OB Nicht blöd und auch nicht fehlerfrei

„Ich habe auch Fehler gemacht. Aber ich wünsche mir, dass man meine Absicht wahrnimmt“: Bernhard Ilg im Paulusgemeindehaus.
„Ich habe auch Fehler gemacht. Aber ich wünsche mir, dass man meine Absicht wahrnimmt“: Bernhard Ilg im Paulusgemeindehaus.
Hendrik Rupp 03.10.2014
Was macht eigentlich der Oberbürgermeister? Dumme Frage, das weiß man eigentlich. Aber warum macht er es und was denkt er darüber? Bei der Evangelischen Erwachsenenbildung gab Bernhard Ilg jetzt Einblicke ins "Innen-Leben" der Stadtentwicklung. Und in sein Innenleben auch.

Um „Ethik in Politik und Wirtschaft“ geht es in einer neuen Reihe der Erwachsenenbildung – am Donnerstag, als sich die Stadt ins lange Wochenende wiegte, lockte das nur drei Dutzend Zuhörer ins Haus der evangelischen Kirche, zu dem alle weiter Paulusgemeindehaus sagen.

Über sein „Innen-Leben“ reflektiert Bernhard Ilg am liebsten zwischen den Zeilen. Einmal mehr wird sein Grundsatzvortrag zu einem Parforce-Ritt durch die „Stadtentwicklung als Herzensangelegenheit“, das geht fast verwirrend schnell, zeigt die Handlungslinien in der Stadtpolitik aber oft klarer als in kleinteiligen Gemeinderatssitzungen oder im Alltagsstreit um Details.

Ilg wirf Folien an die Wand, fast 40 Stück werden es an diesem Abend. Ploucquet-Areal und Congress Centrum, Landesgartenschau und DH-Würfel, auch die Schloss Arkaden, die in diesem Monat zehn Jahre alt werden. „Ich weiß bis heute, wie ich einst mit dem Media-Markt verhandelt habe. Die wollten nach Heidenheim, aber auf keinen Fall in die Innenstadt.“ Dass Ilg darauf bestand, habe der Gegenüber irgendwann „ziemlich blöde“ genannt – heute, so Ilg, Media-Markt-Slogan „Ich bin doch nicht blöd!“ immer auch auf sich selbst.

Investitionen, Stadtumbau, neue Wohnquartiere – Ilg reißt die Handlungsfelder herunter, bietet aber immer wieder auch Reflexion: „Natürlich handeln wir auch riskant, denn wir wissen ja oft nicht, ob sich die Entwicklung einstellt, die wir uns erhoffen“, sagt er. Doch handeln müsse man eben, wenn eine Stadt von 53 000 auf 47 000 Einwohner schrumpft, wenn 40 Prozent aller Innenstadt-Heidenheimer einen Migrationshintergrund haben, die Bevölkerung immer älter und die Bildungslandschaft allein schon von der Politik immer häufiger umgestaltet werde.

So mische sich die Stadt auch dort ein, wo sie es nicht müsste – und auch das ist für Ilg ein ethisches Problem. „Ist es ethisch, wenn die Stadt das Geld ihrer Bürger in hoheitliche Aufgaben wie den Umbau des Bahnhofs steckt?“, fragt Ilg. Oder sich am Ausbau der Brenzbahn beteiligt? Industriebrachen ankauft, die sie selbst gar nicht bebaut?

„Ideen habe ich Hunderte, aber man muss das ja auch alles finanzieren“, sagt Ilg. Und trotz der immensen Investitionen kommen immer neue Herausforderungen. „Glasfaser in jedes Haus ist beim Internet die Zukunft. Aber das würde locker 60 Millionen Euro kosten“, sagt er. Zumal Ilg befürchtet, dass die fetten Jahre der Stadtkasse vorbei sein könnten – Steuerrekorde der großen Unternehmen am Ort erwartet er vorerst nicht mehr: „Bis wann sind Investitionen zulässig, ab wann eine Zumutung für unsere Erben?“

Grenzen eines Oberbürgermeisters? Auch die erlebt Ilg, wenn er mit auswärtigen Akteuren spricht, die man gerne in Heidenheim hätte (die aber nicht kommen wollen), die erlebt er auch, wenn die von ihm geforderte Entwicklung wieder mal das nächste bisschen Heidenheimer Altbausubstanz kostet. Aktuell sinniert er über die Landeszentralbank: „Die Fassade ist sehr schön, aber ab wann verbaut uns so ein Gebäude unsere Möglichkeiten?“

Güterabwägung bringt Pfarrer Armin Leibold später ins Spiel – und Bernhard Ilg bezieht das auch auf den bis heute umstrittenen GBH-Verkauf: „Ich würde das wieder tun, auch wenn ich einige Dinge anders regeln würde“, sagt er. Über zwei Jahre lang habe die Gagfah nicht getan, was sie versprochen habe. Habe er vielleicht zu lange zugesehen, ehe sich dann etwas änderte?

Und wo Stadtpolitik dann auch einmal falsch beraten sein kann, erläutert Ilgs Seitenhieb auf die Statistik: „Im Moment haben wir entgegen aller Voraussagen wieder mehr Grundschüler“ – das Statistische Landesamt, schimpft Ilg, könne man wegsparen.

Kein Wort zum Sonntag, aber eines zum Feiertag – und darum auch Platz für besonnene Einsichten. Im Gemeinderat wünscht sich Ilg einen Umgang jenseits pauschaler Vorwürfe zwischen „Ewiggestrigen“ und Räten, „die ja nur Ökologie im Kopf haben“, in der Bürgerschaft mehr Ehrlichkeit über die eigenen Belange hinaus: „Es kann doch nicht sein, dass ein Neubaugebiet am Wald in Nattheim gut und in Heidenheim schlecht ist, nur weil es hier vor der eigenen Türe ist. Für die Natur ist es kein Unterschied.“

„Niemand ist fehlerfrei. Ich habe immer wieder Fehler gemacht, aus Naivität oder auch aus dem Zeitgeist heraus“, sagt Ilg ohne konkrete Beispiele. „Doch ich würde mir wünschen, dass man meine Absicht wahrnimmt und versteht, warum ich etwas getan habe und was ich wollte.“