Kinder Ohne Pflegeeltern droht das Heim

Pflegeeltern haben es in der Hand: Ihre Aufnahmebereitschaft bewahrt Kinder vor Heimunterbringung.
Pflegeeltern haben es in der Hand: Ihre Aufnahmebereitschaft bewahrt Kinder vor Heimunterbringung.
Kreis Heidenheim / 04.11.2013
Rund 80 Personen – Pflegeeltern ebenso wie Fachleute – nahmen an einem Fachtag zum Thema „Erklärung von Verhaltensauffälligkeiten bei Pflegekindern“ in Heidenheim teil. Veranstalter waren die Landkreise Heidenheim und Ostalbkreis sowie die Stiftung zum Wohl des Pflegekinds.

„Das ist ein wichtiges Thema, das unsere Arbeit ganz maßgeblich beeinflusst“, sagt Dagmar Lübcke-Klaus vom Pflegekinderfachdienst im Landratsamt Heidenheim und erklärt: „Das Pflegekind, das seine richtigen Eltern verloren hat, ist die Ausnahme. Die meisten Pflegekinder, so auch im Landkreis Heidenheim, sind traumatisiert, fast alle Kinder kommen aus schwierigsten Verhältnissen.“

Referent der Veranstaltung war der Psychologe, Psychotherapeut und Gerichtsgutachter Oliver Hardenberg aus Münster, der seit 1992 beruflich mit chronisch vernachlässigten und misshandelten Kindern zu tun hat. Er machte in seinem Vortrag erschreckend deutlich, gemacht, welche Erfahrungen bei vielen Pflegekindern zum Trauma führen. Die Gründe reichen von der Verwahrlosung im Säuglingsalter, wenn die Kinder stundenlang einfach weggelegt wurden, nur unregelmäßig zu essen und trinken bekamen und auf ihr Schreien nicht reagiert wurde, über Erniedrigung, Bestrafung und Bedrohung bis zu Misshandlungen und Missbrauch.

Wie in einem schlimmen Film

Die Folge ist laut Hardenberg immer „eine Dissoziation des Selbst“, was auch als Gefühl beschrieben werde, neben sich zu stehen. Deshalb würden manche traumatisierte Pflegekinder von ihren Erfahrungen berichten, als wären sie gar nicht involviert, sondern sprächen von einem schlimmen Film, den sie gesehen haben. Eine andere Folge ist, dass sich die Kinder gar nicht mehr erinnern können. Ein traumatisiertes Kind empfindet laut Hardenberg aber nicht nur Angst, sondern auch eine ungeheure Wut, die es aber aufgrund seiner Abhängigkeit nicht gegen die verursachenden Eltern richten kann. Dann werde die Wut beispielsweise gegen sich selbst gerichtet: Selbstabwertung, Selbstverletzung und Suizidimpulse können die Folge sein.

„Mit all dem werden die Pflegefamilien konfrontiert“, sagt Dagmar Lübcke-Klaus. Deshalb würden sie ausgebildet, bevor sie ein Kind aufnehmen. Dennoch sei es nicht einfach, plötzlich mit Erfahrungen und Fragen umgehen zu müssen, die andere Familien meist nicht kennen. „Zunächst sind die Kinder in der Pflegefamilie sehr angepasst, die Probleme zeigen sich erst mit dem Beziehungsaufbau, wobei die Kinder Aggressionen dann auch gegen die Pflegeeltern richten können,“ so die Sozialpädagogin.

Das zu verstehen, sei schwierig, aber die Pflegeeltern müssten wissen, dass sie auf einem guten Weg sind, wenn ein Kind seine Gefühle in die neue Familie überträgt. „Auch wenn es paradox klingt“, denn, einfach ausgedrückt, würden zwar Ängste, Wünsche, Enttäuschungen, Ohnmacht, Wut und Zorn wiederbelebt – allerdings mit anderem Ausgang und anderen Reaktionen von Seiten der Pflegefamilie. So sind laut Hardenberg korrigierende Erfahrungen möglich. „Das Ziel ist, dass ein Kind in einer Pflegefamilie eine andere, neue und natürlich bessere Erfahrung macht und so die Möglichkeit erhält, eine gesunde Bindung einzugehen“, erklärt Lübcke-Klaus.

Das Kind mit allen Erfahrungen aufnehmen

Die Anforderungen an die Pflegeeltern seien hoch, so die Sozialpädagogin. Sie müssten nicht nur verstehen, sondern auch Verständnis aufbringen und das Kind mit all seinen zurückliegenden Erfahrungen annehmen – „auch wenn sich die Wut des Pflegekindes gerade gegen die Pflegeeltern richtet, wenn die sich abgelehnt oder provoziert fühlen“.

Derzeit gibt es im Landkreis Heidenheim 74 Pflegekinder, die in rund 60 Pflegefamilien leben. Ein Problem ist, dass immer weniger Personen dieses „Wagnis“ eingehen. Nicht wegen möglicher traumatischer Erfahrungen der Kinder, sondern aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung, glaubt die Sozialpädagogin. Denn heutzutage arbeiten oft beide Erwachsene in einem Haushalt, was mit einem Pflegekind zumindest anfangs nicht möglich sei. Dennoch hofft Dagmar Lübcke-Klaus auf weitere Personen, die sich bereit erklären, ein Pflegekind aufzunehmen. „Diese Familien werden dringend gebraucht, denn die Alternative für die Kinder ist sonst nur die Heimunterbringung.“

Informationen erteilt der Pflegekinderfachdienst im Landratsamt Heidenheim unter Tel. 07321. 321-2527.

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