Heidenheim Pro und Contra: Wie schlimm ist die Zeitumstellung?

Thomas Jentscher (links) sieht die Zeitumstellung locker, Hendrik Rupp hingegen macht sie verrückt.
Thomas Jentscher (links) sieht die Zeitumstellung locker, Hendrik Rupp hingegen macht sie verrückt. © Foto: Archiv HZ
Heidenheim / HZ 16.08.2018
Am Donnerstagabend endet die Bürgerbefragung der EU-Kommission zum Thema Zeitumstellung. Höchste Zeit, dass sich auch mal jemand aus Heidenheim zu Wort meldet.

Beim Thema Sommerzeit gibt es wohl kaum jemanden, der keine Meinung dazu hat. Entweder man mag die Zeitumstellung oder man findet sie schrecklich.

(Link: Hier geht’s zur Abstimmung der EU-Kommission. Diese endet am 16. August, 23 Uhr)

Auch in der HZ-Redaktion gehen die Meinungen zum Thema Zeitumstellung auseinander.

Hendrik Rupp beispielsweise - bis vor Kurzem HZ-Redaktionsleiter - findet das Herumgedrehe an der Uhr furchtbar. Thomas Jentscher, Sportredaketur, hingegen sieht das Ganze locker.

Anlässlich der Sommerzeitumstellung im Frühjahr vergangenen Jahres haben sich beide zu einem verbalen Schlagabtausch verabredet. Aber am besten, sie sagen selbst, wie sie es sehen. Es folgt: ein Pro und Contra.

Was muss weg? Die Zeitumstellung oder das Gejammer darüber?

Hendrik Rupp: Contra Zeitumstellung

„Ich muss nicht zum Arzt, aber ich leide!“

Vielleicht sollte man das gleich zu Beginn sagen: Es geht mir nicht um eine Stunde weniger Schlaf. Der vielleicht kindischste (und darum in Radiosendern unweigerlich angeführte) Aspekt der Zeitumstellung ist ja die „kürzere“ oder „längere“ Nacht.

Ich weiß nicht, ob außer mir alle Menschen in Klöstern oder Haftanstalten leben, aber ich gehe immer mal wieder früher oder später ins Bett, muss früher aufstehen oder kann länger im Bett bleiben. An solchen Tagen schlafe ich eine Stunde länger oder kürzer. Manchmal sogar zwei! Und ich überlebe es.

Nein, es geht nicht um länger schlafen, sondern darum, dass jemand an der Uhr dreht, aber nicht an der Welt. Wenn wir im Frühjahr die Uhren vorstellen (auch so ein Schwachsinn: Steht eigentlich wirklich jemand nachts auf dafür? Bleibt man länger wach? Bilden sich Nachtwachen unter besorgten Anwohnern?), wenn wir also die Uhren vorstellen, dann ist das dem Planeten, seiner Rotation und der Umlaufbahn um unseren Stern völlig schnuppe. Die Sonne hat keine Uhr. Nicht mal eine Sonnenuhr.

Mir aber ist es nicht schnuppe. Ich leide. Es tut nicht weh und ich muss nicht zum Arzt, es geht auch nach einigen Wochen vorbei. Aber es dauert nun mal, ehe ich überwunden habe, dass Himmel und Uhrzeit nicht mehr zusammenpassen.

Ich muss das erklären. Jahraus, jahrein erlebe ich Menschen um mich, die offensichtlich absolut keinerlei Zeitgefühl haben. „Was, ist schon sechs!“ entfährt ihnen, wenn man zwei Stunden im Besprechungsraum saß und weder auf die Uhr noch aufs Handy schaute. Haben sie nicht dauernd aus dem Fenster geschaut? Doch, aber diese Menschen scheinen nur Tag oder Nacht trennen zu können.

Mir geht es anders: Man sieht auch bei bedecktem Himmel ungefähr, woher das Licht kommt. Man sieht es sogar bei Nebel, zumindest, solange man nördlich von Herbrechtingen bleibt. Und dieses Licht sagt einem so ungefähr, wie spät es ist. Nicht auf die Minute genau, aber man spürt eben, ob es nun 15 oder 17 Uhr ist.

