Oper Oberto trommelt für Heidenheim

Freut sich auf mehr Oper denn je: Festspieldirektor Marcus Bosch.
Freut sich auf mehr Oper denn je: Festspieldirektor Marcus Bosch. © Foto: Ulf Krentz
Heidenheim / 22.06.2016
Erstmals in ihrer Geschichte führen die Heidenheimer Opernfestspiele in dieser Spielzeit gleich drei Eigenproduktionen im Programm. Festspieldirektor Marcus Bosch spricht über den Reiz des jungen Verdi, Operntourismus und Rundfunkübertragungen.

Erstmals in ihrer Geschichte führen die Heidenheimer Opernfestspiele in dieser Spielzeit gleich drei Eigenproduktionen im Programm: Giacomo Puccinis „La Boheme“, Samuel Hogarths Kinderoper „Rocke und die Zauberflöte“ – und Giuseppe Verdis erste Oper „Oberto, Conte di San Bonifacio“. Letztere ist Ausgangspunkt einer neuen Programmschiene, die, in chronologischer Reihenfolge, jedes Jahr eine von Verdis frühen Opern im Festspielhaus präsentiert – zusätzlich zur jeweiligen Hauptproduktion im Rittersaal. Über die strategischen Ziele, die mit dieser Neuerung im Spielplan verfolgt werden, aber auch darüber, was sich das Publikum davon erwarten darf, hat sich Manfred F. Kubiak mit Opernfestspieldirektor Marcus Bosch unterhalten.

Der allererste Verdi, Herr Bosch: Wieso ist „Oberto“ neben der „Boheme“ die zweite Neuproduktion und nicht, was weiß ich, die „Traviata“ oder irgendein anderer, weiterer Bestseller, der dem Publikum schon vom Namen her was sagt?

Einfach gesagt: Wir wollen was Besonderes machen! Aber wir können auch kompliziert: Es gibt einen Entwicklungsplan für die Opernfestspiele. Da gehen wir der Frage nach, wo wir uns auf lange Sicht positionieren. Dies wiederum ist, wenn ich das mal so prosaisch formulieren darf, unter anderem auch eine Kosten-Nutzen-Geschichte: Die Opernfestspiele kosten relativ viel Geld, deshalb muss die Stadt und müssen die Bürger was davon haben. Aufmerksamkeit zum Beispiel. Da ist in den vergangenen fünf Jahren extrem viel passiert, indem die künstlerische Wertigkeit deutlich gesteigert werden konnte. Die Festspiele werden heute nicht mehr als vor allem nettes, romantisches Spektakel eingestuft. Das hat viel mit der Qualität zu tun. Wir sind als Open Air ein Spektakel, keine Frage. Aber wir sind nie so spektakulär, dass die künstlerische Qualität auch nur eine Sekunde aus dem Blickfeld geraten würde. Und dann haben wir mit der Cappella Aquileia etwas wirklich sehr Besonderes geschaffen, qualitativ, aber eben vor allem mit diesem sehr zugespitzten künstlerischen Profil. Auch im Programm wollen wir uns weiter entwickeln. Das muss über die Inhalte gehen. Wir könnten noch mehr Konzerte ohne Ende machen, das wäre wunderbar. Aber Oper ist nun mal der Kern unserer Leidenschaft.

Und jetzt setzen Sie im nächsten Entwicklungsschritt gewissermaßen nicht nur auf die lieben Gewohnheiten des Publikums, indem sie, Stichwort „Boheme“, Bekanntes neu erzählen lassen, sondern auf die Neugierde, hohe, aber unbekannte künstlerische Wertigkeit kennenlernen zu wollen . . .

Das ist es, ja. Etwas bieten, was ich anderswo nicht bekomme. Und schauen Sie zum Beispiel mal nach Bregenz. Dort wird seit Jahren die zweite Produktion, zum Beispiel Opern politisch verfemter Komponisten, von der internationalen Presse weit mehr beachtet als das Hauptstück. Und da sind wir dann wieder an dem Punkt, dass ein Kriterium für die Stadt Heidenheim ganz einfach die Wahrnehmung sein muss. Auch Förderer und Sponsoren unterstützen die Festspiele im Endeffekt ja vor allem, um die Attraktivität des Standorts zu steigern. Das ist mit dem Fußball nicht anderes, der setzt Heidenheim auf die Landkarte des Sports. Die Opernfestspiele setzen Heidenheim auf die Landkarte der Kultur und der wichtigen Festivals wie Verona, Aix, Glyndebourne, Bregenz . . .

Das zum Hintergrund für die Entscheidung, das Angebot abseits der ausgetretenen Pfade auszubauen. Bleibt aber immer noch die Frage: Warum ausgerechnet der junge Verdi?

Ich habe ein Faible für Zyklen und für Gesamtschauen. In Aachen war's der ganze Bruckner, in Nürnberg machen wir den ganzen Dvoøák. Mit der Cappella Aquileia haben wir dieses Jahr den Schumann-Zyklus abgeschlossen . . . Die Opern des jungen Verdi von „Oberto“ bis „Attila“, der dem „Macbeth“ vorausgeht – das durchgängig zu zeigen, ist zunächst einmal auch so ein Gesamtblick. Vor allem aber reizt es uns, in diesen Opern eine innere Qualität zu entdecken und zu zeigen, dass sie so viel höher ist als die äußere Bekanntheit. Glauben Sie mir, es gibt keinen Takt schlechte Musik darin! Alle werden sehr positiv überrascht sein, das kann ich schon mal garantieren, egal ob Fachleute oder nicht. Und allein schon ein so tolles Orchester wie die Cappella Aquileia, großartige junge Sänger und natürlich der grandiose Chor aus Brünn – das sind doch wunderbare Voraussetzungen. Festivals sollen immer auch zur Neuentdeckung verführen.

Außerdem klingt der junge Verdi ziemlich erfrischend anders als der, sagen wir mal, „Traviata“- oder „Troubadour“-Verdi.

Ja, das kann man so sagen. Wir verwenden teilweise historische Instrumente, das macht den Sound erst mal offener, irgendwie nasaler, viel sängerfreundlicher. Dabei wirkt die Musik insgesamt seltsamerweise dennoch dunkler. Hinzu kommt, dass der ganze Verdi, wie wir ihn kennen, allein durch die heute viel größeren Orchester, durch das moderne Instrumentarium oder die um einen Halbton gestiegene Grundstimmung schon sehr anders klingt als zu Verdis Lebzeiten. Wir wissen auch noch nicht, ob wir das Orchester vielleicht sogar auf der Bühne platzieren oder auf Parkettebene, Orchestergräben sind ja auch erst später entstanden. Das alles ist ein wunderbar spannendes Experiment, das auch für uns Musiker in der extrem kurzen Vorbereitungszeit von nur zweieinhalb Wochen noch tolle Überraschungen bereithalten wird.

Szenische Überraschungen hatten Sie ja im Vorfeld auch angekündigt.

Für mich findet Theater ja vor allem im Kopf statt. Damit wollen wir bei „Oberto“ spielen. Die Bühne wird eine schwarzer Raum sein, kaum Bühnenbild, darin Menschen, ihre Bewegungen, ihre Handlungen, getragen und gedeutet von Musik. Zur Zeit des jungen Verdis gab's übrigens auch nur flache Kulissen. Das erste dreidimensionale Opernbühnenbild war das für „Rigoletto“ im La Fenice in Venedig. Hartmut Litzinger wird uns ein besonderes Licht zaubern. Szenisch geht es uns in erster Linie um die Personenbeziehungen und Wahrhaftigkeit der verhandelten Gefühle von Liebe, Gewalt und Machtgelüsten. Die Kostüme werden das widerspiegeln. Raum und Regie werden sich auf das Wesentliche konzentrieren und auf das, was Oper ausmacht: das Ausloten der psychologischen Beziehungen von Menschen. Packendes Theater . . .

Sie wollen aus wenig viel machen.

Wenn Sie so wollen. Vor allem inhaltlich wollen wir viel herausholen mit der Reduktion aufs Wesentliche. Wir wollen im Festspielhaus bewusst auch einen Kontrapunkt setzen zur Opulenz draußen im Rittersaal. Es steckt, wie gesagt, ein ganz anderer Ansatz dahinter. Deshalb hoffe ich ja darauf, dass auf der einen Seite „Boheme“-Besucher zusätzlich neugierig werden und auf der anderen Seite auch Leute kommen, die an der Oper nicht der Bestseller-Verkauf, sondern eher das Unbekannte reizt.

Das hört sich auch nach Fachpublikum an. Gibt's aus der Ecke eigentlich schon spürbare Reaktionen auf „Oberto“?

In der Tat. Zum Beispiel hat sich der Internationale Verdi-Verein mit 30 Personen angemeldet . . .

. . . die würden für einen „Rigoletto“ nicht nach Heidenheim kommen . . .

Kaum. Sodann bietet die „Zeit“ eine Leserreise nach Heidenheim an, deren Aufhänger nicht primär die „Boheme“, sondern eben der „Oberto“ ist. Auch die Fachpresse ist jetzt noch einmal viel stärker auf uns aufmerksam geworden. Und das Deutschlandradio wird den „Oberto“ mitschneiden. Es ist derzeit nur noch nicht raus, ob live übertragen wird oder für einen späteren Sendetermin aufgezeichnet. Das hatten wir jedenfalls in Heidenheim so auch noch nicht. Und anlässlich eines Interviews mit dem Bayerischen Rundfunk wurde ich darauf angesprochen, dass sich Heidenheim offenbar zum deutschen Glyndebourne entwickelt. Der schon erwähnte Namen des vielleicht wichtigsten Opern-Mekkas unter den Festivals . . . Das hört man dann zugegebenermaßen schon mit ein wenig Stolz.

Trotzdem ist aller Anfang schwer und braucht Geduld. Mit der neuen Verdi-Schiene der Festspiele wird's nicht anders sein. Wie viele Karten wurden denn für „Oberto“ bislang im Vorverkauf abgesetzt?

Für jede der beiden Vorstellungen knapp die Hälfte der Karten.

Ist das gut, schlecht oder trifft das in etwa Ihre Erwartungen?

Bei aller Freude über das Neue sind wir natürlich vorsichtig. Für „Oberto“ habe ich mit einem Ergebnis kalkuliert, das wir jetzt, anderthalb Monate vor den Vorstellungen, schon fast erreicht haben. Insofern, und weil ich sowieso nie zufrieden bin, möchte ich jetzt selbstverständlich mehr.

Link: Hier gibt es viele weitere Beiträge zur Oper in Heidenheim

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel