Mordfall Privatmann Klaus F. jagt die Bögerl-Entführer

Kriminalistischer Mitdenker: Klaus F. hatte auch im Tötungsfall Michelle eine entscheidende Idee, die anfangs niemand ernst nahm, sich letztendlich jedoch als richtig herausstellte.
Kriminalistischer Mitdenker: Klaus F. hatte auch im Tötungsfall Michelle eine entscheidende Idee, die anfangs niemand ernst nahm, sich letztendlich jedoch als richtig herausstellte.
Heidenheim / Karin Fuchs 19.10.2012
Er kannte weder die Familie Bögerl noch hat er sonst eine Beziehung zu Heidenheim. Dennoch beschäftigt sich Klaus F. aus der Region Stuttgart mit dem Fall Bögerl so intensiv wie vielleicht außer ihm nur die Soko "Flagge" selbst. Seine Arbeitsmittel: die Logik, seine Kamera und das Internet.

Hunderte von Seiten hat Klaus F. verfasst, Skizzen und Bilder angefertigt und im Internet veröffentlicht. Dazu kommen noch ungezählte Online-Kommentare zu Zeitungsartikeln und in Internetforen. Darin beschreibt er, wie und was er denkt und zu welchen Schlüssen er kommt. Nicht nur zum Fall Bögerl, sondern auch zu anderen spektakulären Kriminalfällen. Speziell im Fall Bögerl glaubt Klaus F. fest daran, dass der so genannte „Zopfmann“, der Anwohnern am Tattag in Nietheim aufgefallen war, unbedingt etwas mit der Entführung zu tun gehabt haben muss. „Die für mich glaubwürdigen Zeugenaussagen aus dem Siedlungsweg in Nietheim sind der Schlüssel zur kriminalistischen Lösung des Falles“, resümiert Klaus F.

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Seiner Überzeugung nach müssen vier Täter an der Entführung beteiligt gewesen sein, die sich untereinander in einer Kombination aus Funk- und optischen Signalen verständigten, das Opfer bewachten, die Lösegeld-Übergabestelle beobachteten und aus Heidenheim Bescheid geben sollten, sobald Thomas Bögerl losfuhr. Dann hätte kurz vor Thomas Bögerls Eintreffen an der Betriebsausfahrt Nietheim die eigentliche Flagge aufgestellt werden sollen, die ihn abfängt, während die Polizei einen Kilometer weiter nördlich vergebens auf die dort vorher zur Ablenkung aufgestellte Flagge starrt. „Aber Herr Bögerl war auf Auswärtstermin, das Signal aus Heidenheim konnte nicht kommen.“

Das ganze Szenario, das Klaus F. entwickelt hat, baut auf die für ihn glaubwürdigen Zeugen in Nietheim und ihren Beschreibungen vom Verhalten des „Zopfmanns“. Dessen Auftreten habe nicht zum eigentlichen Plan gehört, „es war ein spontaner Reparaturversuch eines bereits schieflaufenden Anfangsplans“, so Klaus F. Die Soko „Flagge“ hat sich vom „Zopfmann“ mittlerweile abgewendet.

Für Klaus F. nur eine von vielen Denkpannen. Nachdem er ihm verdächtige Gegenstände gefunden hatte, aber eine Spurensicherung ausblieb, zeigte er die Soko „Flagge“ wegen des Verdachts auf Strafvereitelung aus Überforderung an. Die Anzeige wurde zurück gewiesen.

Klaus F.: Ein Spinner, der sich für Sherlock Holmes hält? Er hat sich jedenfalls total in den Fall hineingekniet, hat im Hinterkopf aber auch die Hoffnung, im Erfolgsfall die Aufmerksamkeit auf das Problem seiner Mutter lenken zu können. Diese habe durch Diagnose-Fehler viel erlitten, und es sei wichtig, dass sich dort die Wahrheit durchsetze. Dazu hat er ein „Mehrzweck-Dossier“ verfasst, wobei er dem Glauben an die Unfehlbarkeit von „Experten“ widerspricht.

Ausgangspunkt, sich mit Kriminalfällen zu befassen, war für Klaus F. der Fall Michelle. Das vermisste achtjährige Mädchen war ermordet in einem Tümpel gefunden worden. Der Polizei berichtete eine Freundin später, Michelle habe, als sich ihr Heimweg von der Schule trennte, noch gesagt: „Ich gehe jetzt zuäll“. Die Polizeiübersetzte dann den von Kindern gesprochenen und gehörten Laut „äll“ in eine „Spur L.“, nach der gefahndet wurde: „Wer ist L“ Für Klaus F. aber war klar: “Was ein Kind in so einer Situation meint, ist doch kein Großbuchstaben mit Punkt dahinter, sondern es musste eine Wortsilbe gemeint sein. Später ergab sich: Der Täter heißt Dani-el.

Als aber weder Behörden noch Medien etwas von seinen Überlegungen wissen wollten, recherchierte Klaus F. weiter. Sein Ergebnis: Michelle hatte mit ihrer Freundin gesprochen, deshalb musste sie einen gemeinsamen Bekannten gemeint haben, eine Vertrauensperson aus der Schule. Und auch das bestätigte sich. Ähnliche „Denkerfolge“ führt Klaus F. auch in anderen Fällen an, etwa im Tötungsfall Mirco und im Taximord vom Bodensee.

Nach Michelle wandte sich Klaus F. dem Fall Bögerl zu. „Ich habe wie ein Löwe gegen die Verdächtigungen des Ehemanns gekämpft, nicht weil ich eine besondere Beziehung zu ihm gehabt hätte, sondern weil ich erkannte, wie unlogisch diese Verdächtigungen waren“, sagt er.

Klaus F. veröffentlicht auf finanzzeug.de als Gastautor zum Thema Kriminalfälle. Außerdem hat er unter https://issuu.com/kleiderspender ältere Dossiers, auch zum Fall Bögerl. Wenn Klaus F. einmal losschimpft über „Dummköpfe“, unfähige Experten, „Psychofritzokraten“, klingt es so, als wolle er den Ruf der Polizei bewusst beschädigen. „Nein, ganz im Gegenteil“, versichert er. Es sei wichtig, dass die Rolle der Polizei in der Gesellschaft geachtet und respektiert werde. „Ich plädiere für mehr Wertschätzung unserer Polizei und bessere Bezahlung.“ Doch gebe es eine Fehlentwicklung, für die Klaus F. das Wort „Psychofritzokratie“ erfunden hat. Damit meint er eine zunehmende Psychologisierung aller Lebensbereiche und damit auch der Kriminalistik, wo man heute mehr mit Statistik als mit Logik arbeite.

Von seinen logischen Fähigkeiten ist Klaus F. überzeugt. Um andere davon zu überzeugen, legt er Mail-Protokolle vor, die belegen sollen, dass er zwei Tage vor dem öffentlichen Aufruf der Polizei bereits den Ermittlern die Idee zusandte, nach Touristenfotos vom Kloster Neresheim zu fragen. Dort war Maria Bögerls Autogefunden worden. Würde nun die Soko behaupten, unabhängig von ihm die gleiche Idee gehabt zu haben, schmälere ja auch das die Qualität seines Hinweises nicht, meint Klaus F.

Die Frage, ob er sich hineinsteigert, sieht er gelassen. „Klar gebe ich mir Mühe, aber das ist eben Zivilcourage“; als Lohn hofft er, passend zur Perücke, die der Mann in Nietheim seiner Meinung nach getragen hat, auf den Skalp des „Zopfmanns“ und damit auf den Erfolg, mit dem er sich endlich im Fall seiner Mutter Gehör verschaffen könnte. Das ist der eigentliche Motor, der Klaus F. antreibt.

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