Heidenheim / Manfred F. Kubiak  Uhr
Noch ist die Spielzeit 2014 nicht ganz vorbei, da steht bereits fest, was das Naturtheater in der Saison 2015 auf die Bühne bringen wird. Und zwar zunächst einmal eine faustdicke Überraschung.

Mit Arthur Millers „Hexenjagd“ nämlich wird ein Hauptstück auf den Spielplan gelangen, das man als kompletten Gegenentwurf zu dem bezeichnen könnte, was in dieser Beziehung in den vergangenen Jahren im Naturtheater zu sehen war. Was das Jugendstück anbelangt, so wird mit „Peter Pan“, inszeniert von Oliver von Fürich, einmal mehr eines der großen Werke der Kinderliteratur auf dem Schlossberg zu sehen sein.

Was nun allerdings die „Hexenjagd“ angeht, so steht mit der Kür dieses Dramas zum Hauptstück der Spielzeit 2015 ein, wenn man so will, regelrechter Paradigmenwechsel in der Spielplanpolitik des Naturtheaters an, die in diesem Jahrtausend bislang fast ausnahmslos auf Musicals oder Filmadaptionen fixiert und damit, was den Zuschauerzuspruch anging, immer gut bis grandios gefahren war. Ausnahmen waren die Jahre 2004 mit Carl Zuckmayers „Katharina Knie“ und 2010 mit dem auch von vornherein eher als Appetithappen und nicht als klassisches Schwergewicht konzipierten „Faust“, die beide allerdings eindeutig nicht zu Publikumsrennern wurden. Letztmals 1997 hatte mit „Hamlet“ ein nicht auch komödiantisch bekömmlicher Klassiker im Naturtheater auf dem Programm gestanden.

Erst recht in der Folge und im Kontext und der Gesellschaft von „Ich denke oft an Piroschka“ (2011), dem „Wirtshaus im Spessart“ (2012), von „Kohlhiesels Töchter“ (2013) und den „Blues Brothers“ (2014) wirkt nun Millers „Hexenjagd“, könnte man sagen, geradezu außerirdisch.

Was allerdings die Naturtheater-Vorsitzende Helga Banz wiederum nicht unterschreiben würde. Für sie ist die „Hexenjagd“ zunächst einmal ganz pragmatisch schlicht die Folge des Angebots. Des Angebots dessen, was zur Debatte stand, als über mögliche Stücke für die Spielzeit 2015 beraten wurde. „Und dabei haben sich Susanne und Ingo Schneider mit der ,Hexenjagd? durchgesetzt.“ Die Schneiders hatten zuletzt mit den Kinderstücken „Momo“ (2002) und „Pinocchio“ (2011) sowie mit dem Hauptstück „Ein Sommernachtstraum“ (2006) reüssiert. Was sonst noch zur Auswahl stand, möchte Helga Banz nicht verraten. „Diese Katze lassen wir nicht aus dem Sack.“

Weitergehende Überlegungen kann jeder für sich anstellen. Faktum aber bleibt: Verglichen mit den „Blues Brothers“ oder „Piroschka“, stellt Millers „Hexenjagd schon den sprichwörtlich harten Brocken und das für die große Naturtheaterbühne wohl ambitioniertestes Vorhaben seit Jahrzehnten dar. Das Stück, das auf wahren Begebenheiten basiert, spielt im Jahre 1692 in der Puritaner-Hochburg Salem im heutigen US-Bundesstaat Massachusetts, wo der Ortspfarrer seine Tochter und weitere Mädchen bei einer Art von okkultem Ritual überrascht. Persönliche Interessen und Intrigen führen zu Hetzkampagnen und Massenhysterie und in eine verbrecherische Katastrophe. „Hexenjagd“ kam 1953 am Broadway heraus und war, was man damals nicht erst zwischen den Zeilen herauslesen musste, Millers Kommentar zur Kommunistenjagd in der McCarthy-Ära.

Kein „Don Camillo“ also, das steht mal fest. Darüber, ob sie diese Art von Abwechslung aber nun bedauern oder sogar begrüßen, werden die Besucher der kommenden Saison mit den Füßen abstimmen. Interessant wird die Antwort auf diese Frage allemal sein: Goutiert das Publikum ein Drama von der Kragenweite der „Hexenjagd“ in ebensolchem Maße wie eine „Liselotte-Pulver-Trilogie“, oder war der Boom der vergangenen Jahre mit alljährlich neuen Rekordzahlen tatsächlich nur der Fokussierung auf die eher leichte Theater-Muse zu danken?

Interessante Frage, wie gesagt. Allerdings eine, die im Naturtheater weniger die Gemüter bewegt, als man dies außerhalb vielleicht vermutet. Und sollte sich das Publikum womöglich irritiert zeigen ob der doch eher unerwartet deutlich anders als mittlerweile gewohnt daherkommenden Programmplanung, „dann“, sagt die Naturtheater-Vorsitzende Helga Banz, „dann kann ich das dem Publikum nicht ersparen“.

Was sie nicht sagt, was man aber durchzuhören vermeint, ist, dass die noch bis Oktober amtierende Helga Banz und ihre Vorstandskollegen mit dieser Entscheidung doch auch schon mal klarstellen wollten, dass es sich beim Naturtheater nicht um einen Unterhaltungs-, sondern schon auch um einen seriösen Theaterverein handelt, der nicht nur und für immer auf einer Schiene fahren oder am Ende noch in einer einzigen Schublade festgenagelt werden möchte.

„Vielleicht war es mal an der Zeit, was anderes zu machen“, sagt dann Helga Banz noch und lässt solchen Interpretationen damit durchaus Raum. „Und vielleicht ist es auch mal für die Schauspieler ganz gut.“ Zumal diese in den vergangenen Jahren dank der riesigen und zwangsläufig nach immer mehr Vorstellungen verlangenden Erfolge auch regelmäßig ans Limit und darüber hinaus gegangenen waren.

Den Beweis dafür, dass man sich im Naturtheater auch vom Erfolg nicht dazu verleiten lässt, sich lediglich über die Besucherzahlen zu definieren, hat man mit dieser Spielplanentscheidung jedenfalls geführt. Da ist genügend gesundes Selbstbewusstsein zu spüren. Und so klingt auch Helga Banz: „Ich bin jedenfalls gespannt, was auf uns zukommt.“

Zunächst mal, das kann man auch vor dem Spielzeitende 2014 an diesem Samstag prophezeien, wohl wieder ein paar prächtige Besucherzahlen. Bilanz gezogen wird nächste Woche.