Heidenheim Nabucco-Premiere: Vorhang zu - und Fragen offen

Heidenheim / Manfred F. Kubiak 02.07.2018
Regen aus heiterem Himmel, trotzdem zwei Abende draußen im Rittersaal und eine dicht und spannend neu erzählte Geschichte, die dennoch Fragen offen lässt.

Oft klingt's aus dem Orchestergraben immer dann besonders lustig, wenn's auf der Bühne gerade gefährlich wird. Das ist der Grund, weshalb die Musikwissenschaft, was den frühen Verdi anbelangt, gern die Inkongruenz von Text und Musik diskutiert. Und wenn sich dann dazu noch eine Inkongruenz von Text und Szene hinzugesellt, kann das heikel werden.

Aber wir greifen vor. Prima la musica, da gab es für Verdi zeitlebens keine zwei Meinungen: zuerst die Musik. Und hier haben wir es bei „Nabucco“, Verdis erst dritter Oper, seinem Comeback-Hit nach dem vermeintlich frühen Ende einer Karriere, von der noch gar keine Rede gewesen war, mit dem Sturm- und Drang-Stück des jungen Giuseppe zu tun. Sagt man. Hört man auch oft so, weil Verdis angeblich „lauteste“ Oper gern schlicht durchgefetzt wird.

Nicht so in Heidenheim, wo sich Marcus Bosch und die Stuttgarter Philharmoniker der Sache annehmen. Denn hier bedeutet, wenn wir dabei bleiben wollen, Sturm und Drang vor allem die Kenntlichmachung dessen, dass sich Verdi bei „Nabucco“ auch schon dahingehend Gedanken gemacht hat, wie denn eine Oper anders als in bloßer Aneinanderreihung von musikalischen Nummern funktionieren könnte.

Und so erlebt man in Heidenheim „Nabucco“ eben nicht als bläserlastige Dauerattacke mit einer gemütlichen Schunkelpause, wenn der „berühmte“ Gefangenenchor abschnurrt, sondern als ungemein farbenreiches, dynamisch sehr subtil ausgemaltes, an Zwischentönen interessiertes, auf präzise Artikulation setzendes, unterm Strich, aber nie aus Selbstzweck, auch Üppigkeit lebendes Orchesterbild, das einen von der Ouvertüre weg packt und dann keine Sekunde mehr loslässt.

Zu erlauschen, ja mitunter sogar zu erahnen gibt es auch wieder eine Reihe dieser exquisiten Pianissimi, die Bosch so gern scheinbar aus dem Hut zaubert, obwohl sie, was man nicht in allen Interpretationen zu hören bekommt, tatsächlich ja so in der Partitur stehen. Und wenn ihm an dieser Stelle bereits einmal nachgesagt wurde, dass sein Dirigat imstande ist, den Atem der Musik hörbar zu machen, dann gilt das auch bei seinem „Nabucco“, dem darüber hinaus diese durchhörbare Komplexität, diese kernige Zartheit eignet, die Bosch herzustellen imstande ist, wenn ihm ein Orchester wie hier die Stuttgarter Philharmoniker zur Seite steht, das vor Spiellaune nur so sprüht und für das Flexibilität kein Problem, sondern eine Freude ist.

Am Samstag bei der zweiten Vorstellung übrigens sogar noch deutlich mehr als tags zuvor bei der Premiere. Was man sicher der hohen Luftfeuchtigkeit ankreiden kann. Die hatte nach dem eine Stunde vor Beginn aus heiterem Himmel geplatzten Regenguss die Atmosphäre im Rittersaal nicht mehr aus ihrem den Orchesterinstrumenten alles andere als zuträglichen glitschigen Griff gelassen. Wobei man auch sagen darf, dass unter solchen Umständen die Intonation im Orchestergraben am Premierenabend dennoch aller Ehren wert gewesen war.

Keinen leichten Stand hatte am Freitag auch das singende Personal. Eigentlich auf acht Uhr, den vermeintlichen Beginn der Premiere fokussiert, musste es stattdessen eine halbe Stunde hinter den Kulissen zunächst den heldenhaften Einsatz der eigentlich nicht genug zu rühmenden Wasserstopper und Elektriker abwarten, ehe es losgelassen werden konnte. Unter diesen Umständen die Spannung aufrechtzuerhalten, ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Und insofern verwunderte es nicht, dass fast alle Mann – und auch fast alle Frauen – sich die notwendige Spannung draußen auf der Bühne erst einmal wieder erarbeiten mussten.

