Kinder Pippi Langstrumpf hatte Premiere im Naturtheater

Heidenheim / Manfred Allenhöfer 22.06.2014
Im Heidenheimer Naturtheater wird jetzt „Pippi Langstrumpf“ gespielt – und das Publikum am Sonntagnachmittag, bei idealen Wetterbedingungen, hatte seine helle Freude an der Inszenierung, die keine Sekunde Stillstand zulässt und mehrfach zu Szenenapplaus animierte.
Eine der bezauberndsten Figuren in dieser an einnehmenden Figuren nicht eben armen Inszenierung ist eine, die noch nicht einmal ein Wort zu sagen hat: „Herr Nilsson“ ist ein wuseliges, tänzelndes, naseweises Äffchen und fester Bestandteil im Haushalt der Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminza Efraimstochter Langstrumpf.

Und man kann diesen „Herr Nilsson“, gespielt von der noch sehr jungen Lisann Vollprecht, durchaus als agiles Symbol einer sehr sorgsamen, sehr lebendigen Inszenierung nehmen, die Sonntagnachmittag im Naturtheater Premiere hatte.

Dort wird jetzt „Pippi Langstrumpf“ gespielt – und das Publikum Sonntagnachmittag, bei idealen Wetterbedingungen, hatte seine helle Freude an der Inszenierung, die keine Sekunde Stillstand zulässt und das Publikum mehrfach zu Szenenapplaus animierte.

Regisseur Stephan Fritz hat dafür gesorgt, dass sowohl einzelne Akteure das Publikum zu begeistern verstehen als auch solche Szenen, bei denen der Kulturverein aus dem Vollen schöpfen kann sowohl personell wie ausstattungsmäßig: Bei Tableaus, die pralles, kopfstarkes Leben auf die riesige Bühne zaubern und auf solche Weise eben nur auf einer flächenreichen Bühne wie der am Salamanderbächle möglich und wirksam sind. Und dazu kommen noch Akteure, die für weitere Stimulanzien sorgen, wie der Apfelschimmel. mit dem Pippi beispielsweise in der Schule vorreitet, der in Wirklichkeit Lene heißt, aus Kleinkuchen stammt und mit einer kleinen Ausnahme bewundernswert schreckfrei agiert.

Immer ist etwas los auf der Bühne; auch die Akteure der zweiten Reihe stehen nicht still: So macht die Inszenierung von Stephan Fritz durchweg großen Spaß und wird auch dem Wesen der unerschrockenen, nicht unterzukriegenden Titelheldin gerecht, deren Wesen ja personifizierter Widerspruch gegen den Stillstand ist und alle möglichen Angriffe des kollektiven wie individuellen Über-Ichs trotzt. „Man muss sie in Obhut nehmen“, heißt es da immer wieder, „sie ist vollkommen wild“. Und genau das ist ja der unvergängliche Reiz dieser Figur, die mittlerweile 70 Jahre alt ist und entstanden ist in einer Zeit, als in Europa das faschistische Über-Ich grausame Urständ' feierte.

Pippi leistet solchem Ungeist bunten Widerstand und sorgt für leidenschaftliche Identifikation von mittlerweile vielen Generationen von Kindern und Heranwachsenden. Das das heute unvermindert gilt, zeigt die Naturtheater-„Pippi“ – auf der Bühne genauso wie im Publikum, wo bei der Premiere immer wieder für Pippi aktiv Partei ergriffen wird und auch ganze Strophen des „Pippi“-Liedes mitgesungen werden: „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“.

Astrid Lindgrens „Pippi“-Bücher sind unverändert gültig; und das Naturtheater setzt das in seiner mittlerweile dritten „Pippi“-Inszenierung auch in den bunten Kostümen und beweglichen Choreographien (Manuela Büttner) begeisternd um.

Die drei Hauptrollen sind dreifach besetzt. Bei der Premiere spielte Frida Reichert die unerschrockene Göre, die Konventionen und unreflektierte Gewohnheiten temperamentvoll auf den Prüfstand stellt. Reichert stellt eine persönlichkeitsstarke „Pippi“ dar, die sich stark macht für individuellen Freiraum für jedermann (bis hin zu vermeintlich völlig unpolitischen Nebensächlichkeiten: „Wir leben doch in einem freien Land, da kann doch jeder gehen, wie er will, auch rückwärts“).

