeschichte – am Pädagogischen Institut Esslingen studiert und nach der ersten Lehramtsprüfung im Jahr 1957 als Lehrer in Schwäbisch Hall angefangen. Nach ersten Jahren im Beruf habe ich ein Aufbaustudium an der Berufspädagogischen Hochschule Stuttgart absolviert und bin als Handelslehrer an die Höhere Handelsschule Heidenheim gekommen. Später habe ich mich vom Schuldienst beurlauben lassen, um an der Universität Tübingen Volkswirtschaft und Soziologie zu studieren.

Das waren ja recht bewegte Lebensjahrzehnte – und schon bald sollte es noch bewegter werden. Ich sage nur „Heidenheimer Modell“.

Du meinst die Geschichte, die schließlich zum heutigen Werkgymnasium geführt hat. Der Anstoß dazu kam vom damaligen Voith-Personalchef Dr. Bohmann, der dem Wirtschaftskreis der CDU angehörte. Er kam auf die Idee, die in der Voith-Ausbildungsstätte im Haintal verwirklichte Firmenphilosophie der Verbindung von praktischer Arbeit und theoretischer Bildung auf die Schule zu übertragen. Ich wurde in die Planungskommission berufen.

Mit Bescheid vom 5. Mai 1971 erhielten wir vom Kultusministerium die Genehmigung zur Einrichtung des Werkgymnasiums als „Heidenheimer Modell“. Und schon vier Monate später nahmen wir in der Bergschule den Unterricht als Ganztagesschule auf. Günter Moser wurde Schulleiter, ich sein Stellvertreter. 1973 zogen wir in den Plattenneubau bei der Karl-Rau-Halle, die heutige Christophorus-Schule. Es brauchte noch einige Jahre, bis schließlich 1979 der Unterricht im neu erbauten Werkgymnasium begann.

Wie kam es  dazu, dass Du dann die Schule, die ja auch „Dein Kind“ war, verlassen hast und Erster Bürgermeister in Heidenheim geworden bist?

Im September 1969 bin ich in die SPD eingetreten und bei meiner ersten Kandidatur im Oktober 1971 in den Gemeinderat gewählt worden. 1973 kam der Kreistag dazu. Im August 1978, noch vor unserem Einzug in das neue Werkgymnasium, ist Erich Ott als dessen kommissarischer Leiter bestellt worden und wurde damit mein Vorgesetzter. Ich hatte nichts gegen Erich Ott, aber da ich wegen der Abgeordnetentätigkeit Mosers gewohnt war, die Schule recht selbstständig zu leiten, gefiel mir das nicht besonders. Zur selben Zeit verließ der damalige Erste Bürgermeister Jörg Zwosta Heidenheim, und ich, damals stellvertretender SPD-Fraktionsvorsitzender, beschloss, mich um diesen Posten zu bewerben.

Nach einem Gespräch mit unserem Fraktionsvorsitzenden Heinz Martin und nach einem von OB Hornung eingeholten Einvernehmen, bewarb ich mich also und wurde am 17. Mai 1979 gewählt. Ich war der neue Erste Beigeordnete (Bürgermeister) von Heidenheim.

Dein neues Amt war ja doch recht umfangreich.

Ja, dazu gehörten die Bereiche Soziales, Schulen, Bildung, Öffentliche Ordnung, Feuerwehr und so weiter. Und weil das noch nicht genug war (lacht) etablierte OB Hornung wegen meiner einschlägigen „Vorbildung“ als Kunsterzieher das Referat Kunst, dessen Leiter und einziger Mitarbeiter ich selber war. Und das sollte Folgen haben.

Du hast ja noch im selben Jahr die erste Duftmarke Deiner Amtszeit setzen können, als der Gemeinderat am 20. Dezember 1979 beschlossen hat, über einen Ankauf der von Dir entdeckten weltgrößten Picasso-Plakat-Sammlung zu verhandeln.

Das war für mich ein erstes Highlight, aber es brauchte noch zwei Jahre Verhandlungen, bis der Deal in trockenen Tüchern war. Der Gemeinderat hat dann 1982 den Kauf beschlossen, aber der im gleichen Jahr neu gewählte Gemeinderat hat alles wieder infrage gestellt. Durch die Unterstützung namhafter interessierter Bürger endete dann auch die zweite Abstimmung mit der Zustimmung zum Kauf. Damit war die Basis für den Aufbau einer städtischen Kunstsammlung geschaffen und eine Entwicklung in Gang gekommen, an deren Ende keine zehn Jahre später, im April 1989, die Eröffnung des Kunstmuseums im früheren Stadtbad stand.

Bis es soweit war, musste aber doch noch eine ganze Menge geschehen!

Das ist es auch. 1982 habe ich ja noch mit der HAP-Grieshaber-Gefährtin, der in Heidenheim geborenen Schriftstellerin Margarete Hannsmann, über den Erwerb einer HAP-Grieshaber-Plakate-Sammlung verhandelt, die sich heute im Archiv des Kunstmuseums befindet. Und last, not least ist mir in diesem Jahr auch die Planung und Leitung der Landeskunstwochen übertragen worden, die dann 1985 in Heidenheim stattgefunden haben. Vier Wochen lang war Heidenheim die „Kunsthauptstadt“  von Baden-Württemberg mit Literatur, Theater, Musik und Tanz.

Und damit war ein Riesenschritt in Richtung Kunstmuseum erfolgt?

Ja, aber vier Jahre hat es doch noch gedauert, bis schließlich im April 1989 das Kunstmuseum als Galerie der Stadt eröffnet wurde. Zur Eröffnung kamen der Wissenschaftsminister Professor Dr. Engler sowie der Botschafter Norwegens – weil es mir gelungen war, zur Eröffnung eine große Rolf-Nesch-Ausstellung nach Heidenheim zu holen. Rolf Nesch wurde nach seiner Emigration aus Nazideutschland einer der bedeutendsten Künstler Norwegens im 20. Jahrhundert. Und ich hatte herausgefunden, dass Nesch von seinem dritten bis 20. Lebensjahr in Mergelstetten gewohnt hatte, Schüler des heutigen Hellenstein-Gymnasiums gewesen war und eine Malerlehre in Heidenheim absolviert hat. Zur großen Nesch-Ausstellung konnte ich das Land dazu bewegen, Rolf Neschs Gemälde „Schloß Hellenstein“ für 120.000 Mark zu erwerben und es dann als Dauerleihgabe dem Kunstmuseum zu überlassen.

Ein Künstler spielt ja sowohl für unsere Stadt als auch für Dich persönlich eine besondere Rolle.

Da meinst Du sicher Yasu Eguchi. Da kam eines Tages CDU-Stadtrat Hans Wulz zu mir und erzählte mir von einem japanischen Künstler, der gerade in Bergenweiler bei einem Freund wohnte und dort Bilder malte, die später unter dem Titel „Along the Brenz“ in den USA sehr bekannt werden sollten. Er brachte mir eine Abbildung, und als ich die sah, war mir sofort klar, den müssen wir ausstellen. Und so ist es dann 1980 im Rathaus zur ersten Ausstellung von Eguchis Bildern gekommen. Er war damals in den USA schon lange bekannt, sodass nicht nur seine Fans aus Amerika und aus Japan, sondern wirklich aus aller Welt nach Heidenheim gekommen sind. Die Heidenheimer können schon ein bisschen stolz darauf sein, dass Eguchi der Stadt zwei Bilder geschenkt hat. Eines davon, die „Schwäbische Alb“, ist im Rathaus zu sehen, das andere mit „Schloß Hellenstein“ befindet sich im Kunstmuseum. Eguchi und ich sind im Laufe der Jahre Freunde geworden.

Im Rathaus hängen auch mehrere Bilder von Linde King-Lichtwer. Wer ist das?

Linde King-Lichtwer war eine gebürtige Heidenheimerin, die später in Stuttgart lebte und als Malerin bekannt wurde, weil sie mit Ida Kerkovius zeitweise das Atelier teilte. Schon lange, bevor sie 1995 starb, hat sie ihren künstlerischen Nachlass dem Kunstmuseum geschenkt. Derzeit gibt es im Kunstmuseum anlässlich ihres 100. Geburtstags eine Ausstellung aus ihrem Nachlass.

Zu Deinen Entdeckungen gehört ja neben den Künstlern Nesch, Uhrig, King-Lichtwer und Eguchi auch noch August Lösch. Und natürlich erinnere ich mich an den August-Lösch-Preis, den wir bis vor einigen Jahren in Heidenheim verliehen haben.

August Lösch war ein bedeutender Nationalökonom und Begründer der Regionalwissenschaft. Er lebte seit seinem dritten Lebensjahr im Haus seines Großvaters in der Erchenstraße, ist also in Heidenheim aufgewachsen. Und das ist doch Grund genug, dass wir uns diesen in Fachkreisen weltweit bekannten Mann zu eigen machen. Also haben wir 1971 zum ersten Mal den August-Lösch-Preis für herausragende regionalwissenschaftliche Arbeiten verliehen, und seit 1972 fanden dann alle zwei Jahre die August-Lösch-Tage in Heidenheim statt. Man muss nur einmal das  „who is who“ der Teilnehmer an diesen Tagungen zur Kenntnis nehmen, um die Bedeutung dieses Treffens zu erkennen. Das Ende der Tagung ist dann leider Gottes einige Jahre nach meinem Abschied aus Heidenheim gekommen, was ich dem Gemeinderat noch heute krumm nehme, weil eine große Chance vergeben wurde.

