Heidenheim / Michael Brendel Ein Blick ins Archiv der HZ zeigt, was die Heidenheimer im März 1959 bewegt hat.

60 Zentimeter gewinnt die Wilhelmstraße im März 1959 in der Breite hinzu. Grund: Auf einem Teilstück entlang der linken Fahrbahnseite werden Randsteine gesetzt, was das Bankett überflüssig macht. Einige Hundert Meter weiter Richtung Innenstadt stehen erheblich umfangreichere Bauarbeiten bevor. „Heidenheims City erhält ein neues Gesicht“ titelt die Heidenheimer Zeitung und nimmt damit umfassende Veränderungen rund um den Eugen-Jaekle-Platz vorweg.

Als „große Lösung“ werden die Pläne bezeichnet, zu deren Schutz der Gemeinderat vorsorglich eine zweijährige Bausperre verhängt. Die noch zu konkretisierenden Überlegungen sehen vor, die Hauptstraße an ihrer Einmündung in den Eugen-Jaekle-Platz zu verbreitern und zur Einbahnstraße gen Süden zu machen. Auf der Grabenstraße soll der Verkehr fortan ausschließlich in umgekehrter Richtung fließen.

Deckel für den Wedel

Geplant ist außerdem, die Wedelüberdeckung zwischen den beiden Straßen komplett zu schließen und sowohl die „Traube“ als auch das Gebäude Dollinger abzureißen. Städtebauliches Ziel ist eine 40 Meter lange Ladenfront, die eines Tages bis zur Brenzstraße reicht.

Geplant, gegraben und gebaut wird genau betrachtet an allen Ecken und Enden. So wächst in Riesenschritten die später auf den Namen des ehemaligen Oberbürgermeisters Karl Rau getaufte Sporthalle neben der Westschule in die Höhe. Angesichts des Zuschlags für die württembergischen Leichtathletikmeisterschaften sollen die Arbeiten an einem der modernsten und größten Gebäude seiner Art in der weiteren Umgebung in wenigen Monaten abgeschlossen sein. Die Halle soll einmal bis zu 2000 Zuschauern Platz bieten und für eine breite Palette von Tennis über Fechten bis Radball geeignet sein.

Parkplätze hinterm Konzerthaus

Auch im Umfeld des Konzerthauses wird fleißig gewerkelt. Die von Architekt Rolf Schmitthenner ausgearbeitete Planung sieht einen großzügigen Plattenbelag mit zwei Grüninseln vor. Zudem ist beabsichtigt, den hinter dem Haus gelegenen Garten in einen Parkplatz für rund 70 Fahrzeuge zu verwandeln.

Im Konzerthaus eröffnet derweil Oberbürgermeister Elmar Doch die Wanderausstellung „Künstler gegen Atomkrieg“. Für den sachkundigen Aufbau hat der Maler und Grafiker Wolf Kühmstedt im Auftrag des Heidenheimer Ausschusses „Kampf dem Atomtod“ gesorgt. Dessen Vorsitzender, Dr. Wolfgang Weitsch, betont, dass die Ausstellung nicht der Panikmache, sondern der Aufklärung dienen soll.

Sachliche Gelassenheit zu bewahren dürfte freilich all jenen schwerfallen, die die von der HZ aufgegriffene Berichterstattung der „New York Times“ aufmerksam verfolgen. Die Vereinigten Staaten, so steht dort zu lesen, hätten im September 1958 in 480 Kilometern Höhe über dem Südatlantik drei Atombomben zur Explosion gebracht. Die dadurch verursachten radioaktiven Wolken, so heißt es weiter, hätten in weniger als einer Stunde die Erde umkreist. Überaus beruhigende Stellungnahme des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums: Die freigesetzte Strahlung stelle „nur einen Teelöffel voll in einem Meer von Radioaktivität“ rund um die Erde dar.

Zwölf Jahre Zuchthaus

Frecher als die Polizei erlaubt, möchte man entgegnen. Die wiederum ist mit ganz und gar irdischen Themen beschäftigt. Beispielsweise wollen Bankräuber gefangen und der Justiz übergeben werden. Im Falle eines Trios, dem bundesweit nicht weniger als 33 Delikte zur Last gelegt werden - darunter zwei in Mergelstetten - ergeht ein hartes Urteil: Die Große Strafkammer des Mannheimer Landgerichts verurteilt einen 52-jährigen Gewohnheitsverbrecher aus Berlin zu zwölf Jahren Zuchthaus mit anschließender Sicherungsverwahrung. Seine beiden Komplizen erhalten fünfeinhalb bzw. sechs Jahre.

Schützenhilfe bekommen die Heidenheimer Gesetzeshüter bei der Jagd nach einem Uhrendieb: Ein junger Mann lässt sich in einem Fachgeschäft mehrere wertvolle Chronographen zeigen und verschwindet mit ihnen in einem unbeobachteten Moment. Der Sohn des Ladenbesitzers, ein Lehrmädchen, zwei Buben und ein Optiker verfolgen den Flüchtenden, halten ihn fest und übergeben ihn einer Streifenwagenbesatzung.

Lagerfeuer außer Kontrolle

Große Aufregung auch nahe Aufhausen. Vier zündelnde Jungen verlieren wegen starken Windes die Kontrolle über das von ihnen entfachte Feuer. Folge: Auf einer Fläche von 6000 Quadratmetern werden Gras, Bäume und Sträucher vernichtet. Verletzt wird niemand.

Nicht so viel Glück hat eine ältere Frau in Herbrechtingen. Sie wird bei einem Spaziergang in der Nähe des Wasserhochbehälters von ihrem eigenen Hund attackiert und so schwer verletzt, dass sie ins Krankenhaus eingeliefert werden muss.

Noch schlimmer erwischt es eine 31-Jährige in einem bei Ludwigsburg gastierenden Zirkus, wie die Schlagzeile „Dompteuse angefallen“ erahnen lässt: Bei einer Probe für die allabendliche Vorführung verletzt ein Tiger die Frau durch Tatzenhiebe und Bisse lebensgefährlich.

Weshalb gerade 60?

Im Dezember 2008 war der Lokschuppen Schauplatz einer Festveranstaltung, bei der eine damals seit 60 Jahren bestehende freie und unabhängige Presse in Heidenheim im Mittelpunkt stand. An jenem Abend mischten sich Aus- und Rückblicke, und unter anderem wurde die Idee geboren, in regelmäßigen Abständen in Erinnerung zu rufen, worüber die HZ jeweils 60 Jahre zuvor berichtet hatte. Die Serie startete mit der Rückschau auf 1949, mittlerweile gilt das Augenmerk schon dem Jahr 1959. Und ein Ende ist nicht in Sicht. bren