Und dann kommt die Zeitumstellung, und die gefühlte Zeit und die Uhrzeit stimmen nicht mehr. Wie sich das anfühlt? Vielleicht wie ein Jetlag, doch Jetlags habe ich nicht (man ist ja nicht immer eine Mimose). Nein, vielleicht wie einer jener Tage als Kind, an denen man krank war und einen ungewohnten Mittagsschlaf nahm. Danach wachte man auf und plötzlich gab es Abendessen. Der Tag stimmte nicht mehr, in einer verstörenden Weise.

Sicher ist das schwer zu erklären für jemanden, der kein Zeitgefühl empfindet. Doch selbst denen, die die Zeitumstellung nicht in den Knochen spüren, sei die Frage gestellt: Was bringt sie denn?

Stromverbrauch war einst das Motto. Wir wissen, dass das großer Mumpitz ist. Dass wir heute viel weniger Strom verbrauchen als 1980, liegt an moderneren Geräten und dem Abschied von Omis Nachtspeicheröfen. Und wir wissen auch, dass wir uns heute nicht mehr spontan auf das Bärenfell werfen, wenn draußen vor der Höhle die Sonne sinkt. Wir schalten dann das Licht an.

Nein, es sind offensichtlich Schichtpläne aus dem Mittelalter, welche die Zeitumsteller antreiben. Stehen wir mit dem ersten Hahnenschrei auf und wanken zur Fron aufs Feld? Die Schule beginnt im Winter trotz Zeitumstellung zu nachtschwarzer Stunde, und abends muss man umso früher wieder das Licht anschalten. Da wir nicht nach der Sonne leben, wird unser Tag im Winter zwar kürzer, unser Tagesablauf aber nicht. Wir sind keine Winterschläfer. Wozu also das Geschubse um eine Stunde?

Nach der Zeitumstellung im Frühling ist es eine Stunde länger hell. Das finden alle schön und ich auch, denn so bleibt es zu der Zeit länger hell, an der wir zumindest potenziell Feierabend haben. Wenn es wärmer ist, können wir im Biergarten sitzen. Oder wir können ohne Stirnlampe durch den Wald laufen.

All das zu Zeiten, die wir tatsächlich nützen können. Trotz Sommerzeitverschiebung wird die Sonne im Hochsommer wieder um halb sechs aufgehen. Und dann? Tanzen die Menschen durch die Natur? Ach wo, sie bleiben liegen und ziehen die Vorhänge zu. Es wird ausreichend früh hell, schon jetzt. Aber es könnte immer noch ein bissel länger hell bleiben.

Nein, die Zeitumstellung könnte man sich sparen. Freilich nicht in die Richtung aktueller Online-Petitionen, in denen es um die richtige, biologisch-dynamische oder keltisch-druidische Zeit geht und in denen man offensichtlich kein! Wort! ohne! Ausrufezeichen!!! schreiben darf.

Nein, ich würde gerne die Uhr noch einmal umstellen und mich dann daran gewöhnen. Einmal noch. Und dann nie wieder.

Und hier die Gegenrede von Thomas Jentscher, Sportredakteur:

„Entspannen wir uns mal!“

Zweimal im Jahr wird an der Uhr gedrecht und in den folgenden Wochen unsere Zivilisation in ihren Grundfesten erschüttert. Mal ehrlich: Flüchtlingswelle? – wir schaffen das. Finanzkrisen? – gab's doch schon immer. Glyphosat im Bier? – okay, das ist wirklich kein Spaß. Aber so richtig gefährlich ist nur eines: die Zeitumstellung. Glaubt man den Schreckensszenarien, die schon Wochen vor dem unheiligen Datum durch die Medien geistern, gibt's kaum eine schlimmere Geißel der Menschheit.

Schon kurz nachdem der Zeiger den Sprung von zwei auf drei Uhr vollzogen hat, stellen sich Kopfweh und leichter Schwindel ein. Der Biorhythmus läuft Amok, die Verdauung sowieso. In den nächsten Tagen folgen Orientierungs-, Antriebs- und Geschmacklosigkeit, ein böses Ziehen hinter den Augen und eine trockene Zunge. Man fühlt sich müde, schlapp, kann je nach Bedarf nicht mehr einschlafen oder nicht mehr aufwachen.

