Heidenheim Draufgeblickt (21): Musik in mittelalterlichem Gemäuer

Heidenheim / Joelle Reimer 22.08.2018
Ein alter Baum, der weichen musste, und ein neuer Treppenaufgang: Im Laufe der Jahre hat der Rittersaal für die Opernbesucher an Platz, Komfort und Sicherheit gewonnen.

Kaum sind die Besucher von ihrem Platz auf der Tribüne aufgestanden, sind die Stufen zum Ausgang neben dem Turm an der Nordseite hinauf- und außerhalb des Rittersaals wieder hinuntergelaufen und haben sich mit einem Getränk im Schlossgarten eingefunden, heißt es schon wieder: zurück auf die Plätze – weiter geht's.

Stau am Ein- und Ausgang

Die Rede ist von den Heidenheimer Opernfestspielen. Genauer gesagt: von der Pause während einer Vorstellung. Denn so schön der Rittersaal auf Schloss Hellenstein als Spielort auch sein mag, lässt sich doch nicht abstreiten, dass die Verhältnisse, nun ja – beengt sind. Die Gäste der unteren Sitzreihen strömen am Orchestergraben vorbei zum Ausgang an der Ostseite, die der oberen Reihen nehmen den eben beschriebenen Ausgang am Turm, und doch stockt und staut es auf beiden Seiten. Schließlich sind es ganze 860 Plätze, die der Rittersaal bietet. Kaum auszudenken, wie das bei nur einem Ein- und Ausgang wäre...

Doch Moment. Ein Blick ins Archiv verrät, dass es gar nicht so lange her ist, als genau das der Fall war. Bis zur Spielzeit 2012 drängten sich tatsächlich alle Gäste durch die einzig vorhandene Öffnung an der Ostseite. Damals gingen sogar Besucher gar nicht erst in die Pause, weil es sich zeitlich nicht gelohnt hätte. Offiziell sind dort zwar mit dem Auf- und Abgang A und B zwei Zugänge ausgewiesen, so Kulturamtsleiter Matthias Jochner, faktisch aber liegen diese direkt beieinander, sodass sie oft als nur ein Eingang wahrgenommen werden. Doch die Entscheidung für das neue Treppenhaus wurde nicht nur aus Gründen des Komforts getroffen: Mit dem zusätzlichen Notausgang bietet der Rittersaal seit 2012 auch mehr Sicherheit. Manch einem war nämlich im Jahr zuvor schon flau im Magen geworden, als bei der „Fidelio“-Premiere ein Gewitter knapp am Rittersaal vorbeigezogen war – eine Räumung des Saals wäre kein Vergnügen geworden.

Etwas flau war sicherlich auch den Verantwortlichen der Opernfestspiele zumute angesichts dessen, dass für den neuen Zugang ganze 40 Sitzplätze geopfert werden mussten – immerhin: bei zehn Vorstellungen bedeutete das 400 verkaufte Karten weniger.

Esche weg, Sitzplätze dazu

Das Treppenhaus war nicht die erste Änderung im Rittersaal. Bereits 2010 wurde ins Raumbild eingegriffen: 160 Jahre alt war die Esche neben dem Turm, als sie schließlich zu morsch und deshalb gefällt wurde. „Das brachte uns etwa 80 Plätze mehr, was aber bedeutete, dass die Eingänge A und B noch stärker belastet wurden“, so Jochner. Auch im Hinblick darauf drängte sich die neue Lösung mit dem Treppenhaus an der Nordwand geradezu auf. „Ansonsten aber sieht der Rittersaal seit eh und je gleich aus“, sagt Jochner. Nur mit der Position der Bühne habe man experimentiert; es soll Jahre gegeben haben, als Bühne und Tribüne um 180 Grad gedreht waren, die Bühne also am Turm stand und die Tribüne dort, wo sich heute die Bühne befindet. Geht man weiter in der Geschichte zurück, wird es spekulativ: Alles, was überliefert ist, ist der mittelalterliche Ursprung der Heidenheimer Schlossmusik, als Minnesänger im Burghof musiziert haben sollen.

Genau diese Tradition wurde 1964 mit der ersten Schloss-Serenade wiederbelebt. Dann dauerte es nicht lange – genauer gesagt bis zum Jahr 1977 – da folgte nach kleineren Singspielen mit der „Entführung aus dem Serail“ die erste größere Oper im Rittersaal. Und nächstes Jahr darf man gespannt sein, ob sich die „Pique Dame“, eingerahmt von den steinernen Mauern, dort ebenfalls wohl fühlt.

Schloss Hellenstein und der Rittersaal: damals und heute

Das Schloss Hellenstein mit dem Rittersaal ist Wahrzeichen Heidenheims in 74 Meter Höhe auf dem Hellensteinfelsen.

Gebaut wurde die Stauferburg zwischen 1130 und 1145. 1530 wurde sie bei einem Brand zerstört; nur der Rittersaal blieb übrig.

Herzog Friedrich I. von Württemberg ließ dort ein Renaissanceschloss bauen. Ab 1837 begann man damit, die Anlage zu sanieren.

Im Fruchtkasten des Schlosses befindet sich inzwischen das Museum für Kutschen, Chaisen und Karren.

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