Und Pippi hat das Herz auf dem rechten Fleck; wenn jemand unterdrückt wird, leistet sie Widerstand – der auch ganz physisch sein kann, immerhin ist Pippi ja das stärkste Mädchen der Welt, was der Flegel Bengt (Lenz Sattler) ebenso zur Kenntnis nehmen muss wie zwei Räuber (Lars Strauss und Julius Ferstl) oder zwei Polizisten (Max Barth, Stefan Lochstampfer) in slapstickhaften, das Publikum zu spontanem Applaus provozierenden Szenen.

Und Pippi besiegt auf dem Jahrmarkt auch den starken Adolf (eine eher kleine Rolle, doch von Markus Hirschberger hinreißend ausgefüllt) oder im Armdrücken ihren eigenen Vater: Und Kapitän Langstrumpf (fast schon popeye-mäßig und gleichfalls hinreißend gegeben von Martin Grath) lässt das zu, von seiner Tochter besiegt zu werden. Da leisten die ordnungsgierige Frau Prysselius (Beate Fritz) oder die „Plutimikation“ einfordernde Lehrerin (Kerstin Keppler) größeren Widerstand gegen den Bruch vermeintlich festgefügter Konventionen.

Schön und pädagogisch signifikant ist da der Satz, den die Mutter (Bettina Ostermayer) von Pippis Freunden lehrsatzmäßig formuliert: „Kinder soll man sehen und nicht hören“. Und ihre Kinder Annika und Tommy, die rasch zu Pippis engsten Freunden werden, haben das ursprünglich ja internalisiert: „Stell Dir vor, so wie Pippi würden es alle Kinder machen“ dann gäbe es keine Ordnung mehr.

Es wäre aber zumindest eine andere, letztlich selbstbestimmte und menschlichere Ordnung, wenn Pippis Art sich durchsetzt. Und sie kann bei ihren Freunden, die dramaturgisch ja eigentliche Gegenspieler sind, sich ganz gut und persönlichkeitsverändernd in Szene setzen: Die ursprünglich sehr behüteten Annika und Tommy lernen Pippis Vorbild des In-Frage-Stellens durchaus aufs eigene Benehmen umzusetzen. Und Kim Simon und Moritz Holzapfel verstehen es, dem Geschwisterpaar neben der so stark szenenbestimmenden Pippi bühnenwirksame Konturen zu verleihen.

Stephan Fritz und seinen beiden Assistentinnen Alexandra Hirschberger und Manuela Bittner gelang es, mit einer insgesamt dreistelligen Schar engagierter und durchweg beweglicher Akteure eine brutto genau zwei Stunden dauernde Inszenierung zu schaffen, die mitreißt und keine Sekunde langweilt. Sie ist in jedem Punkt durchdacht und mit viel Sorgfalt und Liebe zum Thema umgesetzt. Und auch wenn sich zwei Polizisten auf der Bühne als Tölpel gerieren, hat der im bürgerlichen leben ebenfalls ordnungsstiftende Fritz keine falsche Behutsamkeit walten lassen.

Und dann ist ja noch das Äffchen Herr Nilsson, das keine Sekunde stillesteht, von Anfang an, hereinfahrend auf einem Kleinrad, präsent ist und als Repräsentant für die pfiffige Lebendigkeit dieser Naturtheater-„Pippi“ steht: Lisann Vollprecht ist ein wirkungsmächtiger, liebenswürdiger, kregler Mini-Akteur, der gestisch ebenso wie in deiner Ausstattung einfach hinreißend putzig ist.

Für die „Pippi“-Spielzeit sind nur mehr wenige Karten erhältlich; der Erfolg im Vorverkauf hat auf die Akteuren verschiedener Ebenen möglicherweise Druck ausgeübt. Bei der Premiere war davon jedenfalls nicht zu spüren. Wer bereits eine Karte erworben hat, darf sich jedenfalls auf seinen Aufführungstermin freuen.

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