Essen&Trinken Punk schreibt Kochbuch: „Ein Veganer darf alles essen, er will nur nicht“

Vor 25 Jahren hatten Joachim Hiller und Uschi Herzer ihr letztes Schnitzel auf dem Teller. Seit drei Jahren gibt es auch keine Milch mehr zum Frühstück. Neben dem Punk-Fanzine „Ox“ verlegen sie vegetarische und vegane Kochbücher.
Vor 25 Jahren hatten Joachim Hiller und Uschi Herzer ihr letztes Schnitzel auf dem Teller. Seit drei Jahren gibt es auch keine Milch mehr zum Frühstück. Neben dem Punk-Fanzine „Ox“ verlegen sie vegetarische und vegane Kochbücher.
Heidenheim / Christine Weinschenk 19.02.2013
Billiges Dosenbier und Pommes rot-weiß. In der Küche wird höchstens der Aschenbecher erhitzt. Kulinarische Szenen aus dem Leben eines Punks? Ganz falsch, sagt Joachim Hiller. Der Ex-Heidenheimer ist überzeugter Punk, überzeugter Veganer und Kochbuchautor.

Versoffene Jungfern, Pasta terror, asiatisch-holländische Freundschaft. Manches Rezept in „Kochen ohne Knochen“ ließe sich problemlos auch als Name für eine Punkband verwenden. „Wir hatten nie Spaß an verbiesterten Rezeptnamen in Angeberküchenmanier“, sagt Hiller. „Wir wollten das attraktiver und mit einem Augenzwinkern gestalten.“ Wir, das sind Joachim Hiller und seine Frau Uschi Herzer. Sie verlegen das Punk-Fanzine „Ox“. Mittlerweile gibt es auch fünf vegetarische Ox-Kochbücher und zehn Magazine „Kochen ohne Knochen“. Das letzte Kochbuch erschien im Dezember und ist sogar rein vegan.

Seit der ersten Ausgabe des Punkrock- und Hardcore-Fanzines „Ox“ (Fanzines sind Magazine, die von Fans für Fans gemacht werden) im Jahr 1989 ist eine Seite mit fleischlosen Rezepten fester Bestandteil des Heftes. Sein letztes Schnitzel hatte Joachim Hiller 1988 auf dem Teller. „Damals war der Vegetarismus noch nicht so etabliert wie heute. Als Vegetarier war man ein Wesen von einem anderen Stern. Wir dachten uns, wenn wir schon nicht wissen, wie man ohne Fleisch kocht, geht das anderen sicher auch so.“ Das Ziel sei es gewesen, andere an den eigenen Erfolgserlebnissen in der Küche teilhaben zu lassen. Und so erschien 1997 das erste „Ox“-Kochbuch – von Punks aber nicht nur für Punks.

Mittlerweile ernähren sich Hiller und seine Frau vegan. Für ihn ein logischer Schritt. „Wir lebten davor aus Bequemlichkeit etwas inkonsequent. Aber vernünftigerweise führt an der veganen Ernährung kein Weg vorbei.“ Bei der veganen Ernährung verzichte man auf nichts. „Der Veganer darf alles essen, aber er will nicht.“

Während Vegetarier auch Milch und Eier verzehren, verwendet ein Veganer stattdessen Alternativprodukte wie Hafer- oder Soja-Sahne. „Damit eine Kuh Milch gibt, muss sie immerzu schwanger werden und die Kälbchen müssen dann eben weg. Damit ist man auch als Vegetarier an der Tierausbeutung beteiligt“, so Hiller.

Für das aktuelle Kochbuch habe man einige vegetarische Klassiker auf vegan umgewandelt. Sein persönlicher Favorit: Rosenkohl-Pasta mit karamellisierten Maronen. Die Auflage des neuen Buchs liegt bei 6000 Stück. Hiller nennt es das Starter-Kit oder die Allround-Waffe. „Wer sich vegan ernähren möchte, findet darin alles, was er braucht.“

Aber wie kommt ein Punkt zum Vegetarismus? Ist das kein Widerspruch? Ganz im Gegenteil, sagt Hiller, der seit er Heidenheim abtrünnig wurde in Solingen lebt. „Schon in den 1980ern gab es in der Punk-Szene eine Tierschutzbewegung. Punk-Texte sind meistens sehr engagiert politisch. Und wer sich Gedanken um die Welt und die Umwelt macht und sich fragt, was auf unserem Planeten falsch läuft, der kommt auch zwangsläufig auf die Tierausbeutung.“

Anfangs stieß Hiller auf viel Widerstand und Unverständnis für seine alternative Ernährungsweise. „Meine Oma aus Mergelstetten hat mich gefragt: ,Was isst du denn jetzt?'“ Gemüse war keine befriedigende Antwort. „Gemüse war für sie eben einfach nur weich gekochter Blumenkohl.“ Heute sei man als Vegetarier längst kein Außenseiter mehr. „Das ist mittlerweile Lifestyle. In Berlin gibt es dutzende vegane Restaurant, in Stuttgart immerhin drei.“

Über Skandale mit Gammelfleisch oder den Verbrauchern untergejubeltes Pferdefleisch in der Tiefkühllasagne kann Hiller nur den Kopf schütteln. „Eure Skandale interessieren mich nicht. Es gibt eine einfache Methode, das alles zu umgehen: Kein Fleisch essen.“ Dabei geht es ihm nicht nur um den Tierschutz. „Das ist auch ein ökologisches Thema: Der CO2-Ausstoß, der Flächen- und Wasserverbrauch für die Fleischherstellung ist gigantisch. Mit einer so stark auf Fleisch fixierten Ernährung kommen wir einfach nicht weiter.“

Hartnäckig hält sich das Vorurteil der Mangelernährung. „Der gemeine Fleischesser macht sich viele Gedanken um ungesund lebende Vegetarier und merkt nicht, wie ungesund er selber lebt“, sagt Hiller. Die einzige Crux beim Veganismus sei das Vitamin B12, das man überwiegend über tierische Produkte zu sich nimmt. „Das kann man aber leicht ausgleichen. Es gibt mittlerweile schon eine Zahnpasta, die mit Vitamin B 12 angereichert ist.“

Konsequenterweise kauft der 44-Jährige auch keine Schuhe oder Kleidung mit tierischen Bestandteilen. „Meine Jacke sieht aus wie Leder, ist aber Kunststoff.“ Allerdings wolle er nicht päpstlicher sein als der Papst. „Es gibt Veganer, die würden sich nicht auf ein Ledersofa setzen. Da ist es mir lieber zu 95 Prozent konsequent zu leben, Hauptsache man tut etwas.“

Info Vegane Rezeptvorschläge für die „Ox“-Kochbücher können im Internet auf ox-fanzine.de eingereicht werden. Sie werden nachgekocht und gegebenenfalls veröffentlicht.

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