Streit Pro Zeitumstellung: "Entspannen wir uns mal"

HZ-Redakteur Thomas Jentscher: Jetzt entspannen wir uns alle mal wieder.
HZ-Redakteur Thomas Jentscher: Jetzt entspannen wir uns alle mal wieder.
Heidenheim / 26.03.2016
In der Nacht zum Ostersonntag wird wieder auf die Sommerzeit umgestellt. Nur um eine Stunde, aber es ist eine Stunde, unter der manche leiden. Was muss weg – Zeitumstellung oder Gejammer? HZ-Sportredakteur Thomas Jentscher jedenfalls stört die Zeitumstellung nicht.

Jetzt ist es also wieder soweit: Am Sonntag früh wird an der Uhr gedreht und in den folgenden Wochen unsere Zivilisation in ihren Grundfesten erschüttert. Mal ehrlich: Flüchtlingswelle? – wir schaffen das. Finanzkrisen? – gab's doch schon immer. Glyphosat im Bier? – okay, das ist wirklich kein Spaß. Aber so richtig gefährlich ist nur eines: die Zeitumstellung. Glaubt man den Schreckensszenarien, die schon Wochen vor dem unheiligen Datum durch die Medien geistern, gibt's kaum eine schlimmere Geißel der Menschheit.

Schon kurz nachdem der Zeiger den Sprung von zwei auf drei Uhr vollzogen hat, stellen sich Kopfweh und leichter Schwindel ein. Der Biorhythmus läuft Amok, die Verdauung sowieso. In den nächsten Tagen folgen Orientierungs-, Antriebs- und Geschmacklosigkeit, ein böses Ziehen hinter den Augen und eine trockene Zunge. Man fühlt sich müde, schlapp, kann je nach Bedarf nicht mehr einschlafen oder nicht mehr aufwachen. Auch die Tiere leiden: Bei den Kühen kommt die Milch sauer aus dem Euter, Hamster wissen nicht mehr, für was ihr Laufrad eigentlich da ist und Katzen wurden schon dabei beobachtet, wie sie sich am helllichten Nachmittag Gerichtssendungen im Fernsehen reinziehen. Am Ende laufen dann stocknüchterne Menschen ungebremst gegen Wände und ein Großteil der Bevölkerung verwandelt sich in Zombies.

Spaß beiseite, ganz bestimmt leiden wirklich manche Menschen, Tiere, Pflanzen oder Bahnhofsuhren unter der Zeitumstellung und der Grund für meine Polemik liegt einzig und allein darin, dass ich mich selbst dafür schäme, Jahr für Jahr zweimal völlig unbeschadet das Uhrgedrehe zu überstehen. Und das liegt höchstwahrscheinlich nur daran, dass ich völlig unsensibel bin und einen so chaotischen Lebensrhythmus habe, dass eine Stunde mehr oder weniger Helligkeit oder Dunkelheit einfach nicht ins Gewicht fällt.

Natürlich würde auch mir die Sommer- oder je nachdem die Winterzeit nicht furchtbar fehlen, aber immerhin ist die Umstellerei doch ganz unterhaltsam. Sie führt immer wieder zu lustigen Fehlern, eignet sich prima für Ausreden und reißt uns alle ein wenig aus der Lethargie. Das ganze Leben lang jeden Tag immer nur 24 Stunden – das wäre doch irgendwie langweilig. Außerdem ist's einfach schön, abends ein Stündchen länger bei Helligkeit auf der Terrasse zu sitzen.

Aber vor allem: Übertreiben wir es nicht mit dem Gejammer? Ist halt ein schönes Thema zum richtig Draufhauen. So eine Zeitumstellung kann sich ja nicht wehren und für ein kerniges „des Glump g'hört abg'schafft, sag ich schon lang“ ist einem der Beifall sicher. Schließlich kann etwas, dass erstmals im Kaiserreich ausprobiert wurde, nur Schrott sein, und alle werden nicht müde zu erklären, dass das mit der ursprünglich anvisierten Energieersparnis (wer hat das eigentlich untersucht?) auch nicht funktioniert.

Und man kann sich prima profilieren, mittlerweile hat eine schier endlose Zahl an ach so bürgernahen Politikern das Thema für sich entdeckt. So jagt nun eine Petition die andere, Parteien von ganz links bis ganz rechts sammeln Unterschriften oder wollen am liebsten gleich bei der EU in Brüssel die Uhr zurückdrehen und europaweit die Zeitumstellung abschaffen. Dem Vernehmen nach plant die AzS, die Partei „Alternative“ zur Sommerzeit also, bei den nächsten Landtagswahlen zu kandidieren. Dass sie abräumt, ist dann ja schon keine Frage mehr.

Ja, und vielleicht ist es auch ein ganz kleines bisschen ansteckend, wenn man allzu viel über die negativen Folgen des Stundenklaus liest. Ist man nicht überhaupt out, wenn man nicht hier eine Allergie und dort eine Unverträglichkeit hat? Ein Halbwilder, der einfach alles in sich hineinstopft und dann auch noch verdauen kann?

Darüber sollte man mal richtig nachdenken: Könnte es nicht sein, dass auch ich betroffen bin von dieser völlig überholten und absolut unnötigen Aktion, dass ich leide, man auf mich Rücksicht nehmen muss? So nach dem Motto: Wie geht's dir? Ach, frag nicht, bei mir wurde jetzt auch eine Zeitumstellungsintoleranz festgestellt.

Also entspannen wir uns doch alle wieder. Bevor das EU-Parlament jahrelang über die Zeitumstellung diskutiert und dabei Steuermillionen verbrennt, leben wir lieber mit Sommer- und Winterzeit. Die Schmerzen gehen vorbei, schließlich überstehen wir ja auch Frühjahrsmüdigkeit, Jetlag und das samstägliche Fernsehprogramm.

Hier geht's zur Gegenrede von HZ-Redaktionsleiter Hendrik Rupp. Den nämlich stört die Zeitumstellung ganz gewaltig.

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