Heidenheim / Siglinde Broich-Bernt  Uhr
Auf dem Schlossberg weht ein scharfer Wind. Drei Grad Außentemperatur gibt das Thermometer an. Ungeachtet dessen hat sich eine Schlange von Wartenden vor dem Kassenhäuschen im Naturtheater Heidenheim gebildet. Am Montag um 9 Uhr hat der Vorverkauf für die Sommerspielzeit 2014 begonnen.

Für Ruth Dimter und Stefan Feth heißt es, die Nerven zu behalten und sich aufs Äußerste zu konzentrieren, auch wenn die beiden wissen, was die vermummten Gestalten, die mit Mützen, Schals, Kapuzen und Handschuhen ausgestattet sind, wirklich wollen: Karten für „Pippi Langstrumpf“ und „The Blues Brothers“, erste Reihe, Block D.

Für zwei Plätze stellt sich hier kaum jemand an. Sechs, acht, zehn Tickets sind an der Tagesordnung. „Ach, bitte vier Karten fürs Kinderstück am 4. Juli.“ „4. Juli? Das ist ein Freitag“, stellt Ruth Dimter schnell fest. „Pippi“ wird nur mittwochs und sonntags aufgeführt. Sollen wir dann den 6. nehmen?“, hakt die Mitarbeiterin des Naturtheaters geduldig nach. „Gut, wenn es anders nicht geht. Aber dann doch bitte Karten in der Mitte.“

Im Moment sind derartige Wünsche noch zu erfüllen. Doch von Minute zu Minute schrumpft die Chance, die Nase jetzt und später bei den Aufführungen ganz vorne zu haben. Zeitgleich hängt nämlich Stefan Feth am Telefon und bucht fleißig ein. „Ja. Verstehe. Mittelblock.“

Und so nimmt er, wie es scheint, die Großaufträge entgegen (30, 40 Tickets sind keine Seltenheit) und wenn es denn sein muss, auch Reservierungen. „Bis Anfang Juli muss ich es aber verbindlich wissen“, klärt er den Telefonkunden auf und bucht.

„Dankeschön und viel Spaß.“ Hörer auflegen, Hörer abnehmen. Und brav und professionell die Begrüßungsfloskel: „Naturtheater Heidenheim, mein Name ist Feth.“ Die Frage: „Was kann ich für Sie tun“, kann er sich ersparen. Alle Anrufer wollen schließlich nur das Eine.

Am Nebentisch bleibt die Kollegin gleichbleibend freundlich, sieht die Zuschauer in spe mit Flyern, Terminkalender und Geldscheinen jonglieren. Nicht immer geht es zügig. „Wissen Sie, ich habe so kalte Hände.“ Zum Trost und zur Aufmunterung, gibt es für die Schlangesteher nach vollzogenem Kauf einen kleinen Schokoladennikolaus.

Die nette Geste kommt gut an. Der eine lässt den süßen Flachmann in der Manteltasche verschwinden, der andere zieht dem Kerl, der am 6. Dezember seinen großen Tag hat, respektlos das Silberpapier vom Leib und beißt ihm den Kopf ab.

Draußen wird überlegt, ob man nicht doch besser über Internet gebucht hätte oder in die Stadt zum Pressehaus oder zur Touristinformation gegangen wäre, denn auch da ruft das Personal minütlich die Sitzpläne auf und sieht mit an, wie kontinuierlich die gelben, grünen und roten Plätze die Farbe wechseln. Was grau erscheint, ist schon nicht mehr zu haben.

Das rosige Gesicht einer jungen Mutti wird just in diesem Augenblick fahl. „Karte nicht lesbar“, lautete die nüchterne Information hinter der Glasscheibe. Doch beide Seiten geben so schnell nicht auf. Nachdem ein weiterer Versuch scheitert, schließlich das wiederholte Reiben der EC-Card am Baumwolloberteil den erwünschten Erfolg bringt, muss dafür aber mindestens die Geheimzahl her. Da das Lesegerät nicht durchgereicht werden kann, flitzt das einerseits nervöse, andererseits erleichterte Familienoberhaupt um die Ecke und rein in die Vorverkaufsstelle. Preis eingeben, bestätigen, Geheimzahl eingeben, bestätigen, Quittung ausspucken, Karten kontrollieren, Schoki aushändigen. Geschafft.

Nein. Ein Weihnachtsgeschenk wird das nicht. „Das gönnen wir uns selbst“, verraten die Großeltern, die sich geduldig vorgearbeitet haben. Alle Jahre wieder. Für die Zeit, wenn auf dem Schlossberg ein laues Lüftchen weht, die Quecksilbersäule steigt und das Eis schmilzt. Und zwar auf der Zunge.