Heidenheim Manfred Rehm: Aus Heidenheim in die ganze Welt

Manfred Rehm
Manfred Rehm
Heidenheim / Michael Brendel 27.07.2018
Manfred Rehm stand als Fotograf in Diensten der DPA und war Zeuge manch bedeutenden Geschehens. Sein Handwerk hat er einst in Heidenheim erlernt.

Hätte der Zufall es gewollt, sie wären sich schon früher begegnet: Manfred Rehm, geboren am 10. Juni 1938 in Staufen kurz hinter der bayerischen Grenze, aufgewachsen in Heidenheim. Und Gudrun Ensslin, zur Welt gekommen am 15. August 1940 in Bartholomä. Gerade 26 Monate Lebenszeit lagen also anfangs zwischen den beiden, und keine 20 Kilometer räumliche Distanz. Und doch sollte es bis zum Herbst 1968 dauern, ehe sich ihre Wege kreuzten. Ein Mal.

Während Ensslin der Familie eines evangelischen Pfarrers entstammt und nach dem Abitur studiert – erst in Tübingen, dann in Berlin –, wohnt Rehm mit Vater Rudolf, Mutter Theresia und Bruder Peter im alten Heidenheimer Oberamt in der Hinteren Gasse.

Die Kindheit verbringt er teilweise bei den Großeltern in Staufen, während sein Vater als Soldat dient. Rehm macht eine Schriftsetzerlehre, seine Leidenschaft aber gilt schon früh der Fotografie. Als 14-Jähriger kauft er sich eine Boxkamera, richtet sich im Keller des elterlichen Hauses in der Zollernstraße eine kleine Dunkelkammer ein. Anfangs versucht er sich als Autodidakt, doch bald darf er dem Fotografen Julius Fromm zur Hand gehen.

Der macht unter anderem Gruppenaufnahmen von Tanzkursteilnehmern, und Rehm entzündet das in einer kleinen Pfanne liegende Blitzpulver.

Die Kamera ist sein ständiger Begleiter. Auch dann, wenn er mit den Georgs-Pfadfindern unterwegs ist. Die Sippe Biber beteiligt sich 1956 mit einem Beitrag über die St.-Gallus-Kirche in Brenz an einem bundesweiten Wettbewerb, und Rehm kommt die Aufgabe zu, das Gotteshaus zu beschreiben und fotografisch zu dokumentieren. Im Bundeszentrum der Pfadfinderschaft in Westernohe wird die Arbeit wird mit dem zweiten Platz ausgezeichnet.

Die Grundlage für Rehms beruflichen Werdegang ist geschaffen, und sein Talent bleibt Helmut Braun nicht verborgen, dem Chefredakteur der „Heidenheimer Neuesten Nachrichten“. Der sucht 1958 einen Mitarbeiter, der fotografieren, kleine Berichte verfassen, den Teletypesetter bedienen und das Archiv betreuen kann. Rehm sagt zu, und „dann war ich zwei Jahre lang Mädchen für alles“. Bei „Jugend fotografiert“ erringt er mit einem Motiv aus den Heidenheimer Ritteranlagen einen Preis. Anschließend zieht es ihn nach Frankreich: 1960 trampt Rehm nach Paris. Auf dem Flohmarkt Saint-Ouen entsteht die Aufnahme eines Antiquitätenhändlers. Sie spiegelt Rehms Blick für stimmungsvolle Details wider – Menschen bei der Spargelernte, ein Bauernpaar bei der Küchenarbeit, Radfahrerinnen vor den Steinernen Jungfrauen.

Letztere erscheinen in der Heidenheimer Zeitung, bei der Rehm nach seiner Rückkehr aus Paris die Nachfolge von Joschi Frech als Fotograf antritt. Das Einsatzgebiet reicht bis in die französische Partnerstadt Clichy, wo es die Feierlichkeiten anlässlich des Nationalfeiertags am 14. Juli zu dokumentieren gilt. „Der sensible Feuilletonredakteur Kunze freute sich über außergewöhnliche Fotos“, erinnert sich Rehm. Eher Handfestes war hingegen auf dem Sportplatz in Burgberg geboten: „Als ich dort ein Fußballspiel fotografierte, vertrieben mich die fanatischen Fans, weil ich bei den überlegenen Gegnern stand und die Niederlage des einheimischen Vereins dokumentierte.“

Nicht nur das Rasenviereck ist Rehm angesichts dieser Erfahrung zu eng. Gleiches gilt für die Arbeit im Kreis generell. Obwohl die Bezahlung stimmt, das Miteinander in der Redaktion auch, zieht es Rehm fort: „Heidenheim war mir zu eng, ich träumte von einem abenteuerlichen Illustriertenjob, wollte hinaus in die große, weite Welt.“

Es bleibt nicht bei Absichtserklärungen: Der ambitionierte junge Mann bewirbt sich mit aufwändig gestalteten Bildermappen und erhält 1964 eine Zusage der Deutschen Presse-Agentur. In der Zentrale des Bilderdienstes in Frankfurt stürzt sich Rehm in die Arbeit. 15 Jahre lang ist er aufmerksames Auge im Dienste der Agentur, hält regionales Geschehen aus Hessen ebenso fest wie internationale Sportereignisse und zeitgeschichtlich Bedeutsames.