Auch die Tiere leiden: Bei den Kühen kommt die Milch sauer aus dem Euter, Hamster wissen nicht mehr, für was ihr Laufrad eigentlich da ist und Katzen wurden schon dabei beobachtet, wie sie sich am helllichten Nachmittag Gerichtssendungen im Fernsehen reinziehen. Am Ende laufen dann stocknüchterne Menschen ungebremst gegen Wände und ein Großteil der Bevölkerung verwandelt sich in Zombies.

Spaß beiseite, ganz bestimmt leiden wirklich manche Menschen, Tiere, Pflanzen oder Bahnhofsuhren unter der Zeitumstellung und der Grund für meine Polemik liegt einzig und allein darin, dass ich mich selbst dafür schäme, Jahr für Jahr zweimal völlig unbeschadet das Uhrgedrehe zu überstehen. Und das liegt höchstwahrscheinlich nur daran, dass ich völlig unsensibel bin und einen so chaotischen Lebensrhythmus habe, dass eine Stunde mehr oder weniger Helligkeit oder Dunkelheit einfach nicht ins Gewicht fällt.

Natürlich würde auch mir die Sommer- oder je nachdem die Winterzeit nicht furchtbar fehlen, aber immerhin ist die Umstellerei doch ganz unterhaltsam. Sie führt immer wieder zu lustigen Fehlern, eignet sich prima für Ausreden und reißt uns alle ein wenig aus der Lethargie. Das ganze Leben lang jeden Tag immer nur 24 Stunden – das wäre doch irgendwie langweilig. Außerdem ist's einfach schön, abends ein Stündchen länger bei Helligkeit auf der Terrasse zu sitzen.

Aber vor allem: Übertreiben wir es nicht mit dem Gejammer? Ist halt ein schönes Thema zum richtig Draufhauen. So eine Zeitumstellung kann sich ja nicht wehren und für ein kerniges „des Glump g'hört abg'schafft, sag ich schon lang“ ist einem der Beifall sicher. Schließlich kann etwas, dass erstmals im Kaiserreich ausprobiert wurde, nur Schrott sein, und alle werden nicht müde zu erklären, dass das mit der ursprünglich anvisierten Energieersparnis (wer hat das eigentlich untersucht?) auch nicht funktioniert.

Und man kann sich prima profilieren, mittlerweile hat eine schier endlose Zahl an ach so bürgernahen Politikern das Thema für sich entdeckt. So jagt nun eine Petition die andere, Parteien von ganz links bis ganz rechts sammeln Unterschriften oder wollen am liebsten gleich bei der EU in Brüssel die Uhr zurückdrehen und europaweit die Zeitumstellung abschaffen.

Ja, und vielleicht ist es auch ein ganz kleines bisschen ansteckend, wenn man allzu viel über die negativen Folgen des Stundenklaus liest. Ist man nicht überhaupt out, wenn man nicht hier eine Allergie und dort eine Unverträglichkeit hat? Ein Halbwilder, der einfach alles in sich hineinstopft und dann auch noch verdauen kann?

Darüber sollte man mal richtig nachdenken: Könnte es nicht sein, dass auch ich betroffen bin von dieser völlig überholten und absolut unnötigen Aktion, dass ich leide, man auf mich Rücksicht nehmen muss? So nach dem Motto: Wie geht's dir? Ach, frag nicht, bei mir wurde jetzt auch eine Zeitumstellungsintoleranz festgestellt.

Also entspannen wir uns doch alle wieder. Bevor das EU-Parlament jahrelang über die Zeitumstellung diskutiert und dabei Steuermillionen verbrennt, leben wir lieber mit Sommer- und Winterzeit. Die Schmerzen gehen vorbei, schließlich überstehen wir ja auch Frühjahrsmüdigkeit, Jetlag und das samstägliche Fernsehprogramm.

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