Als Ausnahmen glänzten Antonio Yang, als Sänger an den meisten Tagen ein regelrechtes Naturereignis, und Katerina Hebelkova, eine Mezzosopranistin mit unermesslichem Gestaltungsvermögen – und so sicher wie die Bank von England. Yangs prächtig geführter Bariton hatte nur eine Schrecksekunde im vierten Akt zu überstehen und war ansonsten jedweder Wucht, aller äußeren Härte, inneren Verwundbarkeit und auch dem Elend des Nabucco mehr als nur gewachsen.

Pavel Kudinovs Zaccaria hingegen benötigte am Premierenabend ebenso eine gewisse Anlaufzeit wie Adrian Dumitrus Ismaele. Der Rumäne verfügt über einen mitunter leicht gepresst wirkenden, dafür bemerkenswert robust klingenden Tenor, der in Heidenheim in einem Fach erklingt, das sicherlich nicht das ist, auf das er zustrebt. Ganz im Gegensatz etwa zu seinem Landsmann Marian Talaba, der am Samstag als Ismaele zu erleben war und dessen Tenor diese leicht schluchzende Belcanto-Note einbringen kann, die bei Ismaele sicherlich angebrachter ist als bei Otello, zumal der „Nabucco“, trotz allen Sturms und Drangs, Donizetti oder Rossini ja erst noch zu überwinden versucht und deshalb sein Aufbauen auf die Musik der alten Meister nicht grundsätzlich abstreitet.

Welchen Unterschied indes es machen kann, wenn man ohne außermusikalische Ablenkung in eine Vorstellung gehen kann, war dann am Samstag nicht zuletzt bei

Pavel Kudionov zu beobachten, dessen profunder Bass hier von Beginn an den kernigen Biss hatte, den er sich am Premierenabend erst wieder hatte herbeisingen müssen.

Ähnlich ergangen war es da Ira Bertman, die ebenfalls den ersten Akt benötigt hatte, um wieder auf Betriebstemperatur zu kommen. Ihrer Abigaille, immerhin eine der schwierigsten Partien des dramatischen Sopranfachs, ging zunächst ein wenig das saubere Passagio ab, der Übergang vom Kopf- ins Brustregister und zurück; auch die Koloraturen kamen eher unausgemalt, während das Zupacken und Standhalten in der Höhe keine Wünsche offenließ.

Den Sieg im Wettstreit der „bösen Soprane“, auch so eine Erfindung Giuseppe Verdis, trug am ersten „Nabucco“-Wochenende allerdings Astghik Khanamiryan davon, die am Samstag als Abigaille eine Galavorstellung mit allem Drum und Dran dieser zwischen Abgründen und Höhenflügen halsbrecherisch notierten Partie gab. Auch darstellerisch, wenngleich hier Ira Bertman womöglich sogar einen Tick kesser zu Werke ging, wobei, was an Rollengestaltung von den Solisten – auch die kleinen Partien sind exquisit, eigentlich sogar schon überbesetzt – geboten wird, formidabel ist.

Galavorstellung am Samstag

Dies gilt nicht zuletzt auch für die Akteure des Philharmonischen Chors aus Brünn, deren Spielfreude selbst in kleinsten Details immer wieder frappiert. Und was sie musikalisch in die Waagschale zu werfen imstande sind, macht selbstverständlich wieder baff. Minimalste dynamische Unterschiede werden da selbst in kurzen und kürzesten Phrasen nicht nur noch gestaltet, sondern sind mit einer Präzision und Prägnanz versehen, die man kaum glauben mag. Und der Gefangenenchor, diesmal eher als Art Monolog in den Gedanken eines in sich selbst gefangenen Nabucco aufgeführt, klingt eben nicht berühmt, sondern wie gestern komponiert. Durch die Lochblechverkleidung des sehr, sehr überzeugenden Bühnenbilds von Harald B. Thor gesungen, erhalten die Chorbeiträge ohnehin noch eine gewisse Surround-Note, die eine zusätzliche Sound-Pikanterie mit ins Spiel bringt.

Womit wir schließlich auf der Szene dieses „Nabucco“ angelangt wären. Und beim Thema Kongruenz. Regisseurin Helen Malkowsky hatte angekündigt, das erzählen zu wollen, was nicht im Libretto drin steht. Da hält sie Wort. Beim Ausloten des Raums zwischen den Zeilen der Geschichte, blendet sie dabei allerdings auch mitunter aus, was drin steht. Und so kommt es am Ende dazu, dass in diesem „Nabucco“ nicht immer drin ist, was draufsteht.

Und noch etwas hatte Helen Malkowsky im Vorfeld durchblicken lassen: Idealerweise strebe sie an, dass man der von ihr erzählten Geschichte auch folgen könne, wenn die Übertitel ausfielen. Hier wiederum sieht man sich in der Praxis dann der Überraschung ausgesetzt, dass man der Geschichte, die sie erzählt, ganz ohne Übertitel sogar besser, auf jeden Fall sorgloser folgen könnte.

Denn eigentlich erzählt Helen Malkowsky ja nicht den „Nabucco“ des Librettos von Temistocle Solera, das Giuseppe Verdi vertont hat, sondern den „Nabucco“ von Helen Malkowsky, für den es passenderweise bereits eine Musik von Giuseppe Verdi gibt. Denn dass Helen Malkowskys Inszenierung auf Verdis Partitur passt, daran gibt es keinen Zweifel. Helen Malkowsky ist eine eindeutig musikalische Regisseurin, was nicht nur, aber exemplarisch an der Szene abzulesen ist, wenn Nabucco mit seinem Krückstock ein Marschtänzchen wagt.

Helen Malkowsky ist auch eine Regisseurin, die viel von Personenführung versteht, was nicht zuletzt in den Chorszenen auf offener Bühne augenfällig wird. Und insgesamt erzählt sie eine Geschichte, die so dicht und spannend rüberkommt, wie man sich das nur wünschen könnte, wenn man nicht den Verdacht hegen würde, dass sie, alles in allem, das, was sie eigentlich hätte vorfinden müssen, nicht als Gerüst für ihre eigenen Ideen innerhalb der ursprünglichen Geschichte benutzt, sondern diese, letztendlich auch ein wenig zulasten des Ganzen, vielmehr in den Dienst ihrer eigenen Ideen stellt.

Und Ideen hat Helen Malkowsky viele. Es findet sich keine einzige schlechte darunter, damit wir uns richtig verstehen. Aber zu viele davon oktroyieren oder unterstellen dem gesungenen Text etwas, was darin nicht enthalten ist. Der Gipfel dieses Selbstbewusstseins ist der Umstand, dass im Programmheft unter der Handlung von „Nabucco“ Helen Malkowskys Geschichte zu finden ist und nicht die Zusammenfassung des Librettos. So konterkariert die Regisseurin die mit dem stummen Loblied auf eine objektive Berichterstattung einhergehende, ebenfalls in ihre Geschichte eingepflegte Medien-Kritik. Denn wer zuvor noch nie von „Nabucco“ gehört hatte, nimmt nun die Interpretation für die Wahrheit.

So ist, wenn man will, in diesem Sinne durchaus mit angemessener Vorsicht zu betrachten, was Helen Malkowsky uns in Heidenheim immer spannend und dankenswerterweise auch auf unsere heutige Lebensrealität bezogen von einem bitterbös aus dem Ruder laufenden Familienfest aus religiösem Anlass im nach wie vor bombengefährlichen Israel unserer Tage berichtet, auf dem eine auch in Glaubensfragen nicht durchgehend auf einer Wellenlänge befindliche Familienbande zu allem fähig ist und verwirrend, auch verlogen geknüpfte Familienbande genauso platzen wie auf Halbwahrheiten und Unausgesprochenes gebaute Träume.

Blutiges Familienfest

Wenn wir uns schließlich aber dennoch fragen, wer letztendlich dieser renitente, als politischer Provokateur angetretene und an Körper und Geist behinderte Opi im Rollstuhl nun wirklich ist, der hier als Nabucco vorgestellt wird, dann liegt das daran, dass sich Helen Malkowskys Story nicht nur mit dem Text der ursprünglichen Geschichte schwertut, sondern, so wie diese auch, mit der durchgehenden Logik des Verhandelten.

Denn spätestens dann, wenn in den Breaking News dieser Inszenierung die Nachrichten vom Ableben eines Königs die Rede ist und von der Frage, wer ihm denn wohl auf dem Thron folgen könnte, dann bekommt man das – zumal die Handlung im Programmheft ausdrücklich ohne König auskommt – nur noch mit wohlwollender Phantasie mit der Familienfeier unter einen Hut, an deren Ende jemand anderes stirbt als sonst üblich und jemand als Erbe proklamiert wird, den es nur bei Helen Malkowsky gibt.

Und was ist es, was der Opi zu vererben hat und eine Tochter dazu anstiftet, den Vater entmündigen lassen zu wollen, die andere zur Witwe macht und einen Mord lohnt, den der Rest der Bande zum eigenen Frommen akzeptiert?

Der Vorhang zu – und Fragen offen. Nicht die uninteressanteste Art, einen Opernabend zu beenden.

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