Gericht Mordfall Bögerl: Betrüger linkte Soko

„Aktenzeichen XY...ungelöst“: Nach der im September 2012 ausgestrahlten ZDF-Sendung griffen viele Hinweisgeber zum Telefon, doch manche – darunter auch ein Falschinformant – wählten die Möglichkeit, über Internet und anonym mit den Ermittlern in Kontakt zu treten.
„Aktenzeichen XY...ungelöst“: Nach der im September 2012 ausgestrahlten ZDF-Sendung griffen viele Hinweisgeber zum Telefon, doch manche – darunter auch ein Falschinformant – wählten die Möglichkeit, über Internet und anonym mit den Ermittlern in Kontakt zu treten.
Heidenheim / Erwin Bachmann 05.11.2013
Die Handlung war dreist und dumm zugleich. Aber doch so raffiniert, dass die Polizei auf die Masche eines Lügners und Betrügers herein fiel, der die Ermittler im Mordfall Bögerl über Monate mit falschen Hinweisen versorgt und gehörig an der Nase herumgeführt hat. Jetzt aber rächt sich die Justiz.

Betrug und Erpressung gehören zum kriminalistischen Alltag. Doch was sich ein 40-jähriger Mann aus Giengen geleistet hat, fällt voll aus dem gewohnten Rahmen, und dementsprechend wiegt auch die nunmehr vorm Amtsgericht Heidenheim ausgesprochene Strafe durchaus schwer. Der Familienvater, der Vater Staat abgezockt und im Fall Bögerl falsche Fährten gelegt hat, kassierte eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und damit ein Strafmaß, das nicht mehr zur Bewährung ausgesetzt werden kann. Und auch nicht sollte, wie Staatsanwalt Armin Burger deutlich machte, dessen Antrag noch um acht Monate über dem im Urteil festgelegten Strafmaß gelegen hatte. Denn: „Das ist ein perfides Spiel gewesen.“

Was da geschehen ist, fügt sich zu einer unglaublich skurrilen Geschichte, die dem Bekunden des Angeklagten zufolge in einem Herbrechtinger Spielcasino ihren Anfang genommen hat. In dieser Umgebung will er im vergangenen Jahr das verdächtig klingende Gespräch zweier als Rumänen beschriebene Männer belauscht haben. Es fallen so bedeutungsschwangere Sätze wie „Hast du die Sachen von der Frau Bögerl entsorgt?“, was in ihm – so die Vermutung von Richter Eberhard Bergmeister – den Jagdinstinkt weckt. Im Bestreben, mehr zu erfahren und zur Auflösung des Mordfalls beizutragen, treibt der Giengener sich tagelang in allen möglichen Spielcasinos herum, doch die Hoffnung, neuerlich auf die beiden Unbekannten zu treffen, erfüllt sich nicht.

Er nennt sich Tom

Der 9. September 2012 markiert das Datum, an dem sich die Spirale zu drehen beginnt. Der selbsternannte Fahnder nutzt die nach der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY...ungelöst“ gebotene Möglichkeit, über ein von der Soko „Flagge“ eingerichtetes Hinweisgeber-System auf anonyme Weise Kontakt mit den Ermittlern aufzunehmen. Er nennt sich Tom und signalisiert, im Besitz konkreter Erkenntnisse, gar Beweismittel zu sein. Immer wieder klopft er auf dieser internetbasierten Kommunikationsplattform an, meldet sich Tag und Nacht und schafft es tatsächlich, das Interesse der verzweifelt nach Spuren suchenden Fahnder zu wecken. Die drängen Tom, mehr und vor allem Konkretes zu liefern, doch der tut sich schwer, spielt auf Zeit, hält die geköderten Ermittler in der Erwartung, demnächst tatsächlich Ross und Reiter nennen zu können.

Der selbst geschaffene Druck wächst. In dieser Situation hat Tom die Idee, eine weitere, frei erfundene Person ins Spiel zu bringen. Er empfiehlt der Polizei, mit einem Mann namens Josef Kontakt aufzunehmen, der schon früher in einem vom Zoll geführten Ermittlungsverfahren als Vertrauensperson aufgetreten, von daher auch amtsbekannt sei – was insofern richtig ist, als der sich Tom nennende Informant wirklich schon einmal mit den Ermittlungsbehörden zusammengearbeitet hat. Auf diese Weise kommen die Soko-Angehörigen tatsächlich mit dem real existierenden Josef zusammen, der aber in Wirklichkeit Tom, also ein und dieselbe Person ist, unter zwei verschiedenen Identitäten auftritt und in wechselnder Rolle die Fäden zieht: Als Tom sagt er, „dazu müsst ihr Josef fragen“ – als Josef behauptet er, „das weiß alles der Tom“.

Der Kripo Beweise zum Kauf angeboten

Tom und Josef entwickeln sich zum Dream-Team, das es nun bunt zu treiben beginnt. Als Josef gelingt es dem Angeklagten erneut, sich als Vertrauensperson – von Insidern VP genannt – in das laufende Ermittlungsgeschehen einzuführen. Mit diesem von der Staatsanwaltschaft gewährten Status genießt er die Zusicherung der Vertraulichkeit und den besonderen Schutz einer Verbindungsperson, die den Strafverfolgungsbehörden Informationen gibt und deren Identität grundsätzlich geheimgehalten wird. Unter diesem Schirm tobt sich das Ein-Mann-Duo „Tom und Josef“ nun richtig aus, bietet den Ermittlern Infos und Beweismittel zum Kauf an und droht mit deren Vernichtung, sollte nicht gezahlt werden. Tatsächlich fließt Geld, und als Gegenleistung werden unter anderem 25 elektronisch abgespeicherte Fotos, darunter ein angebliches Leichenbild, geliefert, die sich aber als ebenso wenig tatrelevant erweisen wie auch eine angeblich vom Täter stammende Uhr. Darüber hinaus behauptet der Hinweisgeber, im Besitz des Tatmessers, eines blutverschmierten Handschuhs von Maria Bögerl, einer Zigarettenkippe vom Mörder sowie eines Stückes einer Folie zu sein, mit der die Leiche verpackt war.

Dazwischen ranken sich regelrechte Räubergeschichten. Tom – oder Josef? – erzählt von einem Deutschen und zwei Russen, die er am 12. Mai 2010, dem Tag der Bögerl-Entführung, von Neresheim nach Nattheim gefahren haben will und die bei dieser Gelegenheit tatrelevante Utensilien aus dem Auto geworfen hätten. Um es auf die Spitze zu treiben, benennt der Informant die aus dem Internet geholten Namen ihm wildfremder, aber real existierender Männer, gegen die dann in der Folge erst mal ermittelt worden ist. Darüber hinaus zieht er weitere unschuldige Personen, auch aus dem Umfeld der Black Jackets, in die Sache hinein, benennt zudem eine willkürlich auserwählte Frau, der er ein Verhältnis mit dem später verstorbenen Thomas Bögerl unterstellt.

5000 Euro, um den Informanten bei Laune zu halten

Der Geschichtenerzähler lässt nichts aus, bevor er im April dieses Jahres auffliegt, nachdem die Ermittler immer misstrauischer geworden sind, die an Vertrauen verlierende Vertrauensperson selbst beschattet und schließlich zugegriffen hatten. Bis dahin waren neben einer Unmenge Unsinn im Gegenzug rund 5000 Euro geflossen. Zum einen, um den Informanten bei Laune zu halten, zum anderen stand dem VP eine Aufwandsentschädigung zu. Und Aufwand hatten sowohl der falsche Fährtenleger als auch die Spürhunde: 77mal waren die beiden bei der Landespolizeidirektion Stuttgart eigens für Tom und Josef eingesetzten VP-Führer nach Heidenheim gereist, hatten bei diesen Dienstfahrten 13 000 Kilometer hinter sich gebracht, und sogar der Soko-Chef selbst war von dem Phantom in Marsch gesetzt worden.

So waren also auch die Ermittler schwer beschäftigt. „Da ist viel Manpower gebunden worden,“ beklagte bei der Verhandlung der Vertreter der Ellwanger Staatsanwaltschaft, hält dem der Abzockerei bezichtigten Angeklagten gar vor, die Ermittler von der Lösung des eigentlichen Falles abgehalten zu haben. Das einzig Gute an diesem spektakulären Fall weiß der Vorsitzende Richter darin zu finden, dass diese Sache rechtzeitig vom Hauptverfahren Bögerl abgetrennt worden sei, sodass Falschinformationen nicht ins Ermittlungsbild eingewoben worden seien.

Möglicherweise zu lange vertraut

Aber war man in Stuttgart nicht zu vertrauensselig? Nach Einschätzung des Verteidigers Johannes Römer hat man seinem Mandanten vielleicht tatsächlich zu lange und zu gutgläubig bei dessen raffiniertem Spiel zugeschaut. Und auch Richter Bergmeister kommt zu dem Schluss, dass man früher die Reißleine gezogen hätte, hätte es sich nicht ausgerechnet um den Fall Bögerl gehandelt: „Was wäre denn gewesen, wenn unter dem ganzen Wust von Falschinformationen eine richtige Information gewesen wäre und der wäre man nicht nachgegangen...?“

Und was hat den Regisseur des ganzen Geschehens eigentlich geritten? „Ich wollte selber alles aufklären,“, so seine Erklärung, „habe mich reingesteigert, total verrannt.“ Das Geld sei's nicht gewesen, sagt der sehr ruhig auf der Anklagebank sitzende und klar formulierende Mann, der weder geduckt herkommt noch Stolz über seine Taten erkennen lässt. „Ich wollte gar kein Geld, das haben die mir angeboten.“

Das Urteil nimmt er regungslos hin. Der Betrugsfall Tom ist geklärt, der Fall Josef auch. Allein der Mordfall Bögerl bleibt weiter offen.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel