Heidenheim / Manfred F. Kubiak  Uhr
Peter Tschaikowskys im Spielermilieu angesiedelte „Pique Dame“ wird musikalisch, szenisch, sängerisch und auch in Sachen Ausstattung kongenial gelungen als atemlos spannend erzählter Psychokrimi präsentiert.

Immer wenn ich Tschaikowsky höre, muss ich an Chuck Berry denken. Den Rock ’n’ Roller, genau. Jenen Mann, der Beethoven gewissermaßen zur Desertion ins Lager der nun die Herrschaft über die Musik an sich reißenden jungen Wilden zu überreden versuchte und ihn damit auch bei denen unsterblich machte, die noch nie etwas von „Fidelio“ oder „Pastorale“ wissen wollten.

„Roll over Beethoven“ lautete Berrys kecke und selbstbewusste Aufforderung, die seit dem Jahr 1956 jeder kennt. Was von vielen dabei allerdings immer überhört wird, ist deren zweite Hälfte: „. . . and tell Tschaikowsky
the news.“

Und Neuigkeiten für Tschaikowsky hat jetzt in Heidenheim auch Marcus Bosch. Denn was der Opernfestspieldirektor mit der Musik zu „Pique Dame“ präsentiert, ist, verglichen mit den allermeisten Interpretationen, die als State of the Art gehandelt werden, beinahe schon Rock ’n’ Roll. Und zwar die Rolle rückwärts zum Original, das Bosch sehr intensiv studiert hat.

Sentimentalität war Tschaikowsky zeitlebens zuwider. Und insofern ist man doch immer wieder überrascht, wie viel Sentimentalität Dirigenten oft aus der Partitur von „Pique Dame“ he-
rauslesen und in Klang umsetzen. Nicht so Bosch. Der hat den breiten Pinsel erst gar nicht mitgebracht, sondern lässt einen schlanken Sound liefern und geht hohes Tempo.

Dabei wagt er, wie, worauf wir noch zurückkommen werden – immerhin haben wir es in dieser Oper mit nicht wenigen Spielern zu tun –, übrigens alle anderen Beteiligten auch, einiges, und gewinnt auf der ganzen Linie. Und zwar fast von Anfang an, wenn man einen gefährlichen Moment zu Beginn abzieht, als sich eine ganz kurz instabile Lage zwischen Graben und Chor auf der Bühne sofort in pures Wohlgefallen bis zum Schluss auflöst.

Nun haben wir es in der „Pique Dame“ ja mit einer Geschichte zu tun, die, wenn man so will, beständig treppab führt. Und bei Bosch, der zwar stellenweise durchaus Pathos zulässt, aber nie Larmoyanz, hören wir Stufe um Stufe das Abgleiten in den Irrsinn. Das ist stringent und detailliert musiziert und entwickelt in seiner unerbittlichen Geradlinikeit einen regelrechten Sog, der sich bis zum Endspiel beständig steigert.

Was das Herz begehrt

Was noch hinzukommt, ist, dass Bosch und die in ihrer Gesamtheit, aber auch in ihren Registern einfach großartig klingenden Stuttgarter Philharmoniker in dieser aufregenden Interpretation auch deutlich den von Tschaikowsky angelegten Unterschied zwischen den zwar szenisch üppig, musikalisch aber eher einfach gehaltenen Episoden und den viel farbenreicher orchestrierten Momenten der kammerspielartig gehaltenen Haupthandlung herausarbeiten.

Musikalisch wird im Spiel mit dieser wunderbaren Partitur schlicht alles geboten, was das Herz begehren könnte: plastischer Klang, hitzige Tempi, dynamische Finessen, zarte seelische Stimmungen, tief dunkel gefärbte Abgründe, leuchtende Lyrismen, leidenschaftliche Gefühlsausbrüche und sogar, wo wir schon dabei sind, von außerhalb des Rittersaals mal wieder ein nicht ganz stubenrein gestimmtes Martinshorn, was in einer Oper, in der die Quarte des Drei-Karten-Motivs ja nicht gerade selten aufgedeckt wird, durchaus einen gewissen Charme hat.

Das ist, was wir hören. Und was ist zu sehen? Vielleicht ist die Schlussszene des ersten Bildes der Schlüssel zu Tobias Heyders Inszenierung. Gerade hat Tomski, dem Zoltán Nagy in allen Schattierungen prächtige baritonale Statur verleiht, seine Geschichte beendet und erzählt, wer und was die Gräfin einmal war und was es mit dem Geheimnis der drei Karten auf sich hat. Da hören wir aus dem Munde des auf elastischen Beinen im unauflöslichen Champagnernebel tänzelnden Tschekalinski, prächtig gespielt und schön gesungen vom Tenor Léon de la Guardia, den folgenden, auch im russischen Original italienisch geäußerten Verdacht: „Si non è vero, è ben trovato.“

Wenn die Geschichte also nicht wahr ist, dann ist sie sehr gut erfunden. Und spätestens als die Gräfin, da Hermann die Pistole zückt, um sie zur Herausgabe des Geheimnisses zu zwingen, nicht vor Schreck und aus Angst vor einer ebenfalls zur Geschichte gehörenden, sie betreffenden Prophezeihung tot umfällt, sondern sich kurz, aber heftig gewissermaßen totlacht, dürfen wir annehmen, dass der Regisseur gar nicht an das Vorhandensein eines Kartengeheimnisses glaubt.

Und damit wird die Geschichte eines Mannes, der auf seinem psychopathischen Holzweg nicht nur sich, sondern auch ein labiles Mädchen, das in dem anderen Außenseiter gern seine Rettung sähe, vernichtet, sogar noch grausiger, als sie ohnehin schon ist. Denn Hermanns Wahn gründet am Ende auf einem, wenn auch sehr gut erfundenen – Nichts.

Apropos Hermann: Den gibt im Rittersaal George Oniani. In Galaform. Der georgische Tenor stemmt diese geradezu furchterregende Partie mit Kraft zur Attacke, mit Durchschlagskraft – und besitzt auch genügend Atem für den fordernden Endspurt.

George Oniani ist nicht nur szenisch, sondern auch sängerisch der Dreh- und Angelpunkt dieser Inszenierung. Einer Inszenierung, die in ihrer ganzen Klasse doch einigermaßen verblüfft. Denn zwar hatte man damit rechnen dürfen, dass Tobias Heyder sich erneut als der Mann erweisen würde, der komplexe Geschichten verständlich und ohne Substanzverlust erzählen kann. Wie er das in diesem Falle allerdings anstellt, darauf muss einer erst einmal kommen.

Die „Pique Dame“ bietet in ihrer Komplexität der Musikwissenschaft selbstverständlich auch hochkomplexe Deutungsmöglichkeiten. Da geht’s mitunter ans Eingemachte und in sagenhaft entfernte Details. Alles hochinteressant, die gleichzeitige Ungleichzeitigkeit bezüglich der verschiedenen Zeitebenen etwa, die Auslotung gesellschaftlicher Dekadenz, Nihilismus, Terrorismus, die Homosexualität des Komponisten, der ganze Hintergrund und die Unterschiede in Sachen Puschkin sowieso . . . Da hat ein Regisseur alle Chancen, alle zu verblüffen – oder aber sehr tiefgründelnd alles zu verschenken.

Wie aber, wenn man das alles mal unberücksichtigt lassen würde und nur – was heißt hier nur? – eine spannende, stringent geschilderte Geschichte erzählte? Und tatsächlich macht es Heyder so: Er lässt den ganzen intellektuellen Ballast links liegen und interessiert sich dafür vehement für die in der Story verhandelten Charaktere.

Das birgt vielleicht die Gefahr, die Kritiker zu vergrätzen oder Lob aus der falschen Ecke zu ris­kieren, wo jene sitzen, die es am liebsten haben, wenn eine Inszenierung sie nicht verstört, was dann oft auch mit einer Störung der Musik gleichgesetzt wird. Aber Heyder ist auf diese Weise nicht zuletzt unterwegs auch im Sinne Tschaikowskys, der ja zum Beispiel, um nun doch noch bei Puschkins dem Libretto zugrundeliegender Novelle zu landen, ohnehin gar nicht an den sozialen Spannungen des Originals, sondern vielmehr an den psychologischen Prozessen und Konflikten interessiert war.

Was also Tobias Heyder – und da agiert er wiederum interpretatorisch  ebenso so schlank wie Marcus Bosch das musikalisch tut – vorlegt, ist alles andere als abwegig oder zu kurz greifend. Und so, wie er es vorlegt, ist es grandios. Wir wohnen einem atemlos spannend erzählten Psychokrimi bei, der uns, analog zur musikalischen Ausgestaltung und mit ebensolcher Sogwirkung, Stufe um Stufe in den tiefsten Keller des Irrsins führt.

Im tiefsten Keller des Irrsinns

Und in diesem Krimi wiederum begegnen wir keinen opernhaften Pappkameraden, sondern, sagen wir mal, genau den modernen Großstadtmenschen, die Tschaikowsky in diesem großen Wurf auf die Bühne bringen wollte. Insofern fällt in Heyders Inszenierung auch das berühmte Schäferspiel mit seiner Musik aus dem 18. Jahrhundert und den Mozart-Zitaten nicht aus dem zeitlos-modern gewählten Bühnenrahmen: Eine bonbonbunte Party mit Oldie-Musik – ja, warum nicht?

Britta Tönnes Bühnenbild im Übrigen ist der Beweis, dass auch im Unspektakulären Großartigkeit herrschen kann. Wir sehen ein Kammerspiel mit sieben Türen eines unter der Fuchtel der von Roswitha Christina Müller eindrucksvoll gesungenen Gräfin stehenden Mädchenpensionats und der schäbigen achten Tür des Zimmers von Hermann (der den ganzen Abend nie durch eine der anderen Türen gehen wird). Wir sehen aber auch ein Bühnenbild, das neben seiner schlicht gehaltenen Ästhetik die ganz praktische Seite hat, dass sie dem grandios singenden und aufgekratzt spielenden Philharmonischen Chor aus Brünn Türen für sagenhaft schnelle Auf- und Abgänge bietet.

Auch Verena Polkowskis Kostüme fügen sich wunderbar in dieses kongeniale Hand-in-Hand-Arbeiten von Musik und Szene ein. Wirklich sehr beeindruckend. Ebenso übrigens wie das bis in die kleinsten Partien üppig besetzte Gesangsensemble, aus dem man noch Michaela Maria Mayers Chloe aus dem Schäferspiel, Tamara Guras Polina oder Alexander Teligas Surin besonders he­rausheben könnte.

Und die von der armenischen Sopranistin Karina Flores vorbehaltlos leidenschaftlich gesungene Lisa? Liebt sie Hermann wirklich? Eher nicht. Eher verabscheut sie lediglich den von Bariton Csaba Szegedi prägnant gesungenen Schärpenträger Jelezki, eine an Walt Disneys Entenhausener Hundebürgermeister erinnernde Karikatur der Macht, einen reichen Tugendbold, der unendliche Langeweile verspricht.

In der Heidenheimer „Pique Dame“ rennt Lisa insofern um ihr Leben – und am Ende in den Fluss. Den Schluss aber ziert der Geist der Gräfin. Licht aus – und die Letzte macht die Tür zu.

Es war keine einfache Kost, die mit „Pique Dame“, dem Premieren-Publikum am Freitagabend serviert wurde. Die Erwartungen waren hoch, deshalb gab es viel auf und neben dem roten Teppich zu diskutieren.