Kommen wir doch noch zu einem ganz anderen Kulturereignis, das gegen Ende Deiner Amtszeit die Öffentlichkeit immer wieder beschäftigt hat.

Du meinst wohl das Bildhauersymposion. Ja, dessen Geschichte hat begonnen, als 1997 der Bildhauer Jürgen Stimpfig, ein Heidenheimer, der in Paris lebt, und Architekt Wörner mit der Idee eines Bildhauersymposions aufs Rathaus kamen. Da mir klar war, dass es ohne private Mittel nie funktionieren würde, habe ich vorgeschlagen, mal bei Gabriele Rogowski anzufragen, die über gute Verbindungen zur Industrie verfügte. Als die zusagte, war das ein Glücksfall für dieses dann alle vier Jahre stattfindende Ereignis mit aufsehenerregenden Ergebnissen.

Jetzt haben wir uns schon so lange über Kunst und Kultur unterhalten, als hättest Du Dich mit nichts anderem beschäftigt. Gibt es denn daneben noch etwas, woran Du Dich noch besonders erinnerst?

Der größere Teil meiner Aufgaben war nicht die Kulturpolitik. Ich war vor allem auch Sozial- und Schulbürgermeister. Und Ende der 80er-Jahre stellten wir fest, dass wir mehr Alten- und Pflegeheimplätze benötigen. OB Hornung wollte das damalige städtische Altenheim in der Altenheimstraße erweitern. Dafür ließ er Pläne erstellen. Zu dieser Zeit wurden gerade die Gebäude der Brauerei Neff abgebrochen, und mir kam die Idee, dass wir auf dem frei werdenden Gelände ein Altenzentrum errichten könnten. Als ich diesen Vorschlag OB Hornung unterbreitete, hat er mich für größenwahnsinnig erklärt. Wie könnte man ein Altenheim mitten in die Stadt und auch noch neben das Rathaus stellen! Die Sache hat mich aber nicht losgelassen, und weil ich den damaligen Chef des Landeswohlfahrtsverbands, Herrn Dr. Hohberg, kannte, habe ich mich an ihn gewandt. Der fand die Idee gut, und ich bat ihn, einen Termin mit Hornung auszumachen. Als er dabei mit einem bedeutenden Landeszuschuss winkte, war die Sache durch: Mitten in der Stadt wird ein Altenzentrum gebaut. Der Gemeinderat folgte auch meinem Vorschlag, das Altenzentrum von der Arbeiterwohlfahrt betreiben zu lassen. Das war, wenn ich mich recht erinnere, im Jahr 1991. Nachdem Anfang 1995 unser Ehrenbürger Eugen Loderer gestorben war, waren OB Himmelsbach und ich uns einig, den gesamten Komplex „Eugen-Loderer-Zentrum“ zu nennen.

Du hast ja dann nach OB Martin Hornung noch OB Helmut Himmelsbach miterlebt, und für einige Tage auch OB Bernhard Ilg, bevor Du einige Tage nach Deinem 65. Geburtstag aus Deinem Amt verabschiedet und mit dem Ehrenring der Stadt Heidenheim ausgezeichnet worden bist.

Das tut natürlich auch gut, weil es dir zeigt, dass du Deine Sache wohl ganz ordentlich gemacht hast. Es waren ja nicht nur die jetzt in unserem Gespräch erwähnten Projekte, die mich in den 21 Jahren meiner Amtszeit beschäftigt haben. Alles in Allem hat mir die Arbeit im Rathaus viel Freude bereitet.

Das ist jetzt über 14 Jahre her. Jetzt feierst Du deinen 80. Geburtstag. Das gibt doch dann sicher ein großes Fest?

Nein, ganz gewiss nicht, denn ich erfülle mir endlich einen Traum und fliege mit meiner Ulla nach New York, wo ich noch nie gewesen bin. Mein einziger Geburtstagsgast wird mein alter Freund Yasu Eguchi sein. Übrigens bekomme ich noch ein ganz besonderes Geschenk: Im Kunstmuseum findet am 26. April die Vernissage zur Ausstellung „Roland Riegger zum 80. Geburtstag“ statt. Darüber freue ich mich natürlich sehr, vor allem auch auf die vielen Freunde und Wegbegleiter, die ich dort dann wiedersehen werde.
 
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