Heidenheim / Karin Fuchs  Uhr
Als Mohammad Kurtan vor 25 Jahren der Liebe wegen nach Deutschland kam, war er als Syrer allein auf weiter Flur. Niemand ahnte, dass sich einst Zigtausende seiner Landsleute hierher flüchten würden. Seinen Vorsprung nutzt Kurtan heute, indem er Flüchtlingen hilft.

Niemals vor dieser schicksalhaften Begegnung hatte Kurtan geplant, einmal in Deutschland zu leben, hier zu heiraten oder gar eine Familie zu gründen. Der junge Syrer wohnte mit seiner Familie auf einem großen Landgut nahe Damaskus. Dazu gehörten etliche Ländereien und ein Schwimmbad in der Größe des Heidenheimer Waldbads. Es war ein Wink des Schicksals, dass Kurtan auf seinen Reisen in Algerien einen deutschen Rechtswissenschaftler traf, mit dem er sich so gut verstand, dass dieser ihn nach Stuttgart einlud. Kurtan war neugierig und reiste nach Deutschland, wo sich sein Leben entscheidend ändern sollte. Denn hier lernte er seine spätere Frau kennen. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Kurtan vergisst seine ersten Eindrücke von Deutschland nie. Es war Oktober und der Syrer sah eine Landschaft, wie er sie nicht kannte. „Ich dachte, ich sei in einer surrealen Welt gelandet. Deutschland kam mir vor wie eine Braut, die sich mit Henna bemalt hat. Das Bild ist fest verankert in mir.“

Bildreich, oft sehr poetisch ist Kurtans Sprache, wenn er erzählt. Noch ausgeprägter ist es, wenn er zur Feder greift, um Gedichte zu schreiben. Schon früher verfasste er Texte auf arabisch, heute schreibt er die die kleinen Gedichte auf deutsch. Eines davon heißt „Der Migrant“ und ist in einem Lehrbuch veröffentlicht, das das Goethe-Institut weltweit verwendet, um Deutschlernende auf das kleine Sprachdiplom vorzubereiten. Er schreibe dann, wenn er besonders traurig oder sehr glücklich sei, nicht um berühmt zu werden.

Überhaupt ist Sprache für Kurtan elementar: „Ich habe aufgehört, mich fremd zu fühlen, als ich deutsch so gut konnte, um auch über Feinheiten zu sprechen“, sagt Kurtan, der stolz darauf ist, auf deutsch wie in seiner Muttersprache formulieren zu können. Dabei hat er keine Sprachkurse besucht, wie es heute die Flüchtlinge tun. Er hat sich das Deutsch selbst beigebracht. Sein erstes Wort, das er gelernt habe, sei „Arbeit“ gewesen. Mit diesem Wort auf den Lippen sei er in die damalige Konzerthaus-Gaststätte marschiert und habe tatsächlich Arbeit bekommen als Tellerwäscher.

Deutsch brachte er sich weitgehend selbst bei, durch sprechen und durch lesen. Die Werke von Goethe, Hölderlin und Schiller kennte Mohammad Kurtan besser auswendig als manch ein Deutscher und kann fehlerfrei viele Verse aus Goethes Faust rezitieren. Viele Gedanken hat er sich über die Sprache gemacht, vor allem über die Gemeinsamkeiten des Arabischen und Deutschen. Es gebe etliche Wörter arabischer Herkunft, sagt Kurtan und zählt auf: Kaffee, Berg, Ruhe.

50 Jahre ist Mohammad Kurtan heute alt. Die erste Hälfte seines Lebens hat er in Syrien verbracht, die zweite in Deutschland. Welche Hälfte ist ihm wichtiger? So genau kann Kurtan die Frage nicht beantworten: „Ich komme aus Arabien, bin aber in der weiten Welt zu Hause“, sagt er nach einigem Nachdenken. Syrien sei seine Herkunft, Deutschland sein Schicksal.

Die Flüchtlingskrise betrifft Mohammad Kurtan natürlich persönlich sehr. Seine Schwestern und Brüder und seine Mutter wohnen noch in Syrien. „Trotz aller Gefahren dort, sie wollen keine Flüchtlinge sein“, erzählt Kurtan. Das Zuhause seiner Kindheit ist zerstört, eine Cousine und Freunde seien getötet worden. Dass der Krieg nicht beendet werden könne, das sei eine Niederlage unserer Zivilisation. Partei ergreifen will Kurtan jedoch nicht, „Alle Syrer sind in meinem Herzen.“ Hier in Heidenheim ist der 50-Jährige, der seit 1997 deutscher Staatsbürger ist, an einer wichtigen Stelle der Flüchtlingshilfe eingesetzt: Im Auftrag des Landkreises begleitet und berät er arabisch sprechende Flüchtlinge. „Ich möchte Brücken bauen zwischen Orient und Okzident.“ Er sei sich sicher, dass die Integration gelingen kann, es sei ein gegenseitiger Prozess. „Die Fremden werden unseren Alltag bereichern, sie haben etwas mitgebracht, das gut tun wird.“ Mohammad Kurtan lächelt? „Die Menschen hier sind so perfekt, durchorganisiert, sie nehmen das Leben manchmal zu ernst. Die Syrer leben spielerischer. Beides zusammen ergibt doch eine perfekte Mischung.“