„Ich wollte lieber kleine Brötchen backen“, blickt Rehm zurück und beschreibt damit so bescheiden wie treffend seine Begabung: das Gespür für die vordergründig unscheinbaren Momente, deren inhaltliche Wucht bei genauer Betrachtung den Rahmen des Alltäglichen sprengt. Immer, wenn bei der Draufschau auf Details die Patina der Konvention abblättert, die vermeintlich beiläufig ins Bild gerückte gesellschaftspolitische Dimension menschlichen Handelns Belangloses erschlägt, gibt Rehm den Menschen mit seinem Blick durchs Objektiv eine Sehhilfe an die Hand. 18 Momentaufnahmen aus den 60er- und 70er-Jahren, die das belegen, waren jüngst in Frankfurt-Höchst zu sehen.

Darunter ein für den Pulitzerpreis nominiertes Foto von Studenten, die im Mai 1968 vor der Frankfurter Universität gegen die Notstandsgesetze demonstrieren und von Streikbrechern mit Wasserstößen aus Feuerwehrschläuchen attackiert werden. Eine Sicherungskompanie des Heimatschutzkommandos 16 in Zweibrücken, die im Februar 1974 auf Fahrrädern ins Manöver zieht. Und der Aufmarsch Tausender, die im Juni 1974 in Frankfurt gegen Preiserhöhungen im Nahverkehr aufbegehren, sich Straßenbahnen in den Weg stellen.

Und dann ist da dieser eingangs erwähnte Moment, der Manfred Rehm und Gudrun Ensslin zusammenführt. Die 28-Jährige, die später mit Andreas Baader zu den führenden Köpfen der linksextremistischen Terrorvereinigung Rote Armee Fraktion gehören wird, ist wie dieser angeklagt, im April 1968 in zwei Frankfurter Kaufhäusern Feuer gelegt zu haben. Am 31. Oktober desselben Jahres verkündet Gerhard Zoebe, Direktor des Frankfurter Landgerichts, das Urteil: jeweils drei Jahr Zuchthaus wegen versuchter menschengefährdender Brandstiftung für Ensslin und Baader sowie ihre Mitstreiter Horst Söhnlein und Thorwald Proll.

Provokation im Gerichtssaal

Vor allem Letztgenannter tut sich hervor, als das Quartett vor der Bekanntgabe des Strafmaßes seine Verachtung für das Gericht zum Ausdruck bringt und Tumulte auslöst: Proll steckt sich im Gerichtssaal eine Zigarre an. Festgehalten wird die Provokation, die alsbald mit dem Status eines zeitgeschichtlichen Moments versehen werden soll, von Manfred Rehm. Dass er just in diesem Augenblick seine Kamera auf die Angeklagten richtet, hat er dem Tipp eines seiner DPA-Kollegen zu verdanken: „Die riefen uns Bildjournalisten an, wenn ihrer Meinung nach etwas Interessantes bevorstand.“

Nicht immer ist Rehm das Glück hold, das er bei der Pressefotografie und später bei der Buchgestaltung für den Fischer-Taschenbuch-Verlag oft empfindet. Weil eine Verengung der Halsschlagader zu spät erkannt wird, muss er mit 52 Jahren krankheitshalber in den Ruhestand treten. Auch die Ehe des dreifachen Vaters geht 1990 in die Brüche. Und doch bleiben viele schöne Erinnerungen, denen Rehm jetzt begegnet, da er sein Archiv aufarbeitet, Bild um Bild einscannt.

Es ist auch ein ständiger Vergleich zwischen analoger und digitaler Fotografie, und Rehms Einschätzung ist eindeutig: „Früher war das Fotografieren ehrlicher, weil man nicht anschließend Vieles so hinbiegen konnte, wie man es gerne wollte. Diese Möglichkeit hat die Fotografie entwertet und zur Massenware gemacht.“

Seiner Wahlheimat Frankfurt ist Rehm treu geblieben, letztmals in Heidenheim war er 2006. Verwandte hat er nicht mehr an der Brenz, und so galten die Besuche vor allem Albrecht Kneer aus Zang, mit dem ihn eine tiefe Freundschaft verband. Fotos, die den Bildhauer in seinem Atelier zeigen, finden sich bis heute in Rehms Archiv.

Dort hat auch die berühmt gewordene Aufnahme aus dem Frankfurter Landgericht ihren Platz. Anfangs von Rehm als Auftragsarbeit wie jede andere eingestuft, misst er ihr nun große Bedeutung bei: „Nach den Informationen, die ich im Laufe der Jahre bekam bin ich heute der Überzeugung, dass es sich um mein wichtigstes politisches Bild handelt.“

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