Heidenheim Opernfestspiele: Das „Goldmund-Quartett“ in der Schlosskirche

Große Klasse: das „Goldmund-Quartett“ in der Heidenheimer Schlosskirche.
Große Klasse: das „Goldmund-Quartett“ in der Heidenheimer Schlosskirche. © Foto: Rudi Weber
Heidenheim / Dina Grossmann 27.07.2018
Das „Goldmund-Quartett“ präsentiert kontrastreiche Musik von Mozart, Say und Schostakowitsch in einem beeindruckenden Konzert in der Schlosskirche.

Es war ihr erster Auftritt bei den Heidenheimer Opernfestspielen und gleichzeitig eine Visitenkarte, wie sie professioneller kaum hätte sein können. Florian Schötz, Pinchas Adt (Violinen), Christoph Vandory (Viola) und Raphael Paratore (Cello) bilden zusammen das Streicher-Ensemble „Goldmund-Quartett“, sind Mitte 20 und schon an der Spitze der Nachwuchsliga angekommen: Preise bei renommierten Wettbewerben, Stipendien, zwei CD-Einspielungen und Konzertreisen durch zehn verschiedene Länder zählen zu ihren Erfolgen. Eine Kostprobe ihres Könnens gaben sie am Mittwochabend vor rund 110 Besuchern in der Heidenheimer Schlosskirche mit drei kontrastreichen Beiträgen aus verschiedenen Epochen.

Ein wohldurchdachtes Werk

Einen ganzen Zyklus von sechs Quartetten hat Mozart seinem Freund und Vorbild Joseph Haydn gewidmet – die sogenannten „Haydn-Quartette.“ Dem jungen Beethoven zufolge sagte man von diesen Werken, dass sie „zum Totlachen seien, da sie gar nicht stimmten“. Was Mozarts Publikum wie seltsame Musik voller Fehler erschien, war in Wirklichkeit ein Aufbruch in eine neue Richtung - passend zur Lebenssituation Mozarts, der gerade gegen den Willen des Fürsten den Salzburger Hof verlassen und einen Neustart als freischaffender Musiker in Wien gewagt hatte. „Die Frucht einer mühevollen und langen Arbeit“: So bezeichnet Mozart die „Haydn-Quartette“. Diese Beschreibung unterstreicht, dass er sie nicht als Unterhaltungsmusik für Adelige, sondern als wohldurchdachtes Werk für Kenner schrieb.

Für ihr Konzert in Heidenheim hatten sich die Musiker des „Goldmund-Quartetts“ für das erste Quartett dieser Serie, das Opus 10, entschieden. Das Streichquartett in G-Dur (KV 387) steckt voller Überraschungen, zeigt den Facettenreichtum der Komponistenpersönlichkeit und dadurch ungewöhnlich differenzierte Emotionen. Das „Goldmund-Quartett“ hat diese Besonderheiten phantastisch ausgearbeitet. Es war eine Freude, zu sehen, wie sich die jungen Musiker über den musikalischen Scherz amüsierten, mit dem Mozart den zweiten Satz eröffnet: Der wiegende Dreier-Takt des Menuetts kann kaum nachempfunden werden, wenn jede zweite Note mit einem forte versehen wird, was bei den Zuhörern damals wie heute zunächst einmal für Verwirrung sorgt. Die Betonung gegen den Takt auch im ersten Satz einzubauen war hingegen eine originelle Adaption der „Goldmund“-Musiker, an der sie sichtlich ihre Freude hatten.

Generell war ihr kompletter Auftritt von mitreißender Spielfreude geprägt. Dem gegenüber stand die Ernsthaftigkeit, mit der sie die anschließenden Werke von Fazil Say, einem zeitgenössischen Komponisten, und Dmitri Schostakowitsch zur Aufführung brachten. Unabhängig von Epoche und Stil zeigten sie, dass sie bei jedem der Stücke durch intensive Auseinandersetzung bis in die Tiefe vorgedrungen sind und ihre eigene, individuelle Interpretation geschaffen haben. Und auch wenn sie selbst (hoffentlich) noch keine Scheidung durchleben mussten, boten sie Says „Divorce“ äußerst überzeugend.

n einer kurzen Einführung wurde der Aufbau des Werkes erläutert: Während der erste Satz einen hitzigen Streit in der Gegenwart darstellt, wurde im zweiten Satz die Vergangenheit vertont. Der dritte Satz bildet eine Zusammenfassung der traumatischen Erlebnisse. Damals Melancholie und Ungewissheit, heute Wut und Verzweiflung. Kontraste, die der türkische Künstler mit wohldosierten modernen Spieltechniken meisterhaft festgehalten hat und die nicht weniger meisterhaft vom „Goldmund-Quartett“ zum Leben erweckt wurden. Besonders turbulent und impulsiv zeigte sich das Finale, in dem Raphael Paratores Headbanging an die Cellisten der Metal-Band „Apocalyptica“ erinnerte und dem Trennungsschmerz besonderen Nachdruck verlieh.

Höchste Intensität

Mit dem beschwingten Anfang von Schostakowitschs Streichquartett Nr.3, F-Dur, op.73 nahmen die Musiker ihr Publikum in eine weitere Klangwelt mit. 1946 komponiert, zählt es zwar zu den eingängigeren von Schostakowitschs Streichquartetten, blieb aber von den Kriegsjahren nicht unberührt. Der unerwartet leise Schluss des Allegrettos brachte das Heidenheimer Publikum zum Schmunzeln, im weiteren Verlauf lauschte es gebannt den markanten Rhythmen, bei denen das Quartett wie ein ganzes Orchester klang. Hocherfreulich war die Klangschönheit der Viola, die im zweiten Satz erstmals in voller Pracht erstrahlen konnte. Ein exzellent aufeinander abgestimmtes Unisono im letzten Satz verdeutlichte ebenso die beeindruckende Verschmelzung der Musiker wie der Abschluss des Konzerts, den sie spannungsgeladen im pianissimo und mit höchster Intensität darboten. Vielleicht der eindrucksvollste Moment des Abends.

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