Heidenheim Petra Beer schreibt über Erinnerungen aus der DDR

Petra Beer erzählt in ihrem neuen Buch „Zwischen-Leben“ aus ihrer Vergangenheit.
Petra Beer erzählt in ihrem neuen Buch „Zwischen-Leben“ aus ihrer Vergangenheit. © Foto: Markus Brandhuber
Heidenheim / Joelle Reimer 04.11.2018
Die 57-jährige Petra Beer lebt seit 28 Jahren im Kreis Heidenheim. In ihrem kürzlich erschienenen Buch „Zwischen-Leben“ erzählt sie von Erinnerungen an ihre Heimat Jena, die DDR und den Neuanfang.

Es gibt Dinge, die Zeit brauchen. Die reifen müssen. Dinge, die vielleicht in einer Schublade verschwinden und erst Jahre später wieder auftauchen – verstaubt, liegen gelassen, halb vergessen.

Solche Dinge gibt es auch bei der Wahl-Nattheimerin Petra Beer. Nur, dass es bei ihr nicht einfach irgendein Gegenstand war. Das, was in ihrer Schublade über lange Zeit verschwunden war – immerhin ganze 23 Jahre – ist ihre eigene Geschichte. Aufzeichnungen, Aufschriebe, Gedanken; an ihre Heimat Jena, an die ehemalige DDR, an ihren Aufbruch nach Baden-Württemberg. Letzterer fand vor genau 28 Jahren statt, und in all den Jahren hatte die heute 57-Jährige nie das Gefühl, dass sich auch nur irgend jemand für ihre Erinnerungen interessieren könnte.

Doch nun ist diese Schublade geöffnet, und aus dem unfertigen Manuskript wurde das Buch „Zwischen-Leben – eine emotionale Reise zu meinen Wurzeln“, das im Juli dieses Jahres im Heidenheimer Amthor-Verlag erschienen ist. Und nicht nur das: Im Talhof hielt Beer sogar schon ihre erste Lesung – vor 50 Gästen. „Ich habe das noch nie zuvor gemacht. Aber ich hatte ein gutes Bauchgefühl, und darauf konnte ich mich bisher immer verlassen“, sagt Beer.

Erinnerungen an frühere Zeiten

So auch dieses Mal. Mit einem alten Reisepass, einem Shirt der damaligen Pionierorganisation und einem selbstgebackenen „Kalten Hund“ auf einer alten DDR-Kuchenplatte kam sie zur Lesung; sie traf viele bekannte Gesichter, alte Freunde, die sie jahrelang nicht mehr gesehen hatte – und hielt schließlich gar keine Lesung. „Die Zeit-Relikte haben für sich gesprochen. Ich habe Geschichten erzählt. Erinnerungen geteilt. Es gab eine Menge ehrliches Interesse – und auch ein paar Tränen“, so Beer.

Tränen, die auch ihr zuvor schon gekommen waren. Genau in dem Moment nämlich, als sie ihre Schublade geöffnet und versucht hat, aus all den Aufschrieben und Erinnerungsfetzen ein Buch zu schreiben. „Ich bin 1991 nach Heidenheim gekommen, weil mein Mann beim Voith angefangen hat. Das war damals eine ganz neue Welt für mich“, erzählt sie. Die Entfernung, der Dialekt, eine neue Umgebung, neue Freunde: an all das musste sie sich gewöhnen, und für ihren Geschmack gelang ihr das fast etwas zu schnell. „Ich habe gleich Arbeit gefunden, in einem Kosmetikstudio in Heidenheim, mein Sohn hat sich gut in der Schule eingelebt, mein Mann war glücklich mit seiner Stelle.

„Es war nicht alles schlecht“

Wir lebten gut – und an Wohlstand gewöhnt man sich eben schnell.“ Vor allem, wenn man ihn zuvor in der Form nicht gekannt hat. „Ich beschäftige mich immer noch sehr mit der DDR. Natürlich möchte ich nicht zurück, auch die Zeit möchte ich nicht zurück haben. Aber es war bei weitem nicht alles schlecht“, so Beer. Nachbarschaftshilfe, Zusammenhalt, ein großes Miteinander – das sind Erinnerungen, die ihr in den Sinn kommen. „Wir haben oft aus Nichts etwas gemacht, viel improvisiert. Und alles wurde repariert, wegschmeißen kam nicht in Frage.“ Nichtsdestotrotz wirft Beer in ihrem Buch auch einen kritischen Blick zurück. Das Gefühl des Eingesperrtseins, der fehlenden Freiheit habe man immer wieder gespürt; im Alltag genauso wie beispielsweise bei der Urlaubsplanung.

Ob nun die Kindergarten- oder Schulzeit, die Zeit als Mutter und Hausfrau, ihre Arbeit als Kosmetikerin – all diese Erinnerungen an ihre alte Heimat, ob positiv oder negativ, waren es, die den Ausschlag für das Buch gaben: „Ich wollte nicht, dass das alles verblasst.“

Ursprünglich nur für den Sohn

Ursprünglich hatte sie die Zeilen nur für ihren Sohn aufschreiben wollen – als Erinnerung sozusagen. Und der habe, so Beer, nachdem das Buch Mitte Juli dieses Jahres erschienen war, die Seiten auch sofort verschlungen. „Er hat mich aus dem Urlaub angerufen und gesagt, dass es ein komisches Gefühl sei, solche Zeilen zu lesen, während er es sich in einem Fünf-Sterne-Hotel gut gehen lässt“, sagt Beer, lächelt, und fügt hinzu: „Aber klar, heute denken viele gar nicht mehr über den ganzen Kommerz nach.“

Und genau da kann „Zwischen-Leben“ dem ein oder anderen Leser vielleicht einen Denkanstoß geben. Apropos: Obwohl Beer das Buch mehr für sich und ihre Familie geschrieben hat, hat sie doch immerhin schon über 90 Exemplare verkauft und viele positive Rückmeldungen erhalten – von Freunden, Bekannten, Fremden.

Was sie mit den Einnahmen machen will? Sie lächelt erneut. „Einen Norwegen-Urlaub. Im eigenen Bus.“ Und so die Freiheit genießen, überall dort hinfahren zu können, wohin sie möchte.

Das Buch „Zwischen-Leben – eine emotionale Reise zu meinen Wurzeln“ von Petra Beer erschien 2018 im Amthor-Verlag. Die ISBN lautet 978-3-934104-61-7.

Petra Beer: Von Jena nach Heidenheim, von der Kosmetikerin zur eigenen Praxis

Petra Beer wurde 1961 in Jena geboren. Sie wuchs zwischen der privaten Fleischerei ihrer Familie, einer sozialistischen Schulbildung und der katholischen Kirche auf.

1977 begann sie eine Ausbildung als medizinische Kosmetikerin. 1980 heiratete sie, bekam einen Sohn und arbeitete bis 1991 im Ausbildungsbetrieb. Dann folgte der Umzug nach Baden-Württemberg. Heute hat sie ein Enkelkind, außerdem hat sie noch weiterhin Kontakt zum Freundeskreis aus DDR-Zeiten in Thüringen.

In Heidenheim arbeitete sie erst in einer Parfümerie, baute dann 2004 ein Kosmetikstudio in einer Apotheke auf. Seit 2016 bietet sie in einer eigenen Praxis „Touch-Life-Massagen“ an.

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