Heidenheim / Manfred Allenhöfer  Uhr
Der Kommissar Marco Fois ermittelt in Marita Ruess' drittem Buch auch in Ligurien – doch die Ostalb bleibt der liebevoll ausgestaltete Schwerpunkt.

Deutlich ambitionierter als ihre beiden vorherigen Bände ist der dritte Kriminalroman von Marita Ruess: „Ich will nicht festgelegt werden darauf, Krimis zu schreiben, deren Handlungsraum sich auf die Ostalb beschränkt. Bei denen Leser sagen: Schau, in diesem Weiher habe ich schwimmen gelernt. Oder: Dort sind wir auch schon mal essen gegangen. Ich will, dass man auch die Spannung wahrnimmt, die in meinem Roman steckt“.

Marita Ruess lebt in Neu-Ulm, aber sie besitzt ein kleines Häuschen mit 50 Ar Wiese drumherum in Fleinheim, oberhalb des Ortes gelegen direkt am Jakobsweg.

Hierher kommt sie oft, wenngleich ganz überwiegend, das ist dem Zustand des Häuschens geschuldet, in den wärmeren Jahreszeiten. Und von hier aus auch hat sie viele Ausflüge unternommen in die nähere und auch etwas weitere Umgebung. Das hat in allen ihren Büchern auch seinen liebevoll wertschätzenden Niederschlag gefunden.

Häppchen bei der Lesung

Ihrem ersten Roman „Tod am Vogelherd“, 2013 erschienen, hat sie noch den Untertitel „Ostalbkrimi“ gegeben. „Das fand auch regen Zuspruch“, erinnert sich Ruess, gebürtige Ulmerin vom Jahrgang 1962: „Beispielsweise die Landfrauen hier in der Region fanden das toll; ich bin zu einigen Lesungen eingeladen worden. Und dabei wurden auch, angeregt von den Vorlieben meines italienischstämmigen Heidenheimer Kommissars, auch immer mal wieder mediterrane Häppchen gereicht – das war wunderbar“, freut sich Ruess heute noch.

Im Jahr darauf erschien „Die Farbe des Schattens“. Auch er spielt überwiegend auf Nattheimer und Heidenheimer Gebiet; aber der nunmehrige Untertitel „Alb-Krimi“ zeugt von regional erweitertem Horizont. Die Handlung führt freilich ein bisschen auch nach Norddeutschland.

Nun liegt Ruess' dritter Roman vor: „Grenzüberschreitungen“ ist der bewusst mehrdeutige Titel, der im Untertitel den Anspruch erhebt, nun ein allgemeingültiger „Kriminalroman“ zu sein.

Auch hier steht im Mittelpunkt der Heidenheimer Kommissar Marco Fois, Sohn eines Sarden und einer Schwäbin. Und der Bruder der Mutter, ein bezopfter Alternativer der ersten Generation, lebt in einem kleinen Häuschen in Fleinheim.

Wer Ruess schon einmal in ihrem Anwesen besucht hat, dessen Kerngebäude wahrscheinlich aus dem 18. Jahrhundert stammt und das zuletzt dem langjährigen Fleinheimer Nachkriegsschultes Georg Lanzinger gehört hat, erkennt im Roman einiges wieder: „Haus und Grundstück sind mein Inspirationsort. Und weil es meins ist, darf ich Haus und Ausblick auch genau beschreiben“.

Ansonsten gelte die klare Regel: „Orte und erst recht Personen, die für die Handlung wichtig sind, dürfen typisch sein, aber nicht real und schon gar nicht erkennbar“. Man lege in einer konkreten Lokation keine fiktive Leiche ab – eherner Grundsatz regionaler Krimiautoren, wie ihn etwa auch schon der erfolgreiche Jürgen Seibold bei seiner Lesung im Brenzer Schloss formuliert hat. Kommissar Fois wohnt deshalb auch, vage platziert, an der „Hauptstraße“ in Nattheim, wo er oft den Blick vom Balkon genießt.

Aber er hält sich, beim Einsetzen der Handlung, in einem ganz anderen Teil Europas auf: Er macht Urlaub in Ligurien. In einem kleinen Dörfchen wird eine Leiche gefunden, ein Mann, erschossen von einer Armbrust. Und weil der Tote einer Heidenheimer Gruppe angehört, die gerade im abgelegenen Dörfchen Urlaub macht, wird der eigentlich ruhebedürftige Kommissar rasch in die Ermittlungen einbezogen. Weil sein Vater ja Italiener ist, gerät die Zusammenarbeit mit den Kollegen vor Ort besonders eng.

Es sind auch weitere Menschen zugegen im Dörfchen Civezza, denen eine gewisse „Heidenheimer Prominenz“ attestiert wird: Ein ehemaliger Werbemensch etwa, aktiv in der Kunstszene, seine Frau schreibt Kochbücher. „All diese Figuren“, erklärt Ruess, „haben keine konkreten Vorbilder. Ich lasse mich aber gerne anregen von Personen und Begebenheiten. Aber ich bilde das nicht ab, schon gar nicht 1 : 1“.

Es sind damit also schon mal zwei bedeutende Roman-Schauplätze genannt: Ligurien und das Heidenheimer Land. Aber dann weitet der Roman seinen Horizont auch in die Vergangenheit – ins Jahr 2001: Ein ehemaliger Bundesgrenzschützer trifft sich mit einem ehemaligen Mitglied der Grenztruppen der DDR, um gemeinsam ökologische und ornithologische, aber natürlich auch historisch orientierte Führungen entlang des grünen Gürtels, der einst ein Todesstreifen war, anzubieten – hier standen sich die heute befreundeten Führer einst bis an die Zähne bewaffnet gegenüber. Und dann spielt da auch noch maßgeblich ein Fluchtversuch aus dem Jahr 1971 hinein, der misslingt und für einen (jugendlichen) Beteiligten tödlich endet. Die Ereignisse wirken im Roman bis in die Gegenwart nach.

„Dieser mittlerweile unfassbar lange zurückliegende Teil der deutschen Geschichte hat mich gereizt. Ich habe die deutsche und europäische Teilung, den kalten Krieg, als Jugendliche und als Studentin erlebt. Für unsere Kinder liegt das lange zurück, im Dunkel, in der Düsternis der Geschichte. Ich wollte das ein Stück weit lebendig werden lassen“.

Literarische Ambitionen

Und das ist die literarische Ambition, die die gelernte Germanistin und Romanistin (Freiburg und Rom) gereizt hat: „Ich wollte das mit einer Gegenwartshandlung verbinden“.

Und überhaupt: „Grenzen“ und ihre Überschreitungen spielen auch im alltäglichen, im sozialen Leben und „verstärkt auch wieder in der aktuellen Politik“ eine erhebliche Rolle – gerade auch im übertragenen Sinne.

Das war die literarische Herausforderung für Ruess; und man merkt diese dem Roman auch vielfach an – das Thema ist an den unterschiedlichsten Stellen leitmotivisch angerissen. „Um Grenzüberschreitungen geht es, um Respektlosigkeit“, heißt es an einer Stelle: Gemeint ist damit der Ohrberg, auf dem die Dischinger ihre Windkrafträder hart an die Fleinheimer Gemarkungsgrenze gesetzt haben.

Und der Leser fragt sich über viele Seiten, wie die Autorin die in so disparaten Zeiten, Orte und Milieus eingewobenen roten Fäden zusammenführen kann – auch das evoziert Spannung.

Der Roman wurde, das ehrt die Autorin, auf Anregung des Verlags vollendet: „Als die Anfrage von ,Oertel und Spörer' kam, wusste ich selber das Ende noch nicht“. In der Folge kam Druck auf; Ruess beeilte sich mit dem Abschuss. Das merkt man dem Text gelegentlich an; die Autorin ärgert sich teilweise selber darüber.

Es gibt viel italienisches Kolorit, es wird auch der Geist der untergegangenen ostdeutschen Republik beschworen: „Die halbe DDR hat damals die andere Hälfte ausspioniert“. Das sei heute weitgehend vergessen – oder verdrängt.

Aber es bleibt dennoch genügend schwelgerisches Verweilen an schönen Orten der Ostalb: Die Handlung führt, unter anderem, ins Eselsburger Tal, nach Neresheim, zu den Eiszeithöhlen („sollen jetzt auf die Unesco-Liste“). Es bleibt also auch dieser räumlich wie zeitlich ausgreifende Roman gleichwohl ein Hohelied aufs Härtsfeld – „der vielleicht typischste Teil“ der schwäbischen Alb.