Heidenheim Rockerkrieg: Ist jetzt endlich Ruhe eingekehrt?

Wer Camillo Quattrone selbst im Gespräch hören will, findet den HZ-Podcast „Unterm Dach“ zum Thema Rockerkriminalität auf www.hz.de/podcast.
Wer Camillo Quattrone selbst im Gespräch hören will, findet den HZ-Podcast „Unterm Dach“ zum Thema Rockerkriminalität auf www.hz.de/podcast. © Foto: Christian Thumm
Heidenheim / Silja Kummer 19.11.2018
Jahrelang hielten die Auseinandersetzungen zwischen United Tribuns und Black Jackets den Landkreis Heidenheim in Atem. Jetzt sind zwei der Haupttäter verurteilt. Für den Rocker-Experten bei der Polizei, Kriminalhauptkommissar Camillo Quattrone, ist das Kapitel aber noch nicht beendet.

Seit rund 25 Jahren ist Kriminalhauptkommissar Camillo Quattrone vom Polizeipräsidium Ulm beruflich in Kontakt zur Rockerszene. Kaum jemand kennt die Szene in Heidenheim so gut wie er. Quattrone kann die Geschehnisse der vergangenen drei Jahre einordnen, aber auch einen Blick auf die aktuelle Lage gewähren.

Ab 2015 begann ein Rockerkrieg in Heidenheim, der in einer Schießerei auf offener Straße 2016 seinen Höhepunkt fand. Wie konnte es soweit kommen?

Camillo Quattrone: Der jetzt verurteilte Ex-Präsident der United Tribuns hat 2015 die hier vertretenen Clubs angefragt, weil er ein neues Chapter gründen wollte. Das wurde von allen Clubs abgelehnt, sowohl in Ulm als auch in Heidenheim. Er hat das aber nicht beachtet, und in der Folge kam es zu fortgesetzten Straftaten, die sich zwischen den United Tribuns und den Black Jackets abspielten, wie Brandstiftungen an Autos und Körperverletzungen. Das hat sich hochgeschaukelt. Die anderen Clubs waren aus deren Sicht in der glücklichen Lage, dass sich ein Club dabei hervorgetan hat, etwas gegen die United Tribuns zu unternehmen. Der Höhepunkt der Eskalation war das Tötungsdelikt im April 2016 in der Clichystraße.

Der Präsident – oder Ex-Präsident - der United Tribuns Ulm-Heidenheim wurde kürzlich wegen Geldfälschung und Drogenhandels verurteilt. Ihm ging es doch nicht nur darum, ein Chapter zu gründen, sondern auch darum, illegale Geschäfte zu etablieren, oder?

Ich will damit nicht sagen, dass alle Chapter jedes Clubs so agieren, aber in diesem konkreten Fall war es definitiv so. Die hier agierenden Personen wollten den Club dazu nutzen, Reibach zu machen. Sie haben im Verlauf der Ermittlungen gezeigt, wie sie immer wieder andere abgezockt haben, wie sie an hochwertige Fahrzeuge kamen, wie man auch versucht hat, in den Rotlichtbereich hineinzudrängen oder Schutzgeld zu erpressen. Manche Mitglieder in niedrigen Rängen haben sich instrumentalisieren lassen, die hätten sicherlich auch nicht das große Geld gemacht, der Hauptgewinn war den Leuten vorbehalten, die in den Chaptern die Führungsrollen innehatten.

Nachdem die Chefs der beiden Clubs, die sich da bekriegt haben, jetzt in Haft sind: Ist jetzt in Heidenheim Ruhe eingekehrt?

Nein, das muss ich klipp und klar sagen. Auch wenn es im Moment ruhig ist. Die Schießerei 2016 hatte natürlich Auswirkungen: Die Black Jackets haben sich danach praktisch aufgelöst und die United Tribuns konnten agieren wie sie wollten. Was da in der Folge alles passierte, wurde und wird noch juristisch aufgearbeitet. Die Führungskräfte der United Tribuns sind jetzt vermeintlich weg – aber die Verhaftungen schaffen ja auch ein Vakuum und die Möglichkeit, dass andere clubintern nachrücken. Genau das beobachten wir momentan. Was dann passiert, das ist schwer zu sagen.

Ist es möglich, dass andere Clubs, die hier gar nicht vertreten sind, dieses Vakuum ausnutzen und versuchen, sich hier zu etablieren?

Das könnte auch passieren, aber ich halte es für weniger wahrscheinlich.

Wie kann man denn in so einer abgeschlossenen Szene ermitteln?

Meine Aufgabe und die meines Kollegen ist es hauptsächlich, Erkenntnisse zu gewinnen und nicht, konkrete Ermittlungen zu führen. Wir müssen immer auf dem neusten Stand sein, wer wo agiert, und das ist gar nicht so einfach, wie man sich das vielleicht landläufig vorstellt. Unsere Aufgabe ist es, mit den Führungspersonen der Clubs oder der jeweiligen Chapter Kontakt zu halten und mit ihnen zu sprechen, wenn diese dazu bereit sind – und wenn es sich nicht um massive Straftäter handelt. Wenn zum Beispiel ein großes Treffen eines Clubs mit mehreren Hundert Mitgliedern stattfindet, ist das für uns auch ein riesiger Aufwand und wir müssen im Vorfeld klären, wie man da die Sicherheit garantieren kann. Aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse müssen wir auch beurteilen, wann sich eine Situation zuspitzt, wann es auch für die Öffentlichkeit gefährlich werden könnte.

Es ist Ihnen aber nicht gelungen, die Schießerei in der Clichystraße zu verhindern. Und die fand ja tatsächlich in der Öffentlichkeit am helllichten Tag statt.

Das Erkennen der Gefährdungssituation in Echtzeit war in diesem Fall nicht möglich. Der Umstand, dass drei Black Jackets aus Giengen dort beim Friseur waren und der gegnerische Club das mitbekommen hat und dann dort auftauchte, das konnten wir nicht vorhersehen. Das war ja auch keine geplante Aktion, sondern eigentlich ein zufälliges Aufeinandertreffen.

Muss man als Polizeibeamter eine bestimmte Persönlichkeit haben, um von den Rockerbossen ernst genommen zu werden?

Ja klar, es ist das Wichtigste, dass man respektiert wird. Ich respektiere meine Gesprächspartner aber auch. Unter denen gibt es welche, mit denen man lieber redet und andere, mit denen es schwieriger ist. Aber mein Gegenüber muss schon wissen, dass ich auch einen „Club“ vertrete – und das ist immerhin der größte Club der Welt.

Aber nicht der mit den schönsten Kutten . . .

. . . das stimmt (lacht).

Was erfährt man denn in solchen Gesprächen?

Es geht nicht darum, dass da Geheimnisse aus den Clubs verraten werden. Aber man kriegt Strömungen mit, man erfährt personelle Veränderungen, wann eine Veranstaltung stattfindet – und manchmal bekommt man auch etwas mit, was der Gesprächspartner so vielleicht gar nicht ausdrücken wollte. Diese Informationen sind elementar für unsere Arbeit und man bekommt sie nur durch Gespräche.

Was passiert mit den Rockern, die im Gefängnis sind? Kann man verhindern, dass diese Menschen nach der Haft gleich wieder in dieselben Strukturen einsteigen?

Das ist nicht die Aufgabe der Polizei. Unser Job ist Gefahrenabwehr, aber nicht die Resozialisierung von Häftlingen. Darum kümmern sich Sozialarbeiter. Wichtig für uns ist, zu wissen, wer in Haft ist, welcher Gruppierung er angehört, dass die verschiedenen Gruppen in den Justizvollzugsanstalten getrennt sind. Natürlich haben wir das im Auge, wenn jemand aus der Haft kommt. Und bei vielen kann man davon ausgehen, dass sie nicht von der Gruppe ablassen, zu der sie zuvor gehört haben.

Was ist das Motiv für junge Männer, in so einen Club eintreten zu wollen?

Das sind häufig junge Männer, die vielleicht von sich aus nie straffällig geworden wären, es aber im Umfeld des Clubs tun. Der Drang, sich einem Clan anzuschließen, zu einer Gruppe dazugehören zu wollen, das kann man ja auch in anderen Bereichen beobachten. Man will sich uniformieren und zeigen, dass man zu einer Gruppe dazugehört. Bei den Rockern kommen noch die Gebietsansprüche dazu. In der Rockerszene führt das zu Machtkämpfen, das gefällt jungen Männern und manchen älteren auch – so sehe ich das jedenfalls.

Kann die Struktur eines Clubs kriminelle Handlungen begünstigen?

