Musik Plattenfirma: Torsten Ihlenfeld betreibt in Gerstetten „El Puerto Records“

Lange im Geschäft – und jetzt doch gespannt auf Neues: Torsten Ihlenfeld, seit bald 30 Jahren Gitarrist der Metal-Band „Brainstorm“, hat in Gerstetten das Plattenlabel „El Puerto Records“ begründet: „Wir nehmen unter Vertrag, was für uns gute Musik ist“, sagt er. Oben Ihlenfeld, dahinter sein Promotionchef Matt Bischof.
Lange im Geschäft – und jetzt doch gespannt auf Neues: Torsten Ihlenfeld, seit bald 30 Jahren Gitarrist der Metal-Band „Brainstorm“, hat in Gerstetten das Plattenlabel „El Puerto Records“ begründet: „Wir nehmen unter Vertrag, was für uns gute Musik ist“, sagt er. Oben Ihlenfeld, dahinter sein Promotionchef Matt Bischof. © Foto: Jens Eber
Heidenheim / Jens Eber 28.10.2017
In Gerstetten betreibt Torsten Ihlenfeld, Gitarrist der Metal-Band „Brainstorm“, mit Partnern die Plattenfirma „El Puerto Records“, die mit den Musikern „auf Augenhöhe“ kommunizieren will.

Schließlich sind sie eben doch vor allem Fans, auch wenn der Begriff Label oder zu Deutsch Plattenfirma zuerst einmal nach Business und Taschenrechner klingt: Als Torsten Ihlenfeld in seinem Büro aber ein paar Songs der Band „Souldrinker“ hören lässt, die er mit seinem Team von „El Puerto Records“ bald veröffentlichen wird, sind er und Promotion-Chef Matt Bischof so hibbelig wie einst als frisch metallisch angefixte Teenager in den 1980ern: Gitarre und Bass, die man im Magen spürt, ein Schlagzeug, das mit hörbarer Kraft gespielt wird, dazu eine Sängerin, deren raue Stimme einen respektvoll erstarren lässt.

Die beiden sind sicher, dass sie da ein sehr starkes Album veröffentlichen werden. Bischof lacht vergnügt auf, als auch noch der Fuß des Reporters zu wippen beginnt.

Logische Entwicklung

Dass sich in einem Gerstetter Neubaugebiet ein kleines Unternehmen zu etablieren begann, dass die Musik internationaler Bands weltweit unter die Metal-Fans bringt, vollzog sich weitgehend unter dem Radar der Öffentlichkeit, aber es war vielleicht die logische Folge aus der Vorgeschichte der beiden Gründer.

Torsten Ihlenfeld ist seit bald 30 Jahren Gitarrist der Metal-Band „Brainstorm“, arbeitete lange für die in Eislingen ansässige Plattenfirma „Metal Blade“ und ist seit etlichen Jahren im Musikgeschäft in vielerlei Funktionen selbstständig.

Bernd Stelzer, der Co-Gründer aus Bellenberg bei Neu-Ulm, organisierte bereits ab 1989 Konzerte von „Brainstorm“, arbeitete für Bands als Manager und veranstaltete unzählige Konzerte. „Wir haben zusammen 45 oder 50 Jahre Erfahrung im Musikgeschäft“, sagt Ihlenfeld, „blauäugig war unser Plan sicher nicht.“

Ab 2011 sprachen sie über diesen Plan; erster Ansatz war, die Songs zu veröffentlichen, die der 2013 verstorbene ehemalige Stormwitch-Gitarrist Harald Spengler damals schrieb. Und diese nach seinem Tod von „Witchbound“ aufgenommenen Songs waren 2015 auch die erste Veröffentlichung auf „El Puerto Records“. Der Kreis erweiterte sich rasch, mittlerweile ist das Team auf sechs Mitarbeiter angewachsen, sie brachten fünf Alben heraus, mindestens noch einmal so viele sollen es bis Ende 2018 sein – und zwischenzeitlich, erzählt Bischof, erreichen die Band auch Bewerbung aus einer Metal-Diaspora wie dem Irak.

Bei „El Puerto“ unter Vertrag sind etwa die „Sainted Sinners“ mit dem ehemaligen „Accept“-Sänger David Reece am Mikrofon oder die amerikanische Band „Beasto Blanco“, bei der die Tochter von Schockrock-Altmeister Alice Cooper singt. Die Zusammenarbeit mit dem großen Vertriebsunternehmen Soulfood stellt sicher, dass Fans in aller Welt die Alben kaufen können.

Die Arbeit einer Plattenfirma unterscheidet sich von anderen Unternehmen erst einmal kaum. Man muss ein möglichst gutes Produkt herstellen, bewerben und dem Markt zur Verfügung stellen.

Bloß: Das Produkt stellen nicht Handwerker oder Fließbandarbeiter her, sondern Künstler. Das Label organisiert die Aufnahmen, bringt sie via Vertriebspartner auf den Markt, fahndet nebenbei nach neuen Bands – und „spielt auch mal Mutter Teresa“, wenn es bei den Bands knirscht.

„Wir schauen uns potenzielle Bands live an“, erklärt Ihlenfeld. Einerseits sei der Konzertmarkt wichtig, um mit Musik überhaupt Geld zu verdienen, andererseits kann im Studio heute jeder ein brauchbares Ergebnis zusammenbasteln, auf der Bühne trennt sich dann rasch die Spreu vom Weizen.

„Wir wollen nur gute Musik“

„Wir nehmen unter Vertrag, was für uns gute Musik ist“, so der Geschäftsführer. So veröffentlicht „El Puerto“ im Kern zwar Gitarrenmusik, die spannt sich aber von traditionellem Metal über Vintage-Rock hin zu modernen, harten Klängen.

„Wir wollen langfristig in Bands investieren“, betont Ihlenfeld. Und das bedeutet, in einem schwierigen Geschäft viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Musik ist zwar allgegenwärtig, und speziell die deutschen Rockfans kaufen noch immer vorrangig physische Tonträger, aber allein davon leben heute meist weder Label noch Künstler.

Dazu bringt „El Puerto“ zum Teil auch hochwertige Vinyl-Editionen der Alben heraus. „Man muss mit Gefühl dabei sein – jede Band hat vor der Veröffentlichung zu hundert Prozent unsere Aufmerksamkeit“, sagt Bischof.

Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch der Labelname: „El Puerto“ bedeutet „Hafen“ - und nach der Philosophie von Ihlenfeld und Stelzer soll ihr Label eine Anlaufstelle für die Künstler sein, nicht nur ein Verbreitungsweg. „Wir sind ein Hafen im Haifischbecken“, sagt Ihlenfeld lachend. Bands seien lieber bei einer Firma unter Vertrag, in der man auf Augenhöhe agiert.

Ein Selbstläufer ist das alles freilich nicht. Sie stecken viel Zeit in Promotion, stellen für einige Bands auch T-Shirts und andere Artikel her, haben einen Musikverlag angeschlossen. Aber gerade von den rasend wachsenden Streaming-Diensten wie Spotify kommen nur Kleckerlesbeträge bei den Künstlern an.

Bei „El Puerto“ muss freilich niemand allein vom Label leben, alle haben andere Hauptjobs, also werden die Gewinne auch in die Bands reinvestiert. „Wir machen das ausschließlich aus Liebe zur Musik“, sagt Ihlenfeld.

Die im Text erwähnte CD der Band „Souldrinker“ erscheint am 3. November.

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