Barrieren Regina Bass: Ein Leben mit Handicap

Von den Eltern gefordert, von der Großmutter behütet: Mit dieser Kombination aus Ansporn und Schutz gelang Regina Bass der Start in ein selbstbestimmtes Leben.
Von den Eltern gefordert, von der Großmutter behütet: Mit dieser Kombination aus Ansporn und Schutz gelang Regina Bass der Start in ein selbstbestimmtes Leben. © Foto: Foto: Heidrun Bäuerle
Heidenheim / Heidrun Bäuerle 13.04.2015
Inklusion ist in aller Munde, die Teilhabe von Menschen mit Behinderung am ganz normalen Leben soll verbessert werden. Wir fragen Betroffene in unserer Serie selbst, wo ihre Probleme liegen und welche Verbesserungen sie sich wünschen. Diesmal stellt sich die Sozialarbeiterin Regina Bass vor.

Inklusion ist eigentlich eine ganz einfache Sache: „Behinderte sollten als selbstverständlich angesehen werden. Und es sollte alles getan werden, um ihnen im Rahmen ihrer Möglichkeiten ein normales Leben zu ermöglichen.“ Regina Bass weiß, wovon sie spricht. Sie ist selbst betroffen und zählt eine ganze Reihe einfacher Maßnahmen auf, die das Leben für sie und viele andere Menschen sehr erleichtern würden.

Einfache Dinge wie mehr Behindertenparkplätze. Das Räumen von Gehwegen im Winter. Keine Treppen ohne Handläufe. Hinweisschilder an gefährlichen Stellen. Konsequent umgesetzte Baumaßnahmen wie abgesenkte Randsteine, Aufzüge und ausreichend breite Türen in Gebäuden. Kurze Wege. Und: „Das Wichtigste überhaupt wäre eine größere Sensibilität aller Menschen für die Belange von Behinderten, Alten, Eingeschränkten. Einfach wahrnehmen, wenn jemand Hilfe braucht, helfen den Kinderwagen hoch zu tragen, die Türe aufzuhalten, was von oben aus dem Regal runterzuholen, mal der alten Nachbarin den Schnee zu schippen.“

Regina Bass ist eine Kämpfernatur. Trotz körperlicher Behinderung – von der Tetra-Spastik sind alle vier Gliedmaßen betroffen – hat sie sich nie unterkriegen lassen im Leben. Das Motto ihres Vaters: „Was die anderen können, kannst Du auch“ sei hart, aber letztlich hilfreich gewesen. Trotz großer körperlicher Einschränkungen hat sie eine erfolgreiche Schullaufbahn und ein Studium abgeschlossen, war immer in ihrem Beruf als Sozialarbeiterin tätig und hat zudem als alleinerziehende Mutter einer Tochter erfolgreich ihr Leben gemeistert.

„Einfach war das nicht“, sagt die Heidenheimerin. „Und ich wäre sicherlich eine Andere ohne die Behinderung“, meint sie. Dass sie mit der Behinderung auf die Welt kam, macht es für sie leichter: „Ich kenne es nicht anders.“ Sie selbst sieht sich nicht als behindert an: „Ich bin anders und passe nicht in die Norm.“

Geholfen habe ihr, dass sie einerseits von der Oma sehr verwöhnt und andererseits von den Eltern sehr gefordert wurde. „Das ergab wohl eine ganz gute Mischung“, meint sie heute. Da die Großmutter auf dem Standpunkt stand: „Das Mädchen kommt mir nicht weg,“ besuchte Regina Bass die Waldorfschule. „Bis zur dritten Klasse war es nicht einfach“, erzählt sie. Sie sei durch die Behinderung sehr langsam gewesen und wurde anfangs von den anderen Kindern wenig akzeptiert und auch schon mal mit dem Hüpfseil geschlagen. „Aber ich hab mich halt gewehrt, gekratzt und gebissen.“ Und später wurde es auch sehr viel besser.

Da die Feinmotorik von Regina Bass betroffen ist, war sie anfangs im Schreiben sehr langsam. Abhilfe wurde dadurch geschaffen, dass eine sehr gute Schülerin für sie die Aufzeichnungen ergänzte, indem sie aufschrieb, was ihre Mitschülerin zeitlich nicht schaffte. „Und obwohl die Klassenstärke damals von anfänglich 16 Kindern auf später 45 anstieg, bin ich gut durch die Schule gekommen“, bemerkt sie. Ab der 7. Klasse wurde es besser, Regina Bass konnte ausreichend schnell schreiben. „Allerdings habe ich nach der Schule noch drei bis vier Stunden am Tag gelernt“, erinnert sie sich. Es hat sich gelohnt: Sie legte die Mittlere Reife ab, danach die Fachhochschulreife und studierte anschließend Sozialpädagogik. Regina Bass ist es gelungen, sich ein selbständiges und eigenverantwortliches Leben aufzubauen. „Ehrlich gesagt, ich bin kein Freund von Sondereinrichtungen. Ich finde, jeder hat ein Recht auf ein normales Leben.“

Ein echtes Problem sieht Regina Bass darin, dass man im Alltag kaum mit Behinderung in Berührung komme. „Leute mit Behinderung sind oft unsichtbar“, meint sie. Viele Menschen seien in Sondereinrichtungen untergebracht, andere nähmen kaum am normalen Leben teil. Das führe dazu, dass viele Menschen unsicher seien, wie sie sich gegenüber Behinderten verhalten sollen. „Unsere jetzige Gesellschaft ist sehr auf jung, dynamisch und gesund ausgelegt und jeder denkt das bleibt ein Leben lang. Aber es kann sich ganz schnell ändern, für jeden von uns,“ sagt sie nachdenklich.

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