Heidenheim Notfallseelsorger: Sie kommen zum Reden zum Unfallort

Leisten am Unfallort Erste Hilfe für die Seele: die Notfallseelsorger Rolf Wachter, Johannes Eckhardt, Elisabeth Redelstein.
Leisten am Unfallort Erste Hilfe für die Seele: die Notfallseelsorger Rolf Wachter, Johannes Eckhardt, Elisabeth Redelstein. © Foto: Sabrina Balzer
Heidenheim / Manuela Wolf 16.09.2018
Die Notfallseelsorge im Landkreis Heidenheim wird im Herbst 20 Jahre alt, der Kriseninterventionsdienst des DRK feiert 10-Jähriges. Zeit für ein Gespräch.

Die kirchliche Notfallseelsorge und der Kriseninterventionsdienst des DRK haben sich zur „Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Notfallversorgung“ zusammengeschlossen. Gemeinsam verzeichnen sie zwischen 60 und 80 Alarmierungen pro Jahr. Hinter den Zahlen stecken Schicksale.

Zeitung oder Rado melden: Schwerer Unfall auf der A7, ein Toter. Welche Informationen haben Sie, wenn Sie sich auf den Weg zu einem Unfallort machen?

Rolf Wachter: Wir wissen oft auch nicht viel mehr. Aber es ist ohnehin meist alles anders, als man es sich vorstellt. Johannes Eckardt: Man kann sich nicht vorbereiten, es gibt kein bestimmtes Schema, denn die Menschen sind verschieden. Es geht darum, respektvoll und wertschätzend präsent zu sein und von Situation zu Situation zu erkennen: Wer hat gerade Not und braucht Hilfe?

Was ist ihre wichtigste Aufgabe vor Ort?

Elisabeth Redelstein: Wir sind sensible Begleiter. Unsere Anwesenheit ist ein offenes Angebot. Wir versuchen das zu geben, was unserem Gegenüber von Nutzen ist in dem Moment. Manchmal hilft es, einfach da zu sein und gemeinsam zu schweigen. Ich nenne es: Erste Hilfe für die Seele.

Welches Rüstzeug haben Sie bei ihren Einsätzen dabei?

Wachter: Mit dem Bereitschaftsdienst übernimmt man einen Notfallseelsorge-Rucksack. Er enthält unter anderem einen Teddybären, eine Flasche Wasser, ein Erste-Hilfe-Set und ein Büchlein mit Texten und Gebeten. Redelstein: Meine Warnweste ist wie eine Uniform. Wenn ich sie trage, schlüpfe ich in eine bestimmte Rolle. Gegen die eigene Sprachlosigkeit helfen Standard-Formulierungen für schwierige Gesprächssituationen, auf die wir uns während der Ausbildung mit Rollenspielen vorbereiten.

Kann man das Überbringen von Todesnachrichten üben?

Wachter: Diese Aufgabe übernimmt in der Regel die Polizei. Es geht darum, sachlich zu informieren. Was genau ist passiert? Den Hinterbliebenen helfen solche Informationen oft weiter, sie nehmen ihnen die Ungewissheit. Wir achten immer darauf, dass die Leute sitzen. Einmal kam eine Frau in dem Moment nach Hause, als wir geklingelt haben. Sie hat uns gesehen, hat sofort verstanden, dass etwas Schlimmes passiert ist und ist ohnmächtig geworden. Eckardt: Vor Ort ist kein Einsatz mit dem anderen vergleichbar. Schlimm ist, dass inzwischen gedankenlos Bilder von Unfällen via Handy über die sozialen Netzwerke verschickt oder im Internet gepostet werden. Da erfährt dann der Vater über WhatsApp, dass sein Sohn tödlich verunglückt ist, rast los und sucht nach der Unfallstelle. Niemand scheint an die Betroffenen zu denken: Diese erhalten die Nachricht aus dem Nichts, sie sind alleine, kollabieren vielleicht, sind durcheinander und gefährden dabei womöglich sich und andere.

Die Einsatzkräfte kommen mit Blaulicht, Notfallseelsorger kommen zum Reden. Wie eng ist ihre Arbeit mit der von Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdienst verknüpft?

Redelstein: Eine junge Ärztin hat mich mal zu einer älteren Dame geführt, die ein Beruhigungsmittel bekommen sollte. Sie sagte: Ich bringe ihnen etwas Besseres als Tabletten, ich bringe ihnen die Frau Redelstein. Es ist eine große Wertschätzung zu spüren. Wachter: Wir sind Teil des Helferteams vor Ort. Beispiel: Im Falle eines Herzstillstandes im häuslichen Umfeld fordern uns Notärzte immer öfter schon während der Reanimation an. Sie wissen, dass Angehörige Betreuung brauchen, können sich aber nicht kümmern. Hier können wir den Arzt entlasten und den Angehörigen beistehen. Ähnlich ist es, wenn Menschen muslimischen Glaubens betroffen sind. In jeder der beiden Moscheen-Gemeinden in Heidenheim haben wir einen Ansprechpartner. Diese Ehrenamtlichen übernehmen oft die Rolle des Dolmetschers.

Wie viele Gesichter hat die Trauer?

Wachter: Es gibt Menschen, die nach dem Verlust eines Angehörigen alleine sein wollen. Ich ermutige dazu, Emotionen zuzulassen. Alles, was nach der Überbringung der Todesnachricht abläuft, ist schon Teil der Verarbeitung. Was auffällt: Inzwischen wird sehr oft nach Beruhigungsmitteln verlangt. Medikamente sind eine schnelle Lösung, aber auf Dauer hilft nur, sich der Konfrontation zu stellen. Redelstein: Das Verhalten von Kindern ändert sich oft sehr schnell. Lachen und Weinen können sehr eng beieinander liegen. Es ist ihre Art, mit dem Tod umzugehen. Eckardt: Ich wurde einmal zu einem Todesfall gerufen. Eine Frau mit Migrationshintergrund war in ihrem Bett gestorben, Herzversagen. Das ganze Haus war voller Leute. Sie saßen in den Zimmern, im Treppenhaus, alle waren gekommen, um auf ihre Art und Weise Abschied zu nehmen. Gemeinschaft kann in solchen Momenten hilfreich sein.

Man weiß, dass selbst überzeugte Atheisten in Krisensituationen beten. Inwieweit ist Religion eine Stütze für die Menschen, denen Sie zur Seite stehen?

Eckhardt: Manche sagen von vornherein, dass sie mit Religion nichts am Hut haben, wünschen sich jedoch trotzdem, dass wir dableiben. Religion ist nur ein Angebot, kein Muss. Wachter: Es bringt ja nicht viel, nach einem tödlichen Unfall auf Gott zu verweisen und den Hinterbliebenen biblische Verse um die Ohren zu hauen. Da muss Platz sein für Zweifel und Anklage. Aber Religion kann in solchen Situationen Halt und Orientierung bieten. Redelstein: Vor allem auch uns Seelsorgern. Die Grundlage meines Tuns ist für mich die Zuwendung zu Menschen und mein Glaube an Gott. Ich sehe mich in diesem Moment als Bodenpersonal.

Hat dieses Ehrenamt ihre Sicht auf das Leben, ihre Lebensweise an sich verändert?

Redelstein: Ich bin dankbarer geworden dafür, dass ich lebe. Das ist nicht selbstverständlich. Ich glaube, ich lache noch viel mehr als früher. Eckardt: Ich lebe bewusster, weil ich schon sehr oft die Not gesehen habe die entsteht, wenn ein Mensch, der selbstverständlich mit einem lebt, ganz plötzlich nicht mehr da sein kann. Ich bin sensibler im Umgang mit meinen Mitmenschen und achte mehr auf die Qualität der Beziehungen. Wachter: Weil ich weiß, was alles passieren kann, sehe ich viele Risiken, vor allem, wenn es um meine Kinder geht. Das ist nicht immer gut.

Kümmern Sie sich eigentlich auch um die Einsatzkräfte?

Eckardt: Vor Ort ist dafür keine Zeit, da müssen alle funktionieren, für die Leute ist das Routine. Wichtig ist, hinterher über das Erlebte zu reden, das kann einer posttraumatischen Belastungsstörung schnell und stark entgegenwirken. Da hat sich in den letzten Jahren viel getan, es wird stärker auf die psychische Belastung der Helfer geachtet. Ich wünsche mir, dass diese Hilfe in Zukunft noch mehr in Anspruch genommen wird.

Wer kümmert sich um die Seele der Seelsorger?

Wachter: Bei mir gehen alle Einsatzprotokolle über den Schreibtisch. Wenn jemand innerhalb einer Woche zwei oder drei Mal alarmiert wurde, frage ich nach: Wie geht's dir? Ablösung und Entlastung ist selbstverständlich, wenn es sein muss, schon nach dem ersten Einsatz. Redelstein: Selbstfürsorge ist wichtig. Natürlich bleiben manche Bilder trotzdem bestehen. Aber zur Einsatznachbereitung gehört auch, den Kittel auszuziehen. Sonst kann man irgendwann nicht mehr lachen.

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