Fürsamen Neue Rätsel aus alamannischer Zeit entdeckt

Schnaitheim / Andreas Uitz 02.11.2014
Der Fürsamen war schon vor 7000 Jahren ein beliebter Siedlungsplatz. Die hier seit Jahren stattfindenden archäologischen Ausgrabungen bringen immer wieder Erstaunliches ans Tageslicht – aber auch viel Rätselhaftes.

4000 Quadratmeter groß ist die Fläche, auf der ein Bagger seit etwa einer Woche eine rund 30 Zentimeter dicke Humus-Schicht abträgt. Mit aller Vorsicht und unter den wachsamen Augen des Archäologen Hardy Prison zieht die Baggerschaufel möglichst gleichmäßig den Boden ab. Und mit jeder Schaufel eröffnen sich neue Erkenntnisse über die frühe Heidenheimer Siedlungsgeschichte.

Hier im Fürsamen, zwischen Brenzpark und Schnaitheim gelegen, scheint es Menschen schon vor Jahrtausenden ausgesprochen gut gefallen zu haben. Rund 7000 Jahre reichen die ältesten menschlichen Spuren zurück, doch die intensivste Besiedlung gab es wohl in alamannischer Zeit. Damals, in der Zeit um 300 n. Chr., stand hier die größte bekannte alamannische Siedlung des gesamten süddeutschen Raums. Es werden wohl an die tausend Menschen gewesen sein, die in einer großen Gemeinschaft lebten und arbeiteten. Schon allein das ist ungewöhnlich, denn eigentlich lebten die Alamannen wohl eher im Familienverbund und nicht in solch großen Gemeinschaften.

Wie groß die Siedlung, die für damalige Verhältnisse schon die Größe einer Stadt hatte, tatsächlich war, wird man wohl nie herausfinden können. Denn trotz großflächiger Grabungen konnten die Ränder der Besiedlung noch nicht entdeckt werden.

Auch auf dem jetzt freigelegten aber noch nicht untersuchten Areal finden sich sehr viele Siedlungsspuren. Etwa in Form von Pfostenlöchern, dunklen Verfärbungen im Lehmboden, die durch die typische Bauweise mit Holzpfosten entstanden sind. „Wir haben hier auf der 4000 Quadratmeter großen Fläche deutlich mehr als hundert Befunde“, sagt Hardy Prison. Dazu gehören auch Feuerstellen und Gruben.

Die Gruben, die Prison auf dem aktuellen Grabungsareal, das weiter in Richtung Brenz liegt, gefunden hat, sind sehr außergewöhnlich und geben viele Rätsel auf. Sie liegen in einem Bereich, in dem es keine Befunde gibt, die auf eine Bebauung schließen lassen. Auf einer rund 50 auf 15 Meter großen Flächen finden sich hier zahlreiche, bis zu 1,80 Meter tiefe Gruben. Und in diesem hat der Archäologe Keramik, Schlacke und bearbeitete Tierknochen sowie Geweihreste gefunden. Die Häufung der Gruben deutet darauf hin, dass hier auf geballtem Raum viele Handwerker zu Gange waren. „Hier wurde wahrscheinlich in größerem Umfang Metall verarbeitet, vielleicht gab es auch einige Schmiede“, mutmaßt Prison. Eine kleine Industrie viele Jahrhunderte vor der Industrialisierung? Auch Kollegen, die Prison zu diesem Phänomen befragt hat, wissen keine Antwort.

Doch der Boden im Fürsamen gibt noch weit mehr preis. So kann Prison etwa ein Gebäude rekonstruieren, das erheblich größer als andere war, die Eckpfosten hatten den Durchmesser von Bäumen. „Wahrscheinlich ein sehr großes Speicher- oder eine Art Gemeinschaftshaus“. Rätsel gibt dem Archäologen auch eine Pferdebestattung auf. „Wir haben die Grabstelle inmitten der Besiedlung gefunden. Im Normalfall wurden bei den Alamannen Pferde neben ihren Besitzern bestattet, wenn diese bedeutend und einflussreich waren. Aber ein menschliches Grab haben wir nicht gefunden“, sagt Prison. Ohnehin ist die Frage bisher ungeklärt, wo die Alamannen während der etwa 150 Jahre, die die große Siedlung bestand, ihre Toten bestatteten. „Den Friedhof haben wir bisher nicht entdeckt, und es könnte sein, dass wir ihn nie finden werden“, so der Archäologe.

Auch wenn die Funde und Befunde aus alamannischer Zeit zahlenmäßig überwiegen, hütet der Fürsamen auch andere Spuren menschlicher Geschichte. So befand sich auf dem Areal während der römischen Zeit um 150 n. Chr. ein Gutshof, auf dem aller Wahrscheinlichkeit nach Pferde fürs nahegelegene Reiterkastell gezüchtet wurden. Römische Glasscherben und nobles Geschirr zeugen davon, dass die Besitzer des Gutshofs nicht arm waren. Auch Fibeln und eine „Gemme“, eine Ringeinlage aus Halbedelstein auf der der römische Gott Mars und die Siegesgöttin Victoria abgebildet sind, gehören zu den Funden.

Darüber hinaus hat Prison bei den Ausgrabungen auch Scherben aus der Bronzezeit (etwa 1000 v. Chr.) gefunden. „Der gesamte Fürsamen steckt voller Überraschungen und ist eine archäologische Fundgrube“, sagt der Archäologe. Derzeit ist geplant, bis zum Wintereinbruch weiter nach Spuren der Vergangenheit zu graben. Im kommenden Jahr soll dann der jetzt vom Bagger freigelegte Teil des Geländes untersucht werden.

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