Ja, ich glaube, dass Einzeltäter vielleicht früher mal darüber nachdenken, was sie da eigentlich tun. Wer als Prospect (Anwärter) in einen Club kommt, der muss alles tun, was die höherrangigen Mitglieder ihm sagen. Man kann nicht „nein“ sagen, wenn man ein richtiges Mitglied werden will. Und die, die das Sagen haben, können diese Situation nutzen, um Straftaten zu begehen, für die sie nicht einmal mehr selbst Hand anlegen müssen. Im Club kommt schon mal das Gefühl auf, „uns kann keiner was“, eins kommt zum anderen und die kriminellen Handlungen steigern sich immer mehr. So war das auch beim Heidenheimer Chapter der United Tribuns.

Wie sah die Rockerszene aus, als Sie vor 25 Jahren begonnen haben, sich mit dem Thema zu beschäftigen?

Damals war die Dichte an Clubs noch geringer. Die Hierarchien waren diesselben, Von den weltweit agierenden Clubs waren in Deutschland damals nur die Hell's Angels und das Gremium vertreten. Regional gab es die schwarzen Ghost Rider in Heidenheim, die später zu den Outlaws wurden, und die gelben Ghostrider, später Bandidos, im Raum Ulm und den Bones MC, der später zu den Hell's Angels wurde. Diese Clubs werden als „Outlaw Motorcycle Gangs“ bezeichnet.

Was ist der Unterschied zu der heutigen Szene?

Die alten Werte der Rockerclubs sind die Freiheitsliebe, die Bruderschaft, der Bezug zum Motorrad und ein Gefühl des Ewig-18-Jahre-alt-Seins. Der Club steht für die Mitglieder vor allem anderen, sogar vor der Frau oder Freundin. Als die Black Jackets 1984 gegründet wurden, haben jungen Männer, meist mit Migrationshintergrund, versucht, diese Clubs zu kopieren. Später entstanden andere rockerähnlichen Gruppierungen, das Motorrad spielte überhaupt keine Rolle mehr. Weil die Strukturen, die Kutten und die Ränge innerhalb dieser Gruppen dieselben sind wie bei den ursprünglichen Clubs, sind sie der Rockerszene zuzuordnen, auch wenn die Motorradclubs dies anders sehen. Aber es gibt Auseinandersetzungen zwischen den Clubs und Gebietsansprüche, also handelt es sich um eine Szene. Ich habe beobachtet, dass bei den rockerähnlichen Vereinigungen, vielleicht auch begründet durch kulturelle Unterschiede aufgrund des Migrationshintergrunds vieler Mitglieder, die ursprünglichen Werte der Szene nur untergeordnet oder überhaupt keine Rolle mehr spielen. Früher hieß es, dass man niemals den Club wechselt – das ist heute überhaupt nicht mehr so.

Hat das auch Ihre Arbeit verändert?

Wenn ich früher gegen jemand von den alten Clubs ermittelt habe und er wurde daraufhin verurteilt, ist man sich später trotzdem noch mit Respekt begegnet, weil jeder die Rolle des anderen respektiert hat. Heute werden Richter, Staatsanwälte und Polizeibeamte bedroht und beleidigt. Vor kurzem wurde der Ex-Präsident eines Clubs verurteilt und ein Angehöriger streute daraufhin Gerüchte und verleumdete mich persönlich. Das ist aus meiner Sicht unehrenhaft und das hätte es früher in dieser Form nicht gegeben.

Haben Sie sich die Rocker-Serie „Sons of Anarchy“ angeschaut?

Ja, habe ich. Man darf allerdings die amerikanische Clubszene nicht mit der deutschen vergleichen. Die USA ist ein viel weitläufigeres Land, man muss wissen, dass es mehr Hell's Angels in Deutschland als in den USA gibt. Bei uns ist alles viel dichter, da existieren mehrere Clubs in einer Stadt. Das ist in den USA nicht die Regel. In Amerika sind hingegen die Waffengesetze ganz anders, die ganze Szene ist viel martialischer und rigoroser, weil man auch viel leichter an Waffen kommt. „Sons of Anarchy“ kommt der Realität in den USA wahrscheinlich sehr nahe, der Wirklichkeit bei uns gleicht das nur ein bisschen.

Aber die Schilderung der internen Strukturen des Clubs und der Art und Weise, wie darin Macht ausgeübt wird, entspricht doch vermutlich der Wirklichkeit?

Ja, das ist in der Serie sehr gut getroffen. Aber man darf trotzdem nicht den Fehler begehen, alle Chapter jedes Clubs über einen Kamm zu scheren. Es gibt Clubs, in denen die meisten Leute einer ehrlichen Arbeit nachgehen, es gibt Chapter, die machen nichts anderes als Straftaten zu begehen, um damit Geld zu verdienen. Da muss man sehr genau hinschauen.

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