Asyl Neue Herausforderungen in der Flüchtlingshilfe

Heidenheim / erwin bachmann 23.06.2016
Der – erste? – Flüchtlings-Ansturm ist vorbei. Die Willkommenskultur wird jetzt zur Bleibekultur, was mit neuen Herausforderungen verbunden ist.

Aber auch mit Chancen. Über beide Seiten wurde in einer von der Katholischen Erwachsenenbildung des Dekanats Heidenheim einberufenen Diskussionsrunde gesprochen. Bemerkenswert: Am Podiumstisch saßen nicht die „üblichen Verdächtigen“ der lokalen Polit-Szene, vielmehr hatte Initiator Dr. Johannes Keppeler Leute aus der Praxis versammelt, die in mancherlei Formen der Flüchtlingshilfe erprobt sind und aus eigener Erfahrung wissen, wie es um den auf höherer Ebene gern zitierten Integrationsprozess an der Basis tatsächlich bestellt ist.

Das aktuelle Update steuerte Regine Fried bei, die beim Landkreis als Ehrenamts-Koordinatorin den seit einiger Zeit sehr ausgeweitetem Stabsbereich Migration verantwortet. Im gesamten Landkreis leben derzeit 1405 Flüchtlinge in Gemeinschaftsunterkünften – in der Spitze waren es 1632 –, weitere 280 sind in der kommunalen Anschlussunterbringung, Im Juni erwartet die Behörde überhaupt keine Neuzugänge, im Juli sollen maximal 30 weitere Flüchtlinge zugewiesen werden. Fried spricht von einer Verschnaufpause, will aber noch keine Entwarnung geben, denn „wir wissen nicht, was das zweite Halbjahr bringt“.

Nach gut zwei Jahren hat aus Sicht der Unteren Aufnahmebehörde nun die zweite Phase begonnen. „Die Willkommenskultur wandelt sich zur Bleibekultur,“ sagt Regina Fried und verweist auf die behördlicherseits unterstützten Integrationsbemühungen, die aber offenbar nicht immer im gewünschten Maße greifen.

Christine Mayer-Palaoro ist seit über 30 Jahren Lehrerin an der landkreiseigenen Technischen Schule und berichtet von einigen Hürden, die der erfolgreichen Arbeit in den drei Vorbereitungsklassen entgegenstehen, in denen vorzugsweise jungen Syrern und Afrikanern die ersten Deutsch-Kenntnisse vermittelt werden. So spricht sie von einer „unseligen“ Anordnung des Regierungspräsidiums, die es verhindert, unter 21-Jährige zu unterrichten, obwohl man noch Kapazitäten habe. „Was machen die anderen?,“ fragt nicht nur sie sich und kritisiert zudem, dass 100 Stunden Sprachunterricht bei weitem nicht ausreichend ist.

Wohnsituation vs. Ausbildung

Regina Fried verspricht in diesem Zusammenhang zwar Besserung – „wir wollen hier nachjustieren“ , muss sich aber darüber hinaus anhören, dass die Begleitumstände des Lernens in der Praxis bisweilen als inakzeptabel erachtet werden.

Die Lehrerin berichtet von Schülern, die ungeachtet der sich entspannenden Unterbringungs-Situation nach wie vor in der beengten Gemeinschaftsunterkunft in der Walther-Wolf-Straße einquartiert sind, wo viele junge männliche Asylbewerber festsitzen, die seit zwei Jahren auf ihre Anhörung warten, dort nicht selten durch- und herumhängen: eine Umgebung, in der es schwierig ist, überhaupt zum geregelten Schlaf zu kommen, was für einen Flüchtling wiederum Grundvoraussetzung ist, unter ohnehin erschwerten Bedingungen eine Ausbildung zu absolvieren. Und dann fragt sie sich, wie es zu bewerten ist, wenn fast eine dritte Vorbereitungsklasse wegbricht, weil die Flüchtlinge keine Fahrkarte kriegen...

„Da läuft noch viel nicht integrativ,“ urteilt Mayer-Palaoro und spricht auch die finanzielle Situation junger Flüchtlinge an. Zwei von ihnen sind mit im Saal des Katholischen Dekanatshauses anwesend, einer macht eine Kfz-Lehre, der andere startet gerade eine Altenpfleger-Ausbildung.

Nach dem Asylbewerberleistungsgesetz bekommt er 327 Euro im Monat, verdient jetzt 150 Euro und muss 100 Euro wieder ans Landratsamt zurückgeben, erzählt die Lehrkraft, die das nicht nachvollziehen kann und generell beobachtet, dass viele Flüchtlinge im gesellschaftlichen Leben nicht angekommen sind: Solange man in Diskotheken wie etwa dem Brenz-Club als Schwarzer keine Chance habe, hineinzukommen, könne man doch wohl von Integration nicht reden – eher schon bei Fußballmannschaften, wo die Afrikaner als gute Stürmer geschätzt würden, „da braucht man sie“.

Bürokratische und auch in Ressentiments begründete Hindernisse ortet auch Andreas Häußler, der als katholischer Diakon in Herbrechtingen mitten in der Flüchtlingsarbeit steht. Allein die rechtliche Situation, noch in den 1990er-Jahren festgeklopft, sei schwierig, stehe den Integrationsbemühungen entgegen, sagt er und spricht von einem Flüchtlingsverhinderungsgesetz. Aus seinem Alltag weiß er, wie wichtig etwa Freizeit- und Sportangebote für junge Flüchtlinge sind, die bei ihrem oft langen Aufenthalt in Massenunterkünften wenig Sinnstiftendes erleben.

Er selbst hat bislang nur gute Erfahrung mit Migranten gemacht, ist begeistert von der Gastfreundschaft dieser oft traumatisierten Menschen und spricht von einer beeindruckenden Hoffnungs-Perspektive: Vier Neugeborene gebe es allein in Bolheim, mindestens zwei in Herbrechtingen.

Das Problemfeld Abschiebungen

Flüchtlinge und die Ordnungsmacht: Auch da gibt's Berührungspunkte, aber weniger als bisweilen an Stammtischen diskutiert, wie Dieter Knolmar zu berichten weiß. Beruflich ist als Leiter des Polizeireviers Giengen unterwegs, darüber hinaus als zweiter Vorsitzender des Kirchengemeinderats Herbrechtingen engagiert.

Im Blick auf Flüchtlinge kann er keine Kriminalisierung feststellen, schon gar keine extreme. 2015 habe es 48 straffällige Asylbewerber im Kreis Heidenheim gegeben, in der Regel Ladendiebstähle oder Körperverletzungen untereinander. Auch will er nicht verschweigen, dass es in Unterkünften Gruppen gibt, die mit Drogenhandel zu tun haben, aber das soll's auch bei Deutschen geben. Aus Polizeiwarte sicht Sicht sieht er die Situation in den Landkreis-Unterkünften entspannt.

Dann kommt der Polizist auf die tendenziell wachsende Zahl von Abschiebungen zu sprechen, was auch für die Vollzugskräfte belastend ist. Im Bewusstsein, dass es keine humane Abschiebung gibt, verweist er auf die Vorgaben der Rechtssprechung, die keinen Spielraum lässt. Nachdem es bei einer solchen Abschiebungs-Aktion in Giengen – wie berichtet – zu einer Auseinandersetzung zwischen Polizeibeamten und einem Mitglied des Freun- deskreises Asyl gekommen war, hat man in Giengen einen Runden Tisch einberufen: „Damit wir voneinander lernen und wissen, wer welche Aufgaben hat – und dass es keine willkürlichen Zugriffe gibt.“

Welterfahrung ist Selbsterfahrung

Und dann ein weiterer interessanter Blickwinkel aus dem schulischen, diesmal gymnasialen Leben. Beigesteuert vom stellvertretenden Schulleiter Holger Nagel, der demnächst Carola Rochau an der Spitze des Hellenstein-Gymnasiums ablösen wird. Eines der Markenzeichen dieser traditionsreichen Schule ist die interkulturelle Bildung, die seit zehn Jahren in vielerlei Formen gepflegt wird, um erleb- und lebbare Antworten auf die gesellschaftliche Frage zu finden, wie wir in unserer Mitte mit Flüchtlingen umgehen.

Glaubte man bis vor kurzem noch, mit diesem globalen Lernen tatsächlich nachhaltig punkten zu können, muss man am HG offenbar lernen, dass die Stimmung gekippt ist, seit im vergangenen Jahr so viele Flüchtlinge gekommen sind, alles existenziell und konkret geworden ist.

Nagel spricht in diesem Zusammenhang von einem Rückfall in alte Verhaltensmuster, zählt etwa deutlich weniger Anmeldungen für die schulischen Austauschprogramme, die vielfältige Begegnung zwischen sozialen Kulturen ermöglichen sollen. Seine Hoffnung, das es wieder einen Umbruch geben wird, koppelt er an die Erkenntnis, dass Welterfahrung letztlich Selbsterfahrung ist. Und was den Umgang mit Flüchtlingen angeht, formuliert er schließlich einen ganz eigenen Wunsch: „Dass wir es schaffen, dass sie ihre Identität nicht aufgeben müssen, um integriert zu werden.“

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