Heidenheim Wie sieht Psychiatrie in Zukunft aus?

Neue Wege in der Gemeindepsychiatrie finden: Das war das Ziel von zwei Workshops bei der Fachtagung. Einen davon leiteten Pfleger Michael Waibel (li.) und Dr. Martin Zinkler.
Neue Wege in der Gemeindepsychiatrie finden: Das war das Ziel von zwei Workshops bei der Fachtagung. Einen davon leiteten Pfleger Michael Waibel (li.) und Dr. Martin Zinkler. © Foto: Christian Thumm
Heidenheim / Silja Kummer 21.06.2018
Rund 150 Personen beschäftigten sich am Dienstag auf Einladung des Landkreises bei einer Fachtagung einen Tag lang damit, wie Gemeindepsychiatrie in Zukunft aussehen könnte.

Man kann lange über die Gründe spekulieren, aber es ist eine Tatsache, dass psychische Erkrankungen zunehmen und fast jeder im Laufe seines Lebens mit ihnen in Berührung kommt – sei es als Betroffener oder als Angehöriger. Landrat Thomas Reinhardt brachte zum Auftakt der Fachtagung „Neue Wege in der Gemeindepsychiatrie“ dazu Zahlen mit: Fast jeder Dritte leide im Laufe seines Lebens an einer behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankungen, jedes fünfte Kind in Deutschland habe psychische oder Verhaltensprobleme. „Wir wollen zu einem offeneren Umgang mit psychischen Krankheiten beitragen“, beschrieb Reinhardt die Intention des Landkreises, die Gemeindepsychiatrie bei der 5. Gesundheitskonferenz zum Thema zu machen.

Die rund 150 Teilnehmer der Fachtagung forderte er dazu auf, zu ermitteln, was an Angeboten noch gebraucht werde. Erkrankte, Angehörige und Fachpersonal verschiedener Sparten sollten dabei mitwirken, wünschte sich Reinhardt, was zumindest bei der Zusammensetzung der Teilnehmern gegeben war.

Zu langes Warten auf Therapie

Josef Bühler, Geschäftsführer der AOK Ostwürttemberg, ging auf die langen Wartezeiten auf Termine bei Psychotherapeuten und lange dauernde Behandlungen ein. Im Landkreis Heidenheim dürfe sich ein Psychotherapeut pro 6000 Einwohner niederlassen, in Stuttgart sei es einer pro 3000 Einwohner. „Eine Anpassung in der Bedarfsplanung ist längst überfällig“, so Bühler.

„Psychiatrische Behandlung bedarf neuer Wege, so wie sie hier diskutiert werden“, stellte der AOK-Chef fest. Nachdem seine Krankenkasse das Hometreatment-Modellprojekt am Klinikum zunächst abgelehnt hatte, ist die AOK mittlerweile dabei – und nach Aussage von Bühler auch vom Erfolg überzeugt: „Es hat sich für alle gelohnt, diesen Weg einzuschlagen.“

Psychiatrie-Chefarzt Dr.Martin Zinkler beschrieb die Schwerpunktthemen der Veranstaltung: Es ging zum einen um die Behandlung von psychisch Kranken zu Hause (Hometreatment), zum anderen um die sogenannte Peer-Arbeit, also die Beteiligung von Psychiatrieerfahrenen im psychosozialen Hilfesystem. „Das ist eine Quelle an Wissen und Erfahrung, die noch nicht erschlossen ist“, meinte er.

Nicht nur für Fachpersonal

Zinkler beschrieb auch die Schwierigkeiten, die daraus entstanden sind, dass die Fachtagung für jedermann offen war: „Die Ärztekammer wollte die Veranstaltung nicht als Fortbildung anerkennen“, erzählte er. Erst nachdem er Widerspruch eingelegt hatte, ließ sich die Ärztekammer überzeugen - dafür gab es spontanen Applaus im Konzerthaus. „Wenn man Gemeindepsychiatrie macht, muss man alle einladen“, so Zinklers Standpunkt – und als weiteres Bekenntnis: „Die Medizin tut sich oft ein bisschen schwer mit der Gemeinde.“

Die Beteiligung aller machte dann auch die Besonderheit der Fachtagung aus: Geplant war sie in den Workshops, den zum einen Gwen Schulz und Margrit Grotelüschen, zwei Genesungsbegleiterinnen aus Hamburg, und die Heidenheimer Peer-Beraterin Claudia Flämisch und zum anderen Martin Zinkler und Psychiatrie-Pfleger Michael Waibel (Hometreatment) leiteten. Nicht geplant, aber trotzdem erwünscht waren die Wortmeldungen und Beiträge etwa zum Fachvortrag von Dr. Karel Frasch (siehe gesonderter Beitrag). Hier ließen es sich mehrere Psychiatrieerfahrenen nicht nehmen, durch ihre Einwürfe auch auf die Komplexität und die Grenzen des Hometreatments hinzuweisen.

Hometreatment: Mehr Zufriedenheit bei der Behandlung zu Hause

Was ist eigentlich Hometreatment? Mit dieser Fragestellung begann Dr. Karel Frasch seinen Vortrag bei der Fachtagung. Frasch ist ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Donauwörth und laut Martin Zinkler „ein Pionier des Hometreatment.“ Als Hometreatment wird die Behandlung bei akuten psychischen Krankheiten durch ein multidisziplinäres Team bezeichnet, wenn diese statt in der Klinik beim Patienten zu Hause stattfindet.

Anhand von wissenschaftlichen Studien lässt sich laut Frasch die Wirksamkeit des Hometreatments belegen. Es sei günstiger und effektiver, die Patienten seien zufriedener und es gebe weniger Therapieabbrüche. Allerdings sei die Behandlung zu Hause nicht in allen Fällen möglich und vom Patienten gewünscht: Wenn dieser sich beispielsweise in einer krankmachenden Umgebung befinde oder die alltägliche Versorgung nicht bewältigen könne, sei die Klinik die bessere Wahl. „Wir wollen das Krankenhaus nicht abschaffen, es hat auch seine Berechtigung“, so Frasch.

In den 1960er-Jahren gab es bereits Hometreatment. Die Pionierländer waren seinerzeit die USA, England, die Niederlande sowie Australien, berichtete Frasch. In Deutschland wurde das erste Modell 1996 in Krefeld erprobt. Auch heute hätte sich das Hometreatment noch nicht flächendeckend etabliert, vor allem im Osten Deutschlands finde sich bislang keine einzige Klinik, die mit dieser Methode arbeitet.

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