Heidenheim / Manuela Wolf und Thomas Zeller  Uhr
Es war keine einfache Kost, die mit „Pique Dame“, dem Premieren-Publikum am Freitagabend serviert wurde. Die Erwartungen waren hoch, deshalb gab es viel auf und neben dem roten Teppich zu diskutieren.

Stirnrunzeln oder strahlende Gesichter? Die Premiere von „Pique Dame“ am vergangenen Freitag hatte im Vorfeld für Aufregung gesorgt beim hiesigen Publikum. Verständlich. Komponist Peter Tschaikowski ist nicht gerade bekannt für einfache musikalische Kost, und das Stück selbst fristet in der bunten Opernwelt ein Mauerblümchen-Dasein, es gilt als zu kompliziert, zu schwermütig, als schwer spiel- und aufführbar. Und so nahm eine Vielzahl der Gäste mit gemischten Gefühlen Platz im Rittersaal, darunter auch Heidenheims Oberbürgermeister Bernhard Ilg. Der hatte sich zur Vorbereitung in die Entstehungsgeschichte von „Pique Dame“ eingelesen und in das Leben des russischen Komponisten, das geprägt war von komplizierten Beziehungen. „Ich hatte dann wirklich ein bisschen Angst, wie ich heute Abend zurechtkommen würde“, gestand er nach der Vorstellung lachend und war damit nicht alleine.

Durch die Bank sah man strahlende Gesichter bei der anschließenden Premieren-Feier im Schlosshof. Bei wunderbar lauen Temperaturen und bis weit nach Mitternacht wurde in kleinen Grüppchen über die Inszenierung diskutiert. Heidenheims Bürgermeisterin Simone Maiwald machte dabei gleich zwei Liebeserklärungen. Die erste galt ihrer neuen Heimat Heidenheim: „Das Schloss bietet den Opernfestspielen eine wunderbare Kulisse, dazu nette Menschen und gute Gespräche - ich finde, auch das ist etwas, was diese Stadt ausmacht.“ Zudem habe sie eine große Vorliebe für das Dramatische, für die unglückliche Leidenschaft sozusagen, die bei „Pique Dame“ ja durchaus zu hören sei. Um sich ganz auf die Musik einlassen zu können, habe sie die Inszenierung teilweise mit geschlossenen Augen verfolgt – und diese Momente sehr genossen.

Die Chefin der Hartmann Gruppe, Britta Fünfstück, war von ihrer ersten Opernpremiere im Heidenheimer Rittersaal begeistert. Zumal sie mit der „Pique Dame“ eine besondere Geschichte verbindet. Als junge Frau habe sie einmal für einen Linzer Regisseur den Text der Oper aus dem Russischen in eine lateinische Lautschrift übertragen. Auf dieser Basis hätten sich dann die Sänger auf die Aufführung vorbereiten können. Damals habe sie den zeitlichen Aufwand für eine solche Arbeit deutlich unterschätzt. „Statt einiger Tage hätte sie mehrere Wochen an dieser Arbeit gesessen“, erzählte sie schmunzelnd.

Unternehmer Stefan Doraszelski, mit seiner gleichnamigen Stiftung einer der Hauptsponsoren der Opernfestspiele, war für Fachsimpelei indes nicht zu haben. „Auch wenn ich hier fast schon zum Inventar gehöre, ich bin kein Spezialist. Ich kann nur sagen, dass ich mich immer über Musik freue, die den Körper stimuliert und die Seele bewegt. Das war heute Abend der Fall.“

EOS-Chef Bernd Elsenhans hat eine ähnlich pragmatische Sicht auf die Dinge. Er kann sich begeistern für Momente, in denen viele Menschen auf der Bühne stehen und „mit ihren Stimmen Druck aufbauen“. Klasse fand er auch das Bühnenbild mit seinen vielen Türen: „Das war eine unkomplizierte Lösung dafür, wie man die Masse an Akteuren schnell ins Geschehen und schnell wieder hinausbringen kann. Tolle Idee!“

Viel Lob gab es selbstredend für Solisten, den Chor, das Orchester. Der erste Landesbeamte und Vize-Landrat Peter Polta, der für den erkrankten Landrat Thomas Reinhardt zur Premiere gekommen war, lobte außerdem den Mut von Festspielleiter Marcus Bosch: „Es ist gut, dass er dem Publikum sowas zumutet.“

Das Urteil von Immobilienmakler Ulrich Grath ging in dieselbe Richtung. „Gewöhnungsbedürftig“ sei die Melodie der russischen Sprache gewesen, teilweise auch recht anstrengend. Dennoch habe ihn die Inszenierung keine Sekunde gelangweilt: „Das war mal was anderes. Das sagt einer, ich setz für euch jetzt mal einen Pflock rein und ihr müsst euch damit arrangieren. Sehr spannend!“

Rundum zufrieden war der frühere Heidenheimer Bürgermeister Rainer Domberg, der die Oper bereits in einem anderen Haus gesehen hatte. „Die Inszenierung hat mich beeindruckt.“ Besonders die stimmliche Leistung der Hauptfiguren sei überragend gewesen und habe sich im dritten Akt bis zu einem fulminanten Finale gesteigert.

Festspielleiter Marcus Bosch war nicht überrascht von der begeisterten Grundstimmung im Schlosshof. Natürlich sei anfangs eine gewisse Anspannung da gewesen. Aber der Gedanke, dass die Musik am Ende immer stärker sei, habe sich über die Zeit verfestigt und sich nun ja auch bestätigt. Alleine die Schlüsselszene gegen Ende des Stücks, wo einem der stimmgewaltige Männerchor in die Glieder fahre! „Das war mit einer der Gründe, weshalb ich Pique Dame unbedingt mal machen wollte.“ Mit dieser Inszenierung habe man außerdem ein neues Feld abseits des Standard-Repertoires erobert und das Ansehen der Heidenheimer Opernfestspiele auch international gestärkt. Bosch: „Natürlich soll es auch mal wieder La Traviata geben auf dem Schlossberg, aber doch nicht alle zehn Jahre, das wäre mir zu billig.“

Bildergalerie Heidenheimer Opernfestpiele: „Pique Dame“

Bildergalerie „Pique Dame“ feiert Premiere

Moderne Oper, moderne Garderobe – Krawatte oder nicht

Auffälliges Streifenmuster plus sattes Lila: Rainer Lehrnbecher und Petra Lange hatten für den Opernbesuch ganz bewusst ein auffälliges Outfit gewählt. Lehrnbecher: „Die Oper kommt modern daher, ich finde, man darf sich dem Anlass entsprechend dann auch modern kleiden. Leider wurde ich nicht als Komparse auf die Bühne gebeten, darauf hatte ich ja gehofft“, sagt er mit einem Augenzwinkern und begeistert sich im gleichen Atemzug für die Gräfin aus „Pique Dame“, die so hervorragend gesungen habe: „Auch wenn ich insgesamt finde, dass ein bisschen die Leichtigkeit gefehlt hat.“ Der Anzug, der Gürtel und die dazu passenden Schuhe stammen übrigens aus dem Bekleidungsgeschäft „Plinivs“ im italienischen Como, „alles von der Stange gekauft“.

Auf dem roten Teppich wurde intensiv über das Thema Krawattenpflicht diskutiert. Nach HZ-Beobachtung verzichtete dieses Mal ungefähr die Hälfte der männlichen Premierenteilnehmer auf dieses Kleidungsstück. Prominentester Vertreter dieser Fraktion war OB Bernhard Ilg, der darauf verwies, dass im Vorjahr die Krawattenträger in der Minderheit gewesen seien.