Heidenheim Physiotherapeuten: Nachwuchs gibt's nicht auf Rezept

Marie Schübel hat sich aus Überzeugung für den Beruf der Physiotherapeutin entschieden. Die Branche tut sich zunehmend schwer, Nachwuchs zu finden
Marie Schübel hat sich aus Überzeugung für den Beruf der Physiotherapeutin entschieden. Die Branche tut sich zunehmend schwer, Nachwuchs zu finden © Foto: Markus Brandhuber
Heidenheim / Michael Brendel 29.07.2018
Physiotherapie-Praxen tun sich immer schwerer damit, Stellen zu besetzen. Besonderes Problem: Die Ausbildung findet nicht im Haus, sondern in externen Schulen statt.

Verkehrte Welt: Während sich Arbeitgeber den Nachwuchs früher aus vielen Kandidaten aussuchen konnten, sind Bewerber heute Mangelware. In jeder dritten Firma bleiben Ausbildungsplätze unbesetzt. Für Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, ein Grund, den Finger zu heben: „Deutschland gehen die Fachkräfte aus.“

Dabei sehen sich nicht nur Firmen mit dem Problem konfrontiert, die selbst ausbilden. Betroffen sind beispielsweise auch Physiotherapie-Praxen. Die jungen Menschen, die dort ihre Laufbahn beginnen wollen, haben ihre Ausbildung zuvor meist bei den wenigen staatlichen oder an einer der vielen privaten Schulen absolviert. An letzteren sind monatlich bis zu 400 Euro Schulgeld zu entrichten. Bis zur Prüfung nach drei Jahren, für die es keinen einheitlichen Anforderungskatalog gibt, kommen so schnell 15 000 Euro zusammen.

Teure Zusatzqualifikationen

Damit nicht genug: Manche Zusatzqualifikation, die im Tagesgeschäft vorausgesetzt wird, schlägt ebenfalls mit einer erheblichen Summe zu Buche. Für ein vierwöchiges Blockseminar in manueller Lymphdrainage sind 2000 Euro fällig, und längst nicht jeder Arbeitgeber beteiligt sich an den Kosten.

Während in vielen Zweigen gute Ausbildungsvergütungen gezahlt werden, starten die Physiotherapeuten also mit einer Hypothek, die bei Einstiegsgehältern von 2000 bis 2300 Euro brutto erst einmal abgebaut werden will. Die Verdienstmöglichkeiten hängen maßgeblich von den Erlösen der Praxen ab, diese wiederum von den Vergütungssätzen, die mit den Krankenkassen für die einzelnen Heilmittel ausgehandelt wurden. Diese Vorgabe macht es unmöglich, die Preise nach Belieben zu erhöhen. Beispielsweise erstattet die AOK derzeit 19,33 Euro pro Krankengymnastik-Anwendung, bei Massagen sind es 13,29 Euro.

Variable Behandlungsdauer

Mögliche Stellschraube: die Behandlungsdauer. Sie darf bei der Krankengymnastik 15 Minuten nicht unterschreiten. Wer sich dafür entscheidet, kann in einer Stunde vier Patienten behandeln und erlöst damit entsprechend mehr als derjenige, der 20 Minuten und damit drei Patienten wählt.

Für René Lieberwirth, Geschäftsführer der Iatros Krankengymnastik GmbH, einer der größten Physiotherapiepraxen in Heidenheim, eine Frage der Qualität: „Es kann nicht das Ziel sein, die Patienten im Akkord durchzuschieben. Das wäre ein K.-o.-Kriterium für jedes Unternehmen.“

Höhere Vergütungssätze gefordert

Wie viele seiner Kollegen setzt auch Lieberwirth deshalb auf eine Erhöhung der Vergütungssätze. Die zuletzt beschlossene Anhebung um 30 Prozent binnen drei Jahren klinge zwar zunächst nach viel, „es ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn man bedenkt, dass es davor lange Zeit nur um Cent-Beträge ging“.

Als Nachteil erweist sich, dass Physiotherapeuten nicht kammergebunden sind. Bei bundesweit mehr als drei Dutzend verschiedenen Verbänden lässt sich im Unterschied zu anderen Branchen wenig Schlagkraft aufbauen.

Vielleicht deshalb haben sich jüngst Einzelpersonen mit Forderungen hervorgetan. Einer davon ist der selbstständige Physiotherapeut Heiko Schneider. Er fuhr mit dem Rad quer durch Deutschland, sammelte Stellungnahmen von Kollegen, und überreichte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) einen Brandbrief. Wesentliche Forderungen: Schulgeld abschaffen, Fortbildungen in die Ausbildungen integrieren, Behandlungssätze und Gehälter anheben, Bürokratie abbauen.

All dies soll dazu führen, dass sich entgegen dem Trend wieder mehr Menschen für den Beruf des Physiotherapeuten entscheiden. Zahlen der Bundesagentur für Arbeit belegen, dass es durchschnittlich 151 Tage dauert, bis eine offene Stelle wieder besetzt ist.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel