Heidenheim / Hendrik Rupp  Uhr
Immer wieder gerät Voith als Ausrüster großer Wasserkraftwerke auch ins Visier von Umweltschützern. Denen tritt der Konzern inzwischen selbstbewusst gegenüber. Man steht zur Wasserkraft und hält auch große Projekte am Amazonas für nötig und richtig.

Die Ureinwohnerin steht im Dschungel, trägt Bastrock und Haarschmuck und ein Schild: „Voith, zerstöre meine Heimat nicht“. Überlebensgroß das Motiv, das ein Dutzend Aktivisten von Greenpeace am 14. April in Heidenheim präsentierten. Und identisch mit einem Bild, das man tags zuvor bei Siemens in München gezeigt hatte – nur stand dort „Siemens“ statt „Voith“ auf dem Schild.

„Das ist pure Emotionalität“, sagt Lienhard

Photoshop? Dr. Hubert Lienhard ist das egal. Nicht egal ist dem Voith-Konzernchef das klischeehafte Bild, das die Umweltaktivisten bei ihrem Protest gegen geplante Wasserkraftwerke am Tapajós-Fluss in Brasilien bemühten: Naturvölker, die in Eintracht mit der Natur im unberührten Urwald wohnen und von einem Staudammprojekt vertrieben werden, das ohnehin keiner braucht. „Das ist pure Emotionalität“, sagt Lienhard. Sonst nichts?

Lienhard hat Bilder dabei. Dr. Roland Münch hat sie aus Brasilien mitgebracht, wo der frühere Chef von Voith Hydro sich angesichts der Proteste gegen das Kraftwerksprojekt Belo Monte am Xingu-Fluss persönlich umsah.

 Fläche wie der Landkreis soll geflutet werden

 Belo Monte war und ist in Kreisen von Umweltschützern ebenfalls schwer in der Kritik. Eine Fläche so groß wie der Landkreis Heidenheim soll nahe der Gemeinde Altamira geflutet werden. Über 30 000 Menschen sind dadurch betroffen, Tausende müssen umgesiedelt werden.

Doch unberührten Urwald sucht man in Altamira vergebens. Über 120 000 Menschen wohnen in einer der flächenmäßig größten Kommunen der ganzen Erde, das Gemeindegebiet ist mit über 160 000 Quadratkilometern viermal so groß wie die Schweiz. 660 Quadratkilometer davon werden geflutet. In Brasilien herrschen andere Maßstäbe als in Europa.

In den Kloaken sieht man Kinder baden

Und die Bilder, die Lienhard dabei hat (und die man auch im Internet findet) zeigen eine elende Stadt. Viele Baracken stehen auf Stelzen, denn der Fluss schwillt bei Regen enorm an, überschwemmt viele Gebiete. Die Staudämme würden das regulieren helfen.

In den Kloaken zwischen den Hütten sieht man Kinder baden – und Lienhard setzt nun auch mal auf Emotionalität: „Welche Zukunft haben diese Kinder?“ fragt er. Und er zeigt Luftbilder, die den Smog aus Hunderten kleiner Dieselaggregate zeigt, mit denen die Einwohner ihren Strom erzeugen. „Ohne Strom lebt da keiner“, sagt Lienhard. Beim Protest gegen Belo Monte wurde immer wieder angeführt, die Energie diene nur der Aluminiuminidustrie, nicht aber der indigenen Bevölkerung.

Widerstand kam von Fischern und Landwirten

Vor Ort am Rio Xingu sah die Lage aus Sicht von Voith ganz anders aus. Widerstand kam vor allem von Fischern und Landwirten, und die wollten vor allem eine anständige Entschädigung haben. Dass Altamira gar keinen Strom brauche, würde dort niemand behaupten.

Im Gegenteil. „Man sieht es in Afrika, in Asien, auch in Südamerika“, sagt Lienhard: Verlässliche Stromversorgung schaffe immer sofort ein Umfeld aus Infrastruktur. Krankenhäuser und Arztpraxen, Läden, Arbeitsplätze. Niemand wolle in diesen Städten zurück in den Urwald, sagt Lienhard. „Die Menschen wollen eine Zukunft haben“. Und die gebe es nicht ohne Strom. Auf den Dächern der Hütten sieht man viele Satellitenschüsseln.

Aber muss ein Staudamm so riesig sein? Lienhard verweist auf die gewaltigen Dimensionen in Brasilien. Elf Gigawatt soll Belo Monte leisten – so viel wie zehn Atomkraftwerke oder 15 große Kohlekraftwerke. „Wäre das die Alternative?“ fragt Lienhard. Und er sagt selbst: „Nein“. Womöglich habe man auch vergessen, wie Brasilien einst gewaltige Urwaldflächen abholzte, um Zuckerrohr anzubauen – nur, damit Brasiliens Autos mit Alkohol statt Benzin fahren konnten. „An Wasserkraft führt gerade in Schwellenländern kein Weg vorbei“.

„Belo Monte ist ein gutes Projekt“, sagt Lienhard

„Belo Monte ist ein gutes Projekt, das den Aufwand und auch die Umsiedlungen lohnt“, sagt Lienhard. Sagt Voith das nicht automatisch, über jedes Projekt, das Umsatz bringt? Lienhard schüttelt den Kopf. Allein in den vorigen Jahren hat Voith sich aus freien Stücken aus zwei Großprojekten zurückgezogen bzw. sie abgelehnt. Einmal in Honduras, einmal in der Türkei. Am 2008 fertiggestellten Drei-Schluchten-Damm in China hatte Voith auch mitgewirkt – und dafür auch Prügel eingesteckt. „Klar ist, dass man ein Projekt mit zwei Millionen Umsiedlungen heute auch in China nicht mehr angehen würde“, sagt Lienhard. Und klar sei auch, dass man in Brasilien heute nicht mehr einfach nur Waldflächen überflute wie einst. Heute werde erst gerodet, um der Bildung des Klimakillers Methan vorzubeugen.

Voith setzt seit Jahren auf klare Standpunkte auch bei strittigen Themen

Der Vergleich ist nicht gänzlich passend, aber schön bildlich: Eine schwäbische Waffenschmiede liefert Gewehre in alle Welt, will aber mit Kriegen nichts zu tun haben.

Voith liefert keine Gewehre, doch den Rückzug auf die „wir sind doch nur Ausrüster“-Ausrede will Dr. Hubert Lienhard nicht gelten lassen. Als Voith-Chef ließ Lienhard seit 2008 eine eigene Stelle für „Issues Management“ einrichten, aus der seither sowohl der Chef der Konzernkommunikation Lars Rosumek als auch Voith-Pressesprecher Dirk Böckenhoff hervorgingen. „Issues“ behandelt grundsätzliche Fragen: Wie steht Voith zur Welt? Das Ziel: Ja oder nein, aber nie wieder ein „äääh . . .“, gerade wenn es um strittige Themen geht.

Das kann auch Ecken und Kanten geben. Unvergessen, wie man sich bei Angela Merkels Voith-Besuch 2010 in der Entourage der Kanzlerin über die Freiheit mokierte, mit der AKW-Gegner am Voith-Gelände demonstrieren durften. Verblüffende Aussage damals: „Nun, Voith hat auch nichts mit Kernkraft am Hut“. Die Kanzlerin inzwischen auch nicht